Land unter in Polen?

Wird die Klimakonferenz in Kattowitz – wie 2009 jene von Kopenhagen – zum politischen Desaster? War der Aufbruch vor drei Jahren in Paris eine grosse Illusion? Es ist daran zu erinnern, dass das Entscheidende anderswo geschieht und dass die realen Dramen fernab der globalen Treffen stattfinden, zum Beispiel auf pazifischen Inseln.

 

Hans Steiger

 

António Guterres erinnerte zur Eröffnung der UNO-Klimakonferenz, die gemäss offiziellem Fahrplan heute Freitag endet, energisch daran, dass es hier um eine «Frage von Leben und Tod» gehe – für viele Menschen, an vielen Orten. Auch drei Jahre nach der Willenserklärung, in gemeinsamer Anstrengung und mit verschärfter Zielsetzung ein «globales Klima-Chaos» abzuwenden, sei die Staatengemeinschaft nicht auf Kurs. «Wir brauchen mehr Taten und mehr Ehrgeiz.»

 

Parallel zur Konferenz konnten wir in Bern das pure Gegenteil von ehrgeizigem Handeln verfolgen. Und falls die Stadt Zürich der nicht befriedigenden 2000-Watt-Zwischenbilanz beim Verkehr radikale Schritte folgen lassen wollte, droht der Kanton mit einem Veto. Lassen sich die Weichen durch Klimawahlen im kommenden Jahr anders stellen? Wenn ja: Gibt es dann Widerstand von unten? Würde eine stärkere CO2-Steuer als ungerecht empfunden und wieder gekippt wie – ausgerechnet – in Paris?

 

Weiter für das Wunder wirken
«Der Klimawandel», ein hochaktuelles Kompendium zur Dimension des Problems und zum Stand der Dinge, erinnert an andere Bilder aus Paris, welche um die Welt gingen. An die «euphorischen Schlussszenen» des Gipfels vom 12. Dezember 2015. Die würden wohl im Gedächtnis bleiben – «ob als Belege für die Überlebenskraft unserer Zivilisation oder als Symbol für den Selbstbetrug der Menschen wird sich erweisen». Stefan Rahmstorf und Hans-Joachim Schellnhuber, zwei der weltweit kompetentesten Fachleute, fügten ihrem 2006 vorgelegten Klima-«Bestseller» in der nun achten Auflage ein Kapitel bei, das die Dynamik jener Konferenz analysiert. Nur schon dieser Ergänzung wegen lohnt sich der Kauf selbst für jene, die sich genug informiert fühlen. Anderen liefert das Bändchen in Kürze viel tagesmedial kaum vermittelbares Hintergrundmaterial.

 

Schellnhuber, damals noch Direktor des von ihm 1992 gegründeten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hatte 2015 mit «Selbstverbrennung» einen gut 700 Seiten starken, eindringlichen Alarmruf vorgelegt und als Berater des Papstes bei der «grünen Enzyklika» mitgewirkt. Nachdem 2009 in Kopenhagen ein von Erwartungen überladener Klimagipfel grandios gescheitert war, herrschte nach etlichen Zwischenrunden bei vielen die feste Überzeugung, dass die «zweite und letzte grosse Chance für den Weltklimaschutz genutzt würde. Oder sie wollten das einfach glauben». Die französische Diplomatie trug ihren Teil zum «Geist von Paris» bei; mit dem charismatischen Oberhaupt der katholischen Kirche «war auch diejenige Instanz zu Hilfe gekommen, die von Amts wegen für Wunder zuständig ist».

