Lektion in Demut

Fernand Melgar, Regisseur von «La Forteresse» und «L’Abri», begleitet in seinem neuen Dokumentarfilm eine Sonderklasse, die sich aus fünf Kindern mit verschiedenen geistigen Behinderungen zusammensetzt. Wie in seinen früheren Werken tut er dies ohne Off-Kommentar – «cinéma direct» in Reinform.

 

Neulich im Zug seufzte eine Mutter über ihre quengelnde Tochter in der Vorpubertät: «Manchmal würde ich sie am liebsten verschenken.» Und doppelt gleich nach: «Aber ohne sie würd ichs keine halbe Stunde aushalten.» Das Mädchen war physisch und psychisch gesund. Wie muss es da Eltern ergehen, deren Kinder geistig oder mehrfach beeinträchtigt sind? Fernand Melgar begleitete eine Vorschul-Sonderklasse an der Rue des Philosophes in Yverdon in der gleichen Weise, wie er in «La Forteresse» den Alltag in einem Ausschaffungsgefängnis und in «L’Abri» jenen in einer von der Schliessung bedrohten Notschlafstelle dokumentierte. Kein beschwichtigender Off-Kommentar, keine Verortung in politisch-struktureller Hinsicht. Er nennt das «cinéma direct» und überlässt jede Wertung dem Publikum. Die ausgewählte Klasse ist in mehrerer Hinsicht aussergewöhnlich: In grösseren Städten werden Sonderklassen nach Beeinträchtigungstypen separiert, und überall wird meist versucht, EinzelschülerInnen in bereits rudimentär strukturierte Klassengefüge zu integrieren. Hier setzt sich eine Klasse aus fünf Kindern mit verschiedensten geistigen Behinderungen von Null auf zusammen, was einer annähernden Eins-zu-eins-Betreuung bedarf. Die LehrerInnen stellen ihre sichtliche Engelsgeduld gleich selbst in Relation, wenn sie über ihre ausserschulischen Kraftquellen reden und von einer Vielzahl von KollegInnen mit Burn-out berichten. Und die Eltern kämpfen über das eingangs erwähnte Beispiel komplett alltäglichen Erziehungswahnsinns hinaus mit Schuldbewusstsein, Zukunftsängsten, wirtschaftlich verschärften Existenzbedingungen und über der Herausforderung zerbrechenden Paarbeziehungen. Ein Kinderlachen aber bleibt ein Kinderlachen. Und wenn ein Kind nach Monaten endlich fünf Minuten am Stück stillsitzen und ruhig sein kann, ist das ein Fortschritt, der einem direkt ans Herz geht. «À l’école des philosophes» ist eine regelrechte Lektion in Demut und darin auch ein Geschenk ans Publikum, sich mal wieder darauf zu besinnen, woraufs im Leben ankommt und was es im Tiefsten wirklich lebenswert macht.

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