In den Hügeln von Südhebron

Ein Aspekt der israelischen Besetzung palästinensischer Gebiete in der Westbank, der viel zu selten thematisiert wird, ist der permanente, fortgesetzte Landraub, dem die palästinensische Bevölkerung ausgesetzt ist, die Grausamkeiten, die Schikanen. Jeden Samstag fahren Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener Nichtregierungsorganisationen ins Gebiet von Südhebron oder in die Jordansenke, um den geplagten Kleinbauern, Bäuerinnen und Hirten beizustehen. Im Februar kam ich endlich dazu, anlässlich eines Israelaufenthaltes zusammen mit einer Freundin mit dabei zu sein.

 

Sibylle Elam*

 

Wir schlossen uns der Bewegung Ta’ayush an, einer jüdisch-palästinensischen Gruppe, deren Berichte ich seit Jahren verfolge.
Etwa fünfzehn Leute trafen sich morgens um acht am Treffpunkt in Jerusalem, die Gruppe teilte sich auf. Zu dritt fahren wir im Geländewagen durch die offene Hügellandschaft, am Steuer sitzt Guy, ein Aktivist von Ta’ayush, der sich seit Jahren hier engagiert. In der Morgensonne glänzen die Steine, dazwischen leuchten rote Anemonen, die Mandelbäume sind in voller Blüte, ein grüner Teppich überzieht zu Ende dieses Winters, der aussergewöhnlich regenreich ist, die Wüstenlandschaft. Guy weist uns immer mal wieder auf Outposts hin, meist nur einige Container, die auf den Hügelkuppen stehen. Diese Aussenposten auf gestohlenem Land werden oft in der Nähe bestehender Siedlungen errichtet und meist umgehend von den israelischen Behörden für illegal erklärt – was nicht verhindert, dass sie mit Wasser und Elektrizität versorgt werden und eine Zufahrtsstrasse erhalten. Selbstverständlich auf Staatskosten.

 

Die grossen Siedlungen – Städte – haben wir im Gürtel um Jerusalem hinter uns gelassen. Ein Grossteil der heute etwa 600 000 BewohnerInnen wohnt nicht aus ideologischen oder religiösen Gründen in der Westbank, sondern weil sie dort Wohnungen oder Häuser zu günstigen Bedingungen erwerben können, die Infrastruktur sehr gut ausgebaut ist und die Siedlungen ein Leben auf dem Land ermöglichen, mit ausgezeichneten Verbindungen und Schnellstrassen nach Jerusalem oder Tel-Aviv. Anders ist die Motivation derjenigen, welche sich aus religiöser Überzeugung des Landes bemächtigen. Alle israelischen Siedlungen, welche jenseits der Waffenstillstandslinie von 1949 errichtet wurden, sind gemäss humanitärem Völkerrecht (4. Genfer Konvention) illegal.

 

In der Nähe der jüdischen Siedlung Otniel biegen wir von der Haupstrasse ab auf einen Feldweg und holpern über viele tiefe Schlaglöcher und Felsen hinweg, bis wir nach etwa zehn Minuten zu einer kleinen Ansiedlung kommen. Es sind zwei behelfsmässig errichtete Unterkünfte für die palästinensische Grossfamilie, die hier lebt, Unterstände und Gehege für die Schafe und Esel. Gleich neben der Ansiedlung wurde ein kleiner Weinberg angelegt, daneben spriesst Wintergetreide, zwei junge Männer pflügen ein weiteres Stück Feld um, ein Esel zieht den Pflug aus Holz.
Die Grossfamilie wartet jeden Samstag auf die Aktivistinnen und Aktivisten von Ta’ayush, um sich und ihre Herde begleiten zu lassen zu ihrem weitläufigen Weideland gleich unterhalb von Otniel. Das Gebiet gehört – wie mehr als 60 Prozent des ganzen Westjordangebietes – zur sogenannten Area C. Das heisst, es untersteht israelischer Administration. In Area C erhalten die palästinensischen BewohnerInnen praktisch keine Baubewilligungen. So hat auch die Familie hier von der Militäradministration bereits einen Abrissbefehl für die Konstruktionen auf ihrem Land erhalten.

 