 

Von seinen Ambitionen her war das Abkommen wichtig. «Aber was ist der Vertrag wert?» Warum geht es nicht schneller? Bequemlichkeit und wirtschaftliche Interessen stehen im Weg. «Nicht zu unterschätzen ist auch die Abneigung von Politikern gegenüber wirklich grossen Aufgaben, während sie geradezu nach kleinen Problemen lechzen, die sich leicht lösen und in Wählerstimmen ummünzen lassen.» Doch es wäre verfehlt, resignierend nur Blockaden zu sehen. Auch «die Koalition der Freiwilligen» wirkt. Aus den USA wird Arnold Schwarzenegger als eher überraschende Symbolfigur der wachsenden Klimabewegung in Kalifornien gewürdigt. Er wolle jetzt «offenbar als CO2-Terminator in die Umweltgeschichte eingehen». Städtenetzwerke sind aktiv, ganze Regionen gehen voran – angestossen von zivilgesellschaftlichen Organisationen. Unternehmen wollen die ökonomischen Chancen der ökologischen Umorientierung nutzen. «Die im Entstehen begriffene Weltgesellschaft» könnte die «Feuertaufe» durchaus bestehen, betonen die Autoren im Epilog. Natürlich ohne Garantie, aber Aufgeben sei keine Option.

 

Lernhalbjahr auf ferneren Inseln
Mit gemischten Gefühlen nahm ich «Klimawandel hautnah» in die Hand. Inselmenschen beim Untergehen zusehen? Kreuzfahrten ins schmelzende Eis der Arktis werden ja längst angeboten. Immerhin ist Springer ein Wissenschaftsverlag, die Verfasserin eine Biologin mit Bezug zum Thema. Sie wuchs im flachen Ostfriesland auf, wirkt journalistisch bei einer deutschen Meeresstiftung. Bei den Vorbemerkungen tauchten erneut Zweifel auf: «Da ich aber ein besonderes Faible für entlegene pazifische Inseln habe und Kiritimati besuchen wollte, seit ich als 13-Jährige in einem Buch über die Reisen James Cooks davon gelesen hatte, habe ich mich für diese Insel entschieden.» Doch sie jettete nicht nur kurz hin. Sie blieb ein halbes Jahr, arbeitete sich in die aus der Klimaforschung für diese Inselgruppe ableitbaren Prognosen, bestehenden und erwartbaren Probleme ein. Nicht nur das. Wir erfahren Hintergründiges zur Geschichte, zu den unterschiedlichen Kulturen in einem bei uns wenig bekannten Lebensraum, etwa über Nahrung aus dem Meer und die minimale Wirtschaftsstruktur vor der Kolonialzeit.
Unter britischer Herrschaft wurde die Bevölkerung dann zur Plantagenarbeit gezwungen: Kokosnüsse für den Export. Die wohl übelste Phase des willkürlichen Umgangs mit den Menschen begann 1956, als die Regierung in London entschied, ihre neu entwickelten A-Bomben auf den entlegenen Inseln zu testen. 1962 folgten die USA diesem schlechten Beispiel. Dies alles hinterliess der 1979 autonom gewordenen Republik «ein schweres Erbe», wie ein Zwischentitel bilanziert, «bis heute».

 

A-Bomben-Tests & Klima-Alarm
Und jetzt kommt auf den Staat, der von der Ausdehnung her zu den grössten, aber auch ärmsten der Welt zählt und «bereits so einen schwierigen Start und Stand hat», die akute Bedrohung durch den Klimawandel hinzu. Im fünften Bericht des Weltklimarates war 2014 zu lesen, dass die neuen Risiken «andere Stressoren» verstärken und «das Leben armer Menschen direkt durch Auswirkung auf Existenzgrundlagen, verringerte Ernteerträge, höhere Lebensmittelpreise und Ernährungsunsicherheit» beeinträchtigen. Dies wird hier mit praktischen Beispielen präzisiert und zugleich differenziert: «In Süd-Tarawa haben die Menschen zwar mehr Geld als auf Marakei – aber sie sind trotzdem ärmer, da sie in einem monetären System leben und ohne Geld weder Essen noch Trinkwasser oder Unterkunft zur Verfügung stehen.» Auf den äusseren Inseln ist die Verwundbarkeit besonders gross, einige werden schon in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten unbewohnbar sein oder komplett verschwinden. Andernorts dürfte Überbevölkerung die Probleme verschärfen.

