Liebes Kind

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Dreissig, hm? Jaaa, dieses Datum blüht allen mal, ausser vielleicht, man ist Jesus. Aber gemach, es geht vorbei und ist lange nicht mehr so schlimm wie früher, wo man keinem über dreissig getraut hat. Es tut mir furchtbar leid, aber es wird schon wieder nichts mit dem Pony zum Geburtstag. Wozu auch. Das Leben jenseits von Dreissig ist kein Ponyhof.
Und auch das mit dem rosa Ferrari lassen wir lieber bleiben, du weisst ja, Papi ist ein grosser Frosch bei den Grünen. Dafür hab ich dir einen Haufen guter Grundlagen mitgegeben: Du siehst besser aus als ich, du bist viel schlauer als ich, du hast wesentlich mehr Tattoos als ich, und sogar im ABC-Rülpsen bist du mir überlegen. Du bist, zusammen mit deinem Bruder, das Licht meines Lebens, naja, manchmal wart ihr auch der Nagel zu meinem Sarg.

 

Zudem: Du hast ja ohnehin ein schönes Geschenk an mir oder, genauer gesagt, nicht mir, sondern meiner Generation. Gerade bemüht sie sich mal wieder, den Karren deiner Altersvorsorge gründlich gegen die Wand zu fahren. Ist nicht meine Fahrtrichtung, ich werde Nein stimmen bei diesem AHV-Reform-Hohn, aber das wird nichts nützen. Wie war das nochmals mit dem Ponyhof? Ich denke, du bist gut beraten, wenn du dich auf ein laaanges Arbeitsleben einstellst. Vielleicht aber kommt deine Generation auch zur Vernunft, besinnt sich darauf, dass wir im reichsten Land der Welt leben, und holt sich das nötige Geld, wo es liegt.
Wobei, wenn ich auf so einige aus deiner Generation schaue, die ja jegliche Altersvorsorge zur Gänze abschaffen wollen, dann wird mein Glaube an den geistigen und moralischen Fortschritt der Menschheit ganz schön auf die Probe gestellt. Nun ja, mein Kind, vielleicht steuern wir auf eine Gesellschaft zu, in der es die Ponys besser haben als die Alten. Dann müssen wir alle unsere Volksweisheiten vom Leben als Ponyhof neu justieren.
 

Dafür brauchst du dir über die Lage im Umweltbereich nicht den Kopf zu zerbrechen, die ist nämlich glasklar: Es wird wärmer, und niemand da, der das aufhalten wird. Ihr könnt bereits mit der Planung der Adaptionsmassnahmen beginnen, unsere Bundesverwaltung ist übrigens schon seit Jahren dran.
 
Das Meer wird steigen, die Wetterkatastrophen werden die Versicherungen in den Ruin treiben, das snöben hast du dir vergebens beigebracht, und ihr werdet erbitterte und ausdauernde Debatten darüber führen, ob es ein Asylgrund sei, wenn man in seinem Heimatland kein Trinkwasser mehr hat, nicht nur weil Coca Cola die letzte Quelle privatisiert hat, sondern weil auch die am Versiegen ist.
Aber immerhin: Ihr werdet diese Debatten im Schatten der Solaranlagen und im leisen Surren der Windräder führen können, wenn ihr wieder mal einen Sonntagsausflug zum Endlager in Benken macht. Es soll schön dort sein. Und menschenleer.
 
Ja, und dann wäre da noch diese Sache mit der Gleichberechtigung. Was soll ich dir sagen, Kind, du als Frau wirst ja mittlerweile gemerkt haben, dass ein Verfassungsartikel auch kein Ponyhof ist. Und dass vielleicht jede Generation ihre eigenen Rezepte ausprobieren muss.
 
Darum wünsche ich dir zum Geburtstag eine grosse Portion Empörung und die Einsicht, dass einmal kämpfen offenbar nicht genügt. 30 Jahre sind da ein Klacks. Wollen wir uns einfach wieder an deinem 60sten treffen und ein bisschen klönen? Wie auch immer: Alles Liebe zum Dreissigsten!

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