Kanonenfutter

Eine handvoll paramilitärisch-hierarchisch gedrillter Jugendlicher im kolumbianischen Hochland wird in Alejandro Landes’ Film «Monos» sich vermeintlich vorbereitet zur Selbstorganisation überlassen.

 

Thierry Frochaux

 

Ihre Kampfnamen sind heroisch und nicht in jedem Fall ein Abbild der jeweiligen physischen Verfassung. Solange der kleine Muskelberg auf zwei Beinen als Botschafter der Zentralmacht die acht jungen Männer und Frauen noch unter seinen Fittichen hat, herrscht eiserne Disziplin und alle verbitten sich jede Herausnahme einer Freiheit, die für Ungehorsam gehalten werden könnte. Selbst für die amouröse Verbindung von zweien unter ihnen wird beim Appell offiziell um Erlaubnis ersucht. Um ihnen den Ernst der Lage zu vermitteln, überlässt sie der Botschafter sich selbst. Zwei Aufgaben haben sie: Eine US-amerikanische Geisel bewachen und eine Milchkuh umsorgen. Auf ihrem Hochplateau steht eine Art Bunkerruine als ihr Rückzugsort und die Naturgewalten zeichnen betörend schöne Landschaftsbilder für die Kamera. Anzeichen einer Zivilisation sind keine in Sicht, auch keine sich körperlich manifestierenden Feinde. Ihr Alltag besteht aus Training, archaischem Kräftemessen und der Einhaltung sakrosankter Regeln mit gleichermassen strikt vorgegebenen drakonischen Strafen. Im Rausch aus Euphorie, Restalkohol und körperlicher Erschöpfung ballern sie ziellos drauflos – und töten die Kuh. Bereits am zweiten Tag der verordneten Eigenverantwortung. Die Regeln sind klar: Der Gruppenleader hat versagt, egal, wer dafür tatsächlich verantwortlich ist. Er wird bestraft und das hart. Offenbar ist die Furcht davor mächtiger als die Angst vor dem eigenen Tod. Ihr gleichaltriger Anführer hat sich vorauseilend selbst niedergestreckt. Das erste Gruppendilemma ist bereits kolossal: Lügen und dem Toten die Kuhtötung unterschieben oder gehorchen und einen absehbaren, zweiten Verlust von einem unter ihnen sehenden Auges in Kauf nehmen. Natürlich steigert das Drehbuch die Intensität der Problemlage mit fast jeder Filmminute und die regieseitigen Mittel von Kameraführung und Musikeinsatz ergänzen die Spannung zum Actionfilm im Regenwald. «Monos» macht recht krass klar, dass der Schritt vom buchstabengetreuen Befehlsempfänger zum strategisch voraussehenden Anführer nicht als Selbstläufer funktioniert. Schon gar nicht im halbwüchsigen Alter mit eher noch nicht so ausgeprägter Fähigkeit zur umfassenden Analyse der Sachlage. Und das Krieg spielen wird auch durch die reale Anwendung nicht automatisch mit Sinn erfüllt. Es fehlt selbst die Widerstandstheorie.

«Monos» spielt im Kino Kosmos.

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