Kraft der Imagination

Die posthume Hommage an Erica Hänssler (1947 – 2016) im Theater Stok trifft ihre Tonalität der gelebten Poesieherstellung auf der Bühne sehr genau, lässt aber auch Raum für Störgeräusche und ihre resolute Seite.

 

 

Das Kellergewölbe am Hirschengraben verwandelt sich während «Erica – Ein Stück Freiheit» wieder in eine Zirkuskuppel, das Himmelszelt und einen unbegrenzten Fantasieraum in einem. «Ich glaube an Wunder», teilt Mona Kloos zu Beginn mit, nachdem sie sich aus dem staubgeschützten Fundus befreit hat, und man möchte sogleich zurückfragen: «Wer nicht?» Aber gegen die jahrzehntelange Hingabe Erica Hänsslers in ein Theaterleben mit Verve und Chutzpe, derweil sich der Zeitgeist wechselnden Moden unterwirft und Bürokraten die Welt neu erfunden zu haben glauben, ist die eigene Kraft der Imagination doch von recht überschaubarer Tragkraft. Um abzuheben, die Fesseln der Realität zu sprengen, benötigt es Mut, der nicht zuletzt auch aus Werken zwischen Buchdeckeln geschöpft werden kann: Jean Genet, Robert Walser, Else Lasker-Schüler liefern für diesen Abend zauberhafte Vorlagen, die von Lesungen aus den eigenen Werken «Theatertagebuch» und «Milchstrassenalphabeth» zu einer richtiggehend fantastischen Welt verschmelzen. Und dann quietscht die Drehorgel. Alt und abgespielt, zu ärmlich, um an Restaurierung zu denken, aber stolz und spielfreudig wie am ersten Tag. Es klingelt das Telefon und das Amt teilt die Halbierung der Subventionen mit, worauf als nur mittelprächtig diplomatische Retourkutsche laut und deutlich erwidert wird: «Ich verkaufe meine Arbeit nicht, ich verfüge darüber!» Die Hommage ist weder chronologisch noch vollständig, die Ära mit Zbignew Stok etwa ist nicht erkennbar, dafür wird der Wesenskern von Erica Hänssler beschworen, gefeiert und wiederhergestellt: Die Herstellung von Magie durch Poesie. Ein Büchlein voll Licht (!) führt die Schauspielerin wie ein Handlauf durch dunkelste Treppen, die sich wiederum als Ausdruck eines Liebesbeweises in eine hausfüllende Kügelibahn verwandeln können, was den Kreis zur grenzenlosen Hingabe schliesst. Der schöne Schein dient nicht der Selbstüberhöhung, sondern der Publikumsverführung, die Sorgfalt in jeder Wortjonglage verlangt ihrerseits die ungeteilte Aufmerksamkeit. Denn Bühnenkunst, wie sie seit Jahrzehnten das Stok-Selbstverständnis prägt, ist keine Einbahnstrasse, sondern eine Einladung zum gemeinsamen Abheben in Sphären jenseits alles Profanen. Der unbedingte Mut meint auch die Überwindung jeder Feigheit: Die gegenüber grossen Gefühlen, die vor dem Scheitern, die vor der sogenannten Überforderung des Publikums. Hinwegtragen soll es sich lassen und die Vernunft, die Nüchternheit und die Logik für Fünfviertelstunden vergessen und damit letztlich natürlich noch sehr viel mehr. Die Inszenierung von Gustav Rueb mit der musikalischen Unterstützung von Alejandro Vieira im Andenken an Erica Hänssler hat nicht weniger im Sinn als die sinnlich erfahrbare Herstellung von Liebreiz, gepaart mit Witz, Intelligenz – verlangt im Gegenzug die Bereitschaft, sich aufs Träumen einzulassen und bietet dafür ein Abtauchen in fantastische Welten. «Erica» ist voller Zuversicht und Zweifel, voller Wehmut und Hochgefühl oder wie das nach Lebensjahren in 69 potenziellen Stücktiteln zusammengefasst auch heisst: «Heiterkeit in Dur und Moll, Käfig sucht Vogel, Ohren für Unerhörtes, Kindergesicht.» Fragen ans Leben und dessen Sinn, die Wandelbarkeit und den ureigenen Einfluss darauf, nach dem Quell für unversiegende Energie und dem Umgang mit «kopfüber die Treppe runter ins Theater stürzen» erhalten hier nicht alle eine universelle Antwort, aber eine aufrichtige, individuelle – die der langjährigen Seele des Theaters. Eine Hommage, so reizvoll wie der Gedanke an die Süsse beim Genuss «einer reifen Brombeere».

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