 

«Mitten im Nirgendwo» wurde mit Kiritimati bereits eine «Migrationsinsel» geschaffen. In heute rund tausend Haushalten leben dort gegen 6500 zumeist Umgesiedelte. «Häufig ziehen einzelne Personen oder Teile einer Familie um.» So zerfallen traditionell wichtige Gemeinschaftsstrukturen. Zwar seien die Menschen gesellig und offen für Fremde, merkt die Autorin an, «wenn auch nicht unbedingt füreinander». Nach der Rückkehr schrieb ihr eine 15-Jährige, dass sie alles über den Ort wissen wolle, «wo du wohnst, damit ich es wiedererkenne, wenn ich vielleicht eines Tages dorthin reisen kann». Das zeige die Zielperspektive von vielen.

 

Auch die Regierung sei sich «der Möglichkeit der Migration als Anpassungsstrategie an den Klimawandel bewusst», stellt Gabriele Kerber fest. Es gibt entsprechende Initiativen, aber «die weniger privilegierten und daher weniger gebildeten Schichten haben geringere Chancen auf eine würdevolle Migration». Im internationalen Recht besteht noch «keinerlei Verpflichtung», vom Klima bedrohten oder vertriebenen Bürgerinnen und Bürgern eines anderen Landes zu helfen. Von den gut 110 000 I-Kiribati, so die für alle Inseln geltende Bezeichnung, emigrierten aktuell rund 0,1 Prozent pro Jahr. Bis zur Jahrhundertmitte sei mit dem Exodus der gesamten Bevölkerung zu rechnen. Wie sieht die Welt dann aus? Durchaus denkbar, dass «das letzte Schiff oder Flugzeug die Insel verlässt und Menschen zurückbleiben – nicht weil sie vergessen wurden, sondern weil es nie geplant war, sie in Sicherheit zu bringen». Dass global andere, bessere Entwicklungen anzustreben wären, versteht sich. Zentral sind darum im Buch sehr konkrete Fragen zu Massnahmen, die möglichst vielen noch möglichst lang ein gutes Leben vor Ort sichern könnten.

 

Der kaum erträgliche Unterschied
Aufschlussreich sind im Schlussteil die Vergleiche mit zwei deutschen Inseln in der Nordsee, die verschiedene Strategien verfolgen. Das stark touristisch geprägte Borkum verschanzt sich massiv. Durch die Klimaänderung kann es ein attraktives «Mittelmeerflair» gewinnen, wenn in südlichen europäischen Destinationen einmal Sommertemperaturen über 40 Grad zur Regel werden. Doch die Autorin sieht langfristig auch am nördlichen Flachrand kaum zu bewältigende Probleme. Beim maximal 5 Meter über Meer gelegenen nordfriesischen Hallig Hooge gehören schon heute gelegentliche «Landunter» zum Alltag. Eine der Folgen der Überflutungen mit Salzwasser ist, dass es dort keine ausgedehnten «Süsswasserlinsen» wie auf Borkum oder auf den pazifischen Atollen gibt. Mangel an Trinkwasser war ein limitierender Faktor für die Besiedelung und Landwirtschaft. Knapp hundert dort Wohnende leben heute im UNESCO-Biosphärenreservat mit einer sanften Art von Tourismus. Noch ist ungewiss, wie sich die Höhe der Wellen und deren Wirkung entwickeln werden, ob sich die Sturmstärken entscheidend verändern. Klar ist nur, dass Banken für den Bau von Häusern keine klassischen Kredite mit Laufzeiten von 25 bis 30 Jahren mehr gewähren …

 

So sehr sich Grundgegebenheiten der nahen und der fernen Inseln gleichen: Da ist ein entscheidender Unterschied. «Für die deutsche Bucht und andere Küsten des globalen Nordens gibt es zahlreiche Forschungs- und Schutzprogramme» sowie genug Geld, um dazu bestes Wissen und Können einzukaufen, um Deiche weiter zu erhöhen, Strände aufzuschütten, Strömungen umzuleiten oder Bewohnerinnen und Bewohner in einem Überschwemmungsgebiet auf andere Weise zu sichern. Vielleicht werden die Häuser – wie in einem Architekturwettbewerb angenommen – bald «auf Stelzen stehen oder hy­draulisch hochgehoben», werden Verbindungsbrücken gebaut, «damit die Isolation bei häufigerem Landunter nicht zu gross wird». Für den globalen Süden gilt das Gegenteil. Dort gibt es Unterstützung «viel zu spärlich, bürokratisch und ineffizient». Wenn überhaupt, werden Massnahmen oft ohne Einbezug der Bevölkerung geplant.

