Männer sollen Pionierarbeit leisten

Debatten um die Geschlechterrollen prägten in letzter Zeit den öffentlichen Diskurs: So sind hierzu verschiedene Beiträge in den führenden Medien erschienen – allen voran im Schweizer Fernsehen. Die Qualität der Beiträge wurde von gewissen Seiten zwar kritisiert – dass die Diskussion in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, lässt sich aber nicht leugnen.

 

Milad Al-Rafu

 

Mit dem «WOM!-Festival» will Initiantin Daniela Hediger ihren Beitrag zur Überwindung stereotyper Geschlechterrollen in der Arbeitswelt leisten. «Der Name «WOM!» stammt aus der Comicsprache und steht für eine Erschütterung. «Mit dem ersten WOM!-Festival möchten wir die Norm der nach wie vor traditionellen Männerrolle erschüttern», erklärt Hediger. Hierbei geht es ihr nicht darum, sexuelle Übergriffe und andere unangemessene Verhaltensweisen am Arbeitsplatz zu thematisieren, wie dies im Zuge des MeToo-Movements geschehen ist.

 

Vielmehr will sie mit diesem Festival den Fokus auf die Rolle des Mannes in der Familien- und Arbeitswelt richten, mit dem Ziel, einen gesellschaftlichen Normenwandel herbeizuführen: «Es geht mir darum, eine Wertedebatte anzustossen», erklärt Hediger. Sie ist überzeugt, dass es diesen Wandel braucht, damit sowohl die Frau als auch der Mann zukünftig zu gleichen Teilen die Erwerbs- und Familienarbeit übernehmen können. Dieser Wandel habe einerseits von der Wirtschaft auszugehen: «Unternehmen müssen vermehrt die Infrastruktur und Ressourcen anbieten, um reduzierte Arbeitspensen, flexibles und ortsunabhängiges Arbeiten auf allen Stufen zu ermöglichen», so Hediger. Mit den SBB, LiiP und IKEA hat das Festival bereits Sponsoren an Bord, die sich für solche Modelle stark machen. «Gleichzeitig braucht es auch eine Veränderung des öffentlichen Diskurses». Denn wenn Teilzeitarbeit weiterhin so negativ behaftet bleibe und in vielen Fällen unerwünschte berufliche Konsequenzen mit sich ziehe, nütze auch die Bereitstellung der Infrastruktur durch die Unternehmen nicht viel.

 

 

 

Infragestellung der Arbeitskultur
Im Zentrum des Festivals steht gemäss Hediger deshalb nicht nur die Reflektion über die Rolle der Männer in der Arbeitswelt, sondern eine allgemeine Infragestellung unserer Arbeitskultur sowie des Leistungsgedankens: «Die Frage der Familienplanung ist fundamental – es geht aber auch darum, generell den Stellenwert von unbezahlter Arbeit neu zu denken». Hediger stört sich daran, dass man heutzutage sein Arbeitspensum nicht reduzieren könne, um andere Interessen wahrzunehmen – wie etwa für ein Ehrenamt, Angehörigenpflege oder ein intensives Hobby – ohne dass man rasch als weniger engagiert in der Arbeit erscheine. «Grundsätzlich sollte die Motivation und der Output entscheidend sein und nicht die Präsenzzeit», fordert Hediger.

 

«WOM!-Veranstaltungen wie dieses Festival bringen die gesellschaftsrelevanten Themen immer über die Kunst zur Diskussion, denn dadurch können Themen angesprochen werden, ohne dabei gleich moralisierend zu wirken», erklärt Hediger: Das Herzstück des Festivals ist eine Kunstaustellung in Schiffs­containern, die auf einem öffentlichen Platz in Zürich angedacht ist, wobei diese Ausstellung dann in späteren Phasen auch in anderen Städten anzutreffen sein wird.

 

Damit erhofft sie sich, möglichst Personen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen erreichen zu können. Auch Podiumsdiskussionen rund um das Thema Vereinbarkeit von Job und Privatleben sind geplant. Das Festival ist auf Frühjahr 2020 angesetzt, wobei die Finanzierung trotz namhafter Sponsoren noch nicht gänzlich gesichert ist. «Wir setzen auf Crowdfunding – nicht nur um den Restbetrag bereitzustellen, sondern auch, um eine Gemeinschaft von Interessierten aufzubauen.» Im Juni wird bereits eine erste Veranstaltung durchgeführt.

 

Einbezug der Männer
Auf die Frage angesprochen, wie sie sich denn als Initiantin des Festivals zum feministischen Diskurs der letzten Jahre positioniere, sagt sie: «Ich stehe natürlich voll hinter den Ideen und Werten des Feminismus. Allerdings wünschte ich mir, dass unter diesem Begriff wieder ‹nur› Frauenanliegen fallen, um die Schlagkraft zurückzugewinnen.» Für die anderen Themen wünscht sich Hediger einen Begriff, unter dem sich auch Männer inkludiert fühlen und aktiviert werden können. «Denn für eine wirkliche Veränderung braucht es die andere Hälfte der Gesellschaft unbedingt auch», so Hediger. Sie erhoffe sich, dass das «WOM!-Festival» hierzu einen Beitrag leisten kann. Allgemein wünscht sie sich, dass nicht mehr nur Frauen, die in der Arbeitswelt neue Wege gingen, eine Pionierrolle zugeschrieben wird. «Auch Männer müssen nun Pionierarbeit leisten und sich gegen das Stigma der Teilzeitarbeit sowie den Leistungsdruck positionieren. Auch wenn dies bedeutet, sich unangenehmen Reaktionen im sozialen Umfeld auszusetzen.»

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