Kunst schauen lernen

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Mit Verena Loewensberg war es ausgerechnet eine Zürcher Konkrete, die vor nunmehr fünf Jahren den Erstbesuch im Kunstmuseum Winterthur zur Herzensangelegenheit machte. Seither ist das Haus fix auf dem Radar.

 

 

Die erlebte Zeitspanne umfasst also noch nicht einmal einen Fünftel derer, in der Dieter Schwarz die Geschicke des Hauses lenkte. Nach 27 Jahren gab er am vergangenen 1. Juli den Stab weiter an seinen Nachfolger Konrad Bitterli und schenkte ein klein wenig sich und sehr viel mehr dem Publikum mit der Ausstellung «Calder to Kelly – Die amerikanische Sammlung» einen letzten einprägsamen Kunstgruss.
In bleibender Erinnerung auf der ganz persönlichen Ebene des fortdauernden Kunst schauen Lernens, die ganz direkt mit dem Kunstmuseum Winterthur unter Dieter Schwarz verbunden ist, wird die Auseinandersetzung mit der Plastik, der Bildhauerei in der eigenen Wahrnehmung verknüpft bleiben. So wie es – von der Zeitgenossenschaft und eben den Zürcher Konkreten herkommend – die Altmeister lange Jahre schwer hatten, gefühlte Begeisterung herzustellen, und erst ein Tiziano Vecellio in Neapel dank Farbgebung und Lichtführung zum Heureka!-Moment wurde, hat es Dieter Schwarz mit den eher sperrig entschlüsselbaren Werken von Richard Deacon, Joel Shapiro und zuletzt William Tucker geschafft, das eigene Sensorium diesbezüglich zu schärfen.
Und so kommt es, dass im ersten Raum des Erweiterungsbaus der aktuellen Ausstellung die kleine Skulptur «Welding in Wood» von George Sugarman (Bildmitte auf dem Podest) den freudigen Ehrgeiz anstachelte, begriffen werden zu wollen. Bis zu einem finalen Schluss reichte es nicht. Aber die Faszination hielt die gesamte Aufmerksamkeit für mindestens eine Viertelstunde in ihrem Bann und die Assoziationen überschlugen sich in ihrer Vielfalt und Menge beim Betrachten, dass alles rundherum für diese mit Eindrücken und Emotionen gefüllte Zeitspanne verschwand.
 

 
Grosszügig
Es ist das erste Mal in den beobachteten fünf Jahren, dass das Kunstmuseum Winterthur dermassen viel Raum einer einzigen Ausstellung zubilligt. Die beiden Kabinette beim Haupteingang und im ersten Stock sowie der hinterste Raum der Sammlung sind Arbeiten auf Papier gewidmet, und der gesamte Erweiterungsbau plus die beiden letzten Räume nach Sophie Taeuber und Piet Mondrian sind – sehr grosszügig – mit der amerikanischen Sammlung bestückt. Die ewige Rede von sämtlichen Kunsthäusern auf der Welt, durch die leider nicht unerschöpflichen Mittel ein klares Sammlerkonzept verfolgen zu müssen, wird hier nachgerade plastisch greifbar. Die Tiefe, nicht die Breite, heisst die Maxime im Kunstmuseum Winterthur. Und so kann ein ganzer Raum der Minimal-Art von Fred Sandback gewidmet werden. Mit (vulgo) Schnüren schafft er räumliche Werke, obschon sie selbst nicht räumlich sind. Es ist die Abteilung der Ausstellung, die es schafft, die bereits im Bau manifestierte Weite des Saales durch diese minimale Kunstintervention noch einmal um ein Zigfaches zu vergrössern. Am liebsten würde man hier gleich einziehen… So viel Luft, so viel Befreiung, so viel Raum für Energie und Gedanken. So viel Struktur, so viel Spiel, so viel intellektuelle und emotionale Anregung. Es ist die helle Freude.
 

 
Viel Frauen
Natürlich finden sich in der amerikanischen Sammlung auch die zerdepperten Bleche von John Chamberlain, die bereits in der Präsentation der Sammlung Looser im Kunsthaus Zürich kaum mehr als begriffsstutziges Schulterzucken ausgelöst hatten. Oder dann die Abteilungen Gemälde, die mit sehr viel Wohlwollen im Entferntesten mit Rorschachtests in Verbindung gebracht werden könnten – also kaum positiv besetzte Assoziationen auslösen. Aber sie sind in der Minderzahl. Dafür versetzt einen Dieter Schwarz mit einer geschmiedeten Kupferkugel von Roni Horn in baffes Erstaunen. Nach zwei ihrer Ausstellungen im Fotomuseum Winterthur hatte sie ihren festen Platz als Fotografin im kopfeigenen Ablagesystem. Und siehe da! Falsch gedacht. Die amerikanische Sammlung ist also nicht nur eine Übersichtschau der hauseigenen Werke und eine Zeitreise in der Kunst der USA der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern darüber hinaus auch noch für Überraschungen gut. Eine weitere ist die verhältnismässig grosse Anzahl von Werken von Künstlerinnen. Über den Daumen gepeilt fast ein Viertel der ausgestellten Namen sind Frauen. Sie sind zwar auch hier in Unterzahl, aber augenscheinlich dermassen unübersehbar gezielt mit in die Sammlung aufgenommen, dass ihre beachtliche Vertretung ins Auge sticht. Ebenso wie der Vorteil einer Sammlertätigkeit in die Tiefe. Will heissen: Das Vorhandensein mehrerer Werke aus gleicher Hand, was bei eingehendem Studium der Entstehungsjahre auch eine Entwicklung eineR BeispielkünstlerIn erahnbar bis erfassbar werden lässt. Kurzum ist die Abschiedsschau von Dieter Schwarz nachgerade eine schier uferlose Inspirationsquelle und der Besuch bis Mitte August herzlich empfohlen, denn die Anregungen gehen weit über die grossen Namen der Zugpferde hinaus und machen so etwas wie glücklich.
 

 
«Calder to Kelly – Die amerikanische Sammlung», bis 13.8., Kunstmuseum, Winterthur.

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