Die Herde zählt etwa zweihundert Schafe, zwei junge Frauen gehen voran und weisen den Weg, zwei kleine Mädchen treiben die Tiere immer wieder zusammen. Nach etwa einem halben Kilometer fällt das Gelände ab in einen schmalen, flachen Talboden, auf der andern Seite führt das Land aufwärts, es sind vielleicht hundert Meter bis zu einer Strasse – dahinter liegt, auf dem Hügelkamm, Otniel mit seiner Yeshiva (einem Lehrhaus für religiöse jüdische Studien), etwa 800 Menschen leben dort.
Die Schafe ziehen den Hang hinunter, und bewegen sich grasend fort über den Talboden hinüber zur Gegenseite und den Hang hinauf in Richtung der Strasse, die Otniel umgibt. Die kleinen Hirtenmädchen kehren zurück nach Hause, eine der jungen Frauen geht den Schafen nach. Oben, auf der Siedlerstrasse, taucht ein grosser, weisser Wagen auf, es ist der Sicherheitsdienst von Otniel. Niemand steigt aus, aber einige Minuten später fährt ein israelischer Militärjeep vor. Mehrere Soldaten blicken in unsere Richtung. Nach kurzer Zeit kommen zwei junge Soldaten, die Gewehre vor sich, den Hang hinunter und rufen der Hirtin zu, sie solle schleunigst von hier verschwinden, das sei für sie Sperrgebiet. «Erzählt keinen Unsinn», schreit Guy, «das ist das Land der Familie, sie haben einen gerichtlich bestätigten Anspruch darauf, hier ihre Herde grasen zu lassen.» Die Soldaten befehlen der jungen Frau immer wieder, sie solle sich mit den Tieren sofort auf die andere Seite der Talsenke zurück ziehen: «Ihr habt ihr keine Befehle zu erteilen» ruft Guy, «sie ist nicht eure Soldatin! Es ist das Land ihrer Familie, sie hat das Recht, hier zu sein!»

 

So geht das Geplänkel eine Weile weiter, die Hirtin beteiligt sich nicht daran, sie spricht auch kaum Hebräisch und hat sich auf einen Felsen gesetzt und wartet. Nach etwa einer halben Stunde kommt sie zu uns hoch, sie hält die Bedrohung nicht mehr aus. Der Onkel löst sie ab, er kommt mit einem neunjährigen Jungen, der zu den Schafen hinabsteigt. Die Soldaten befehlen ihm, er solle sofort zurückgehen, Guy ruft, er solle bleiben. Die Soldaten holen Verstärkung. Ein zweiter und ein dritter Militärjeep fahren auf der Siedlerstrasse vor, etwa fünf Soldaten steigen aus, darunter ein höherer Offizier – vielleicht von der Militärverwaltung. Etwa eine Viertelstunde diskutieren sie, studieren eine Karte, dann ziehen sie ab, die beiden Soldaten bleiben zurück, die Gewehre noch immer schräg vor sich gerichtet. Der kleine Junge hat sich in ihrer Nähe niedergelassen, einer der Soldaten spricht mit ihm auf Arabisch. Einem Schaf, das sich direkt vor den Füssen der Soldaten ins Gras gelegt hat, scheint es nicht gut zu gehen. Der Junge streicht ihm über den Kopf, der Soldat zeigt ihm, wie er den Bauch massieren soll, irgendwann erhebt sich das Schaf wieder und grast weiter. Es ist nur noch ein Ritual, von Zeit zu Zeit rufen die Soldaten dem Onkel zu, er solle seine Schafe holen, wir fotografieren und filmen sicherheitshalber die Szene, so stehen sie auf der einen Seite des Tales und wir auf der andern, sitzen in der Sonne und sind ziemlich sprachlos angesichts der Absurdität der Szenerie: Die friedlich grasenden Schafe und daneben die Soldaten in ihrer schweren Ausrüstung, welche hier wie auch sonst überall in der Westbank das Unrecht der Siedler verteidigen, faktisch stehen sie in ihrem Dienst…

Gut drei Stunden lassen wir die Schafe grasen, dann braucht es nur einen Pfiff des Onkels, der sich nie in die Diskussion mit den Soldaten eingemischt hat, und die Herde folgt ihm auf dem Weg zurück zum Stall. Es war offenbar ein relativ guter Tag, oft gehen diese Begegnungen nicht so unspektakulär zu Ende. Heute ist niemand verhaftet worden, bei keiner der Gruppen, die unterwegs waren, und niemand wurde wie sonst so oft tätlich angegriffen.
Wir machen uns auf den Rückweg und treffen die anderen AktivistInnen, die an diesem Samstag hier in den Hügeln von Südhebron unterwegs sind. Eine grosse Gruppe hat versucht, Bauern zu unterstützen, die aus einem ganzen Tal von Siedlern vertrieben werden. Ihr Einsatz war nur kurz, sofort ist das Militär gekommen und hat das Gebiet zur militärischen Sperrzone erklärt, eine gängige Praxis. Eine militärische Sperrzone darf zwar gemäss einem Urteil des Obersten Gerichtes nicht verhängt werden, wenn die Massnahme dazu dient, Bauern und Schafhirten von ihrem Land fernzuhalten – der Entscheid kann angefochten werden, aber bis zur Aufhebung kann es Monate dauern.

Der palästinensischen Bevölkerung in der Westbank wird der Alltag möglichst unerträglich gemacht – es ist eine Vertreibung auf Raten. Nicht nur Land wird gestohlen – Häuser werden weggenommen, die Menschen werden von SiedlerInnen beschimpft, geschlagen, mit Abfall beworfen, beschossen, von ihren Feldern gejagt, ihre weidenden Herden vom Land vertrieben, Felder werden vergiftet, Feuer gelegt, Brunnen zerstört, Quellen unbenutzbar gemacht, Olivenbäume ausgerissen. Und dies sind nur die quasi zivilen Nebenerscheinungen neben den politischen Auseinandersetzungen, dem Ausbau der Siedlungen, den Ausgangssperren, den nächtlichen Razzien, den Schikanen an den Strassensperren und Grenzübergängen, den Trennmauern, den Umwegen, die sie in Kauf nehmen müssen um zu ihren Arbeitsstellen, zu den Feldern, zu den Schulen zu gelangen, der Sperrung der Zugangsstrassen zu den palästinensischen Städten und Dörfern.

