Kahlschlagcharakter

Kahlschlag, der, Subst., mask. (ich würd’ sogar meinen: extrem mask.) «bezeichnet in der Forstwirtschaft eine Fläche, auf der alle aufstockenden Bäume planmässig in einem oder wenigen einander in kurzen Intervallen folgenden Hieben entnommen wurden.» Sagt Wikipedia. Na also. Halb so schlimm. Es stehen ja noch einzelne Bäume am Hang. Nur: «Das Belassen einzelner Bäume verändert den Kahlschlagcharakter nicht.» Ups. Aber immerhin dauert es dann wieder 100 Jahre, bis die Fundis erneutes Geheul anstimmen können. Von Kahlschlag dürfen wir dagegen ungeprügelt bei Novartis sprechen. Obschon da auch noch ein paar Restbestände in Basel stehen bleiben.

 

Was wäre denn das Gegenteil? Einzelstammwirtschaft? Aber oha: «Der betriebliche Aufwand ist geringer [gemeint: beim Kahlschlag] als bei Einzelstammwirtschaft.» Mist. Also doch ökonomische Gründe. Qualitäts- und Gratiszeitung melden: Holzverkauf nach China, aber Gemach: Die Firma, die das macht, ist selbstverständlich FSC-zertifiziert. FSC kam erst gerade kürzlich in die Schlagzeilen. Alles andere als nachhaltig, die ‹Schreiner-Zeitung› spricht sogar von «FSC-Lüge». In den FSC-Regeln steht auch so einiges über den Umgang mit der lokalen Bevölkerung. Gemeint sind zwar primär indigene Völker und nicht SpaziergängerInnen am Üetliberg, aber: «Der Forstbetrieb ergreift unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung Massnahmen, um erhebliche negative soziale, ökologische und wirtschaftliche Auswirkungen durch die Bewirtschaftung auf die lokale Bevölkerung zu identifizieren, zu vermeiden und abzumildern.»

 

Apropos abmildern: Wie viele Schlammlawinen gingen schon wieder in den letzten 100 Jahren auf Zürich nieder? Genau: 4 weniger als in der Schweiz Minarette stehen und gleich viel wie die von Eiben erschlagenen SpaziergängerInnen. Gut, dass wir was dagegen tun. Das darf man nicht kleinreden, da hat Grün Stadt Zürich schon recht. Der Partei mit einem «e» mehr ins Poesiealbum geschrieben!

 

Gelesen im ‹Zürcher Wald›: «Die Forstwirtschaft muss sich nicht verstecken, aber sie muss sich manchmal erklären.» In der Baumfrage reden wir aneinander vorbei. Darum löse ich schnell meine Ketten, klettere aus der Astgabel und erkläre folgendes: Der Stadtrat redet, wie er reden muss. Gehetzt vom Revierförster und der Holzfällerfirma, die schon die Schadenersatzklage vorbereitet haben soll, wie man liest. Eine 100-jährige Buche dagegen redet nichts, sondern erbringt ökologische Dienstleistungen im Gegenwert von 70 000 Franken. Andere sagen: Dreimal so viel. Malgenommen mit 2100 ist das: sehr viel. Und: «Etwa 2000 junge Bäume (mit einem Kronenvolumen von 1 m³) sind nötig, um einen solchen Baum vollwertig ersetzen zu können.» Sagt Grün Stadt Zürich auf ihrer Homepage. Aber das ist nicht die Pointe. Denn GSZ hat das abgeschrieben, nämlich bei der deutschen Stiftung «Die grüne Stadt». Und ganz vergessen, den letzten Satz des Originals zu zitieren: «Die Kosten dafür dürften etwa 150 000 € betragen.» Malgenommen mit 2100 ist das verflucht viel. Volksvermögen. Zum Glück wachsen die Bäume im Wald gratis. Die Gegenseite redet von Waldpflege, Schutzwald (was nicht zu verwechseln ist mit geschütztem Wald), Auslichtung und Verjüngung und verteilt dazu Helme und Schutzwesten. Und selbstverständlich sind sie auch grün. Wer nicht. Wir wollen alle dasselbe. Wozu die einen schön arbeitsteilig Fakten schaffen und die anderen dagegen protestieren. Die Bäume sind gefällt. Fertig.

Der Wolf strielt auf der Albiskette herum, so liest man. Böses Tier.

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