«Ich liebe Kompetenz»

Miro Maurer hält der Wohlfühlschutzbehauptung, Donald Trump wäre unberechenbar, eine grandiose fünfviertelstündige Widerrede und appelliert
an alle IdealistInnen, sich endlich der Realität zu stellen.

 

Nein, hier gibts keine gruppentherapeutische Konsenslieferung. Und auch keine gemeinsame Schadensfreudefeier, aus der alle in ihrer bisherigen Haltung bestärkt und erleichtert, mal wieder mit heiler Haut davongekommen zu sein, den Rückzug ins Private antreten können.

 

Schon der erste Vergleich des Publikums mit dem Frosch im Kochtopf grenzt an eine charmant verpackte Beleidigung, entbehrt sie letztlich doch nicht jedweder Grundlage. Denn wer die trump’sche Historie kennt, weiss, dass der derzeitige und voraussichtlich auch nächste US-amerikanische Präsident immer schon tut, was er immer schon tat und vor ihm schon der Vater und der Grossvater. In diesem Licht betrachtet, behaupten zu wollen – womöglich noch im Tonfall eines empörten Erschreckens – es wäre nicht sonnenklar, was Trump im Schilde führe und mit welchen Mitteln er dies auch erreicht, grenzt an absichtliche Realitätsverweigerung. Er macht die Wähler wütend und verspricht ihnen, sie von diesem Missstand zu erlösen. Er spricht grosse Worte gelassen aus. Und wenn sie jeder überprüfbaren Basis entbehren – wie Unterstellungen gegenüber JournalistInnen, Präsidentenvorgängern oder der Konkurrenzkandidatin – tritt er augenblicklich hinter die eben überschrittene rote Linie zurück und betont, so etwas würde er selber nie behaupten, wohl wissend, dass die zentrale Botschaft bei den Zuhörenden stärker verhängt als jede Relativierung. Insofern ist Donald Trump ein begnadeter Aufrechter, und darin, was und wie ers tut, höchst kompetent. Vergleichbar agiert er bei der eigenen Heldenbildung als gewiefter Geschäftsmann: Zuerst ist er verantwortlich für den Aufschwung von Atlantic City, und als die Stadt bankrott geht, war er es, der früh genug klug genug war, sich mit prall gefüllten Taschen aus dem Staub zu machen.

 

«Anstand nützt sich ab», nennt das Miro Maurer und weist anhand einer Anekdote aus seinen Kindertagen nach, dass bei Betrug – selbst wenn dieser auffliegt und bestraft wird – nicht etwa Reue oder Selbstzweifel die dominierenden Gefühle für den Betrüger sind, sondern die egostreichelnde Erkenntnis, eben doch der grösste ‹Siebesiech› zu sein. Wie sollte es bei einem US-amerikanischen Präsidenten, der das Geschäftskonzept des Betruges bereits geerbt hat, auch anders sein können? Sein Grossvater behauptete, aus Schweden zu stammen, weil die Deutschen damals grad einen nicht so guten Ruf hatten. Der Vater schuf ein Immobilienimperium aus Schrottbauten und rezyklierte diese sogar für weitere Schrottbauten, sollten sie mal einstürzen. Er war höchstens ein mutmasslicher Rassist, weil ihn seine Vermietpraxis gar nie in die Nähe von Farbigen brachte. Er vermietete gar nicht erst an sie. Donald Trump, berühmt dafür, reich zu sein, und nur dafür, hat es verstanden, ein Geschäftsgebaren zu etablieren, das auf reinem Eigennutz basiert und dafür bewundert zu werden. Unsere (vergebene) Hoffnung, dieses nahezu perpetuum mobile der Selbstinszenierung und -bereicherung würde einmal in sich zusammenbrechen, ist vergleichbar mit dem mehrheitlichen Unverständnis über die Reaktion der ItalienerInnen nach einem angeblichen Sexualkontakt Silvio Berlusco­nis mit einer Minderjährigen: Sie achteten ihn für seine sexuelle Virilität im hohen Alter.

 

Miro Maurer wird nie laut oder alarmistisch, aber im eigentlichen Sinne wäscht er dem Publikum den Kopf. Nur auf eine sehr subtile Art, die kein Schuldbewusstsein suggeriert oder gar die Ahnung einer Pflicht heraufbeschwört, sondern ganz einfach mit den Mitteln des Aufzeigens, dass alles schon da war, bevor die Empörung darüber da war, und dass sich eine Realität zurechtzuwünschen, die tatsächliche Realität nicht ersetzt. Nie.

 

«Trump Card», bis 27.11., Theater Neumarkt, Zürich.

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