 

David Shulman, ein israelischer Professor für Indologie, ist bereits seit fünfzehn Jahren wann immer möglich am Samstag mit Ta’ayush im Gebiet von Südhebron unterwegs. Er hat zahlreiche Berichte dazu geschrieben, kürzlich ist seine neue Aufsatzsammlung erschienen «Freedom and Despair», Notes from the South Hebron Hills1. Mit dieser samstäglichen Aktivität, schreibt er, folge er einer inneren, ethischen Verpflichtung. Shulman ist nicht nur ein Wissenschaftler von grossem Renommee, der in der Lage ist, sein Engagement präzise zu begründen, er ist auch ein besonders begabter Autor, der aus einer reichen konkreten Erfahrung schöpfen kann und lebhaft erzählt. Von Beginn weg, schreibt er, hatten die Leute von Ta’ayush eine spezielle Verbindung zu den Schafhirten und Subsistenzbauern in Südhebron. Es sind dies einige Tausend Menschen, die mit grosser Entschlossenheit an ihrem Land festhalten, trotz dem riesigen Druck eines Staates, der versucht, sie zu vertreiben, und den «oft gewalttätigen, unersättlich gierigen Siedlern, die sich mitten in ihrem Land niedergelassen haben» – so Shulman.

 

Shulman, der sich auch am gewaltfreien Widerstandes von Mahatma Gandhi orientiert, schreibt, für ihn gehe es darum, das Richtige, das Anständige zu tun, «to do the decent thing». Er spricht von einem «bitteren Kontrast» zwischen diesem offenen Land und der Abwesenheit von Freiheit, welcher die palästinensische Bevölkerung hier ausgesetzt ist. Der wöchentliche Kampf für die Rechte der Schafhirten, Bauern und Bäuerinnen, der Mütter, Väter und Kinder sei wichtig, habe aber nichts Heroisches an sich. Er richte – im Verhältnis zum Ganzen betrachtet – nur wenig aus im tatsächlichen Alltag der Besetzung. Denn vor Ort sind die Menschen die ganze Woche mit allen nur erdenklichen Grausamkeiten und Schikanen konfrontiert. Um nur einige wenige der von Shulman erzählten Beispiele anzuführen: Der Bauer, der von Siedlern übermannt und an einen Pfahl gebunden und halb zu Tode geprügelt wurde. Oder ein Schafhirte in der Jordansenke, der von Siedlern mit einer Eisenstange auf die Stirn geschlagen wurde, dass er sein Sehvermögen weitgehend verlor. Oder die Geschichte von der Wassertränke, zu welche die Hirten mit Hilfe der Leute von Ta’ayush wieder Zugang erhielten, aber nicht das Recht, ihr Vieh bis dorthin zum Tränken zu führen. Shulman setzt sich auch vertieft mit der Frage der bösen Absicht unter den speziellen Bedingungen der Besetzung auseinander, die er als «Treibhaus der Boshaftigkeit in allen Schattierungen ihrer Intensität» bezeichnet. Sind die Soldaten, die Polizisten, die Beamten der Zivilverwaltung boshaft? Wirkliche Boshaftigkeit, sagt er, habe er nur vereinzelt angetroffen. Viele tun, was sie tun, in der Überzeugung, dass sie keine Wahl haben, dass es das Gesetz so vorsieht, dass sie den Anordnungen ihrer Vorgesetzten folgen müssen. Warum, fragt er einen Polizisten, mit dem er sich freundschaftlich unterhält, schützest du die Diebe und nicht die rechtmässigen Besitzer des Landes? Du magst ja Recht haben, sagt der Polizist, aber meine Aufgabe ist es, das Gesetz durchzusetzen. Shulman stellt die Frage nach der Wahlfreiheit: Könnten die Akteure auch anders handeln? Was hindert sie daran, welcher Teil in ihnen lässt sie nicht die Wahrheit sehen? Was geht in Soldaten vor, die nicht eingreifen, wenn Siedler hilflose Menschen, Bauern, Schulkinder angreifen?

 

Und die gewalttätigen Siedler? Es hat darunter offene Sadisten, dafür kann Shulman einige Beispiele zitieren. Doch die Mehrheit dieser religiösen Ultrarechten handelt aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Gott das Land den Jüdinnen und Juden – und nur ihnen – gegeben hat, und dass es Gottes Wille ist, dass sie es einnehmen und besiedeln müssen. Allgemeinverbindliche Menschenrechte, universelle Werte sind für sie bedeutungslos.Er hasse die Siedlerinnen und Siedler nicht, sagt Shulman, er hasse nur, was sie tun.

 

1: David Shulman, Freedom and Despair, Notes from the South Hebron Hills, University of Chicago Press 2018.

 

*Sibylle Elam ist Mitglied der Jüdischen Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina, jvjp.ch

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