Klüger, als es scheint

In der «freien Wirtschaft», also dem Off-Off-Off-Theater, ist eine zweite Austragung schon ein Jubiläum, und weils im Herbst mit der «Philippe Graber Late Night» weitergehen soll, nahmen wir einen Augenschein.

 

Den Schauspieler Philippe Graber müssten unterdessen eigentlich alle kennen. Egal, ob Couchpotatoes, die nur fernsehen oder vor dem Compi streamen, oder Cinéphile mit Wagemut fürs Experiment und auch im familientauglichen Format Unterhaltungssuchende. Genauso breit gefächert ist sein Erscheinen auf Theaterbühnen und das seit – öhm – beispielsweise der Zeit, als Barbara Weber noch niemandem ein Begriff war. Also lang. Der zweite Fixpunkt in diesem Format ist der Film-/Theater-/Überhaupt-Musiker und Komponist Michael Sauter, der es als Gesicht einfacher hat, an der Supermarktkasse unerkannt Toilettenpapier zu kaufen. Fix ist an diesem experimentellen Grenzausloten innerhalb eines festgeschriebenen Formates der «Late Night» ehrlich gesagt noch nicht wahnsinnig viel. Gäste, ob Live wie der Musiker Michael Kohler, via Skype zugeschaltet wie der eben preisgekrönte Schauspieler Sascha Gersack, sind je nach Organisierbarkeit von Null bis à gogo denkbar, immer – so der Plan – soll als fix geplanter Studiogast jemand aus der ernsthaften Forschung oder der ernstgemeinten Wirtschaft eingeladen werden, Hauptsache, jemand aus einem unterhaltungsfernen Gebiet. Diesmal: Frederike Petzschner. Sagt einem jetzt grad so auf Anhieb nichts, aber wenn sie sich selber vorstellt, «weil der Name ihres Forschungsgebietes viel zu kompliziert ist, um es auswendig zu lernen» (Graber), staunt der Laie. Die promovierte Physikerin und Neurowissenschaftlerin ist seit 2013 «Senior Research Fellow» des von ETH und Uni Zürich gemeinsam getragenen «Translational Neuromodeling Unit». Immernoch Bahnhof, also: Sie betreibt Gehirnforschung, und weil das Gehirn vor allem rechnet, versuchen sie und ihr Team Berechnungen anzustellen, wa-rum was schief läuft, wenns schief läuft. Etwa, wenn jemand organisch Sehendes nichts mehr sieht, oder warum jemand, der sich mit einer Überdosis Placebos verabschieden wollte, vergleichbare Symptome aufweist wie jemand, der tatsächliche Stoffe schluckte. Am Abend selbst gings praktischerweise um die Erwartung, wie diese erfüllt, übererfüllt oder enttäuscht werden kann und warum. Als Beispiele für eine praktische Anwendung ihrer Forschung nannte sie Spielsucht und Psychosomatik. Ein Trick des ganzen Abends besteht darin, so zu tun, als wär das alles vollkommen dummdreiste Blödelei und erst nach und nach zu offenbaren, aufgrund welch ernsthafter Basis hier Schabernack betrieben wird. So ist der Störanruf des RAV-Beraters für den hier Zwischenverdienst generierenden Graber mit einem jenseitigen Überbrückungsjobangebot nur in Massen inhaltlich komisch. Kommt eine Abhängigkeit von Sozialhilfe – hier in Form von Michael Kohler dargestellt – als Vergleichs-ebene hinzu, wird der ganze Abend ganz schnell politisch brisant. Der zweite Trick heisst: Nicht langweilen. Und gerade diese Komponente wird ausführlich dialektisch thematisiert und zumindest zu Beginn auch wönniglich als gar nicht so einfach glückend demonstriert, was wiederum so weit getrieben wird, bis sich der Kreis geschlossen hat und der Zwanziger spätestens beim Fachgastgespräch bei allen gefallen ist. Sagenhaft ist die dramaturgische Steigerung, die trotz Ankündigung eben gerade nicht erwartet wurde. Philippe Graber demonstriert die Herstellung von Fake-News, zitiert aus Fachzeitschriften, die es (hoffentlich) überhaupt nicht gibt und verliest weltweit verschickte Publikumsreaktionen über die erste Austragung, von der die subversivste aus Neuseeland kommt: «Ich dachte, es wäre ein Tanzstück.» Hoffentlich wird diese Serie an «Late Nights» sehr lang, und hoffentlich kommt sie nie ins Fernsehen. Denn die Frechheit dieser ‹smart asses› muss grenzenlos bleiben dürfen.

 

«Philippe Graber Late Night», 8.6., Klub Helsinki,
Zürich. Herbsttermine werden veröffentlicht auf: www.helsinkiklub.ch

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