Heimat-Los

Heimat ist zur Zeit in der Linken ein verpönter Begriff. Das liegt sicher an ihrem Missbrauch zu xenophoben und nationalistischen Zwecken, ihrem Geschmack nach geistiger Enge, bürgerlicher Doktrin. Aber wo liegt der blinde Fleck der linken Dok-trin ihrer Ablehnung? Könnte er erklären, warum die Linke Mühe hat, die Massen zu begeistern?

 

Die propagandistisch heraufbeschworene, folkloristisch ausstaffierte Heimat gibt es nicht – gab es nie; jedoch beschreibt Karl Marx als Ursprung des Kapitalismus «Momente, worin grosse Menschenmassen plötzlich und gewaltsam von ihren Subsistenzmitteln losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden». Und: «Sobald die kapitalistische Produktion einmal auf eignen Füssen steht, erhält sie nicht nur jene Scheidung, sondern reproduziert sie auf einer stets wachsenden Stufenleiter.» (Zitiert nach Wikipedia unter «Ursprüngliche Akkumulation».)

 

Solche Unmwälzungen haben sich längst auf Immaterielles ausgedehnt, wie Beziehungen, Bildung, Pflege usw. – mit Konsequenzen für die menschliche Identität. Christoph Pfluger in «Das nächste Geld»: «Während noch vor 500 Jahren die Kinder in die Welt ihrer Gross-eltern geboren wurden, verändert sie sich heute während eines einzigen Lebens praktisch zur Unkenntlichkeit.» «Die Beschleunigung erschwert die Identitätsbildung», da «meine Reaktion auf die veränderte Umwelt auf eine bereits wieder umgestaltete Umgebung trifft». Aber: «Wenn sich die andern verändern, ändert sich auch meine Identität, selbst wenn ich derselbe bleibe.» Und: «Menschen, die niemand sind oder täglich jemand anders, können weder Beziehungen noch Arbeitsplätze halten.» Die Digitalisierung tut den Rest; der Kulturkritiker Manfred Osten bringt es im Buchtitel auf den Punkt: «Das geraubte Gedächtnis – digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur.» Er spricht von «digitaler Demenz» und befindet: «Wo das Gedächtnis schwindet, schwindet auch die Identität»; heutige Bildung sei «beschleunigter Erwerb von Zukunftskompetenzen ohne Herkunftskenntnisse».

 

Meine Deutschlehrerin zitierte gerne Mörike: Heimat sei da, wo man rufen könne: «Mutter, wo bist du?» Was aber tut diese Mutter(-Figur), Statthalterin der Heimat? – Sie ist fort, wird herbeigesehnt, kommt wieder. Lacan sagte: «Was das Kind von seiner Mutter beansprucht, ist dazu bestimmt, für es die Anwesenheit-Abwesenheit-Beziehung zu strukturieren» (in «Die Angst»). Ihre zeitweise Abwesenheit eröffnet erst die Möglichkeit, sich in der Leere zu bewähren; und ihre Anwesenheit an einem anderen Ort modelliert das Begehren. So entsteht unsere Subjektstruktur. Ähnliches gilt für die Heimat: Dass sie mir allmählich zu eng wird und ich mich von ihr löse, ist nicht ihr Makel, sondern notwendig. Das macht sie nicht obsolet.

 

Während nun das kapitalistische System mit Konzernmacht und Rüstungsgütern laufend Heimaten zerstört, Menschen entwurzelt und Land nimmt, befeuert es in den gesättigten Märkten einen neurotischen Konsum: Wir sollen nirgendwo ankommen und auch gar nicht befriedigt zur Ruhe kommen, sondern immer wieder aufbrechen, nach immer neuem Begehren streben, uns immer neu erfinden. Geniessen, verreisen, evaluieren, kaufen, erleben, optimieren. Die exklusive Heimatphantasie versichert derweil trügerisch, wir seien längst am Ziel. Welche wahrhafte Heimat können wir Linken dem entgegensetzen?

 

Ina Müller

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