 

«Warum geben wir, die für den Klimawandel verantwortlich sind und die Verantwortung übernehmen sollten, indem wir anderen Menschen helfen, diesen nicht die gleichen Rechte und gestehen ihnen die gleiche Mündigkeit zu?» In ein oder zwei Jahrhunderten, das könnte selbst eine griffige Klimapolitik kaum ändern, müssten auch Menschen auf Borkum und Hooge kapitulieren und auf das deutsche Festland ziehen. «Die I-Kiribati werden bereits in einigen Jahrzehnten ihre Inseln aufgeben müssen und sich auf andere Nationen verteilen, wo ihre Kultur und Sprache langsam vergessen werden.»

 

Nur kleine Relikte werden bleiben
Uns liegen die Gletscher und deren Verschwinden näher. Langsam werden auch hier Folgen erkennbar, die Unsicherheit direkt Betroffener wächst. Die meisten von uns nehmen nun betroffen zur Kenntnis, dass nach allen Prognosen nur noch kleine Relikte dieser Wunder der Alpenlandschaft bleiben. Auch dazu erschien in diesen Tagen ein Buch. Es dokumentiere einen «hilflosen Versuch», steht in der Ankündigung. Hansjörg Sahli beschrieb dort, was sein Bildband zeigt: «Die ersten Fotos vom Rhonegletscher machte ich im Juli 2014. Dabei machte damals der verhüllte Gletscher einen sehr ordentlichen Eindruck. Die Tücher waren schön weiss, straff gespannt, das darunter liegende Eis hatte Volumen.» Funktion der Tücher war es, Eis und eine Gletschergrotte gegen Sonnenstrahlung zu schützen. «Als ich 14 Tage später wieder kam, sah alles anders aus. Es hatte gestürmt und sehr viel geregnet. Die Tücher waren zum Teil weggerissen, zerfetzt, dreckig. Der Gletscher bot einen jämmerlichen Anblick.» Und die Eiszunge, «ich habe mich sicher nicht getäuscht», war massiv geschrumpft.

 

Schon in der Vorschau wirkten die Fotos gespenstisch, beklemmend. Sie zeigen auch spätere Stadien. Will ich die Kollektion im Regal? Ob dies zum Einsatz für die sogenannte Gletscherinitiative animiert? Es wäre naiv, die von CO2-Inte­ressen aller Art gelenkten Entscheidenden in Bern oder anderswo mit einem Buch umstimmen zu wollen. Lieber würde ich diesen Bildband dem einen oder der anderen kaltwütig um die Ohren hauen. Wirksamer ist es, sie abzuwählen, auf allen Ebenen für Gegendruck und Alternativbewegung zu sorgen. Rahmstorf/Schellnhuber: «Tatsächlich gibt es aus technischer und ökonomischer Sicht unzählige Wege zur Klimastabilisierung, aber man muss sich eben auch auf den Weg machen. Und zwar ohne weiteres Zaudern, denn mit jedem Emissionsjahr erhöht die Menschheit ihre Kohlenstoffschuld, deren Tilgung Tausende von Jahren währen könnte.»

 

Stefan Rahmstorf / Hans-Joachim Schellnhuber: Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. C.H. Beck, München 2018, 145 Seiten, 14.50 Franken.

 

Gabriele Kerber: Klimawandel hautnah. Springer, Berlin 2018, 251 Seiten, 20 Euro.

 

Hansjörg Sahli: Rhonegletscher. Edition Patrick Frey, Zürich 2018, 132 Seiten mit 100 grossflächigen Abbildungen, 42 Franken.

 

Gletscher-Initiative: www.klimaschutz-schweiz.ch

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