G&G

Nachdem nun auch die JodlerInnen gemerkt haben, dass sie ohne SRF auf privaten Sendern nur noch dann stattfinden werden, wenn sie Helene Fischer heissen, was vorab bei Schwingern und Sennen nicht gut kommt, mache ich mir um No Billag nicht mehr so grosse Sorgen. Dennoch: Es gibt auch unter uns immer noch zu viele, die ums Verrecken mit dem Feuer spielen und zustimmen wollen. Ihnen sei folgendes gesagt:

 

Klar kenne ich all die Klagen über das miese Programm von ÄssÄrrÄff und dass Glanz und Gloria nicht die Spitze des Schweizer Kulturguts sein dürfe, und ich stimme euch ja aus ganzem Herzen zu, auch wenn ich weiss, dass auf eurem WC die ‹Gala› liegt und ihr statistisch gesehen zwei Stunden pro Tag auf einem Verblödungskanal namens Facebook verbringt, der euch, Facebook hat es eingestanden, unglücklich und depressiv macht. Aber darum geht es ja gar nicht. Sondern es geht um den Service public, und es geht um den nationalen Kulturerhalt, etwa um die Sprachregionen und darum, dass bei Annahme der Initiative nicht nur die RätoromanInnen abstinken können, weil sie zu klein sind, um irgendeinen Privatsender dieser Welt für sich begeistern zu können, sondern dass gleich alle unsere vier Sprachregionen im internationalen Kontext zu klein sind, um medial marktfähig zu sein.

 

Und dann, vor allem, geht es um den Informationsauftrag, und da wird No Billag durch eine Hiobsbotschaft überlagert, welche die ganze Sache nochmals kräftig verschlimmert: Die Schweizerische Depeschenagentur SDA, die letzte verbleibende inländische Nachrichtenagentur, die einst als Selbsthilfe des Schweizer Pressewesens gegründet wurde und im Besitz einheimischer Medienhäuser ist, ist gleich mehrfach in Gefahr. Nicht nur soll sie teilweise ins Ausland verscherbelt werden, wobei die aktuellen Besitzer vorher noch kräftig zulangen und Kapital abziehen. Sondern sie wird auch geschrumpft, weil – Achtung: Irrsinn! – die Besitzer, die gleichzeitig ihre Kunden sind, finden, dass die SDA zu teuer sei und darum die Entschädigungen zurückfahren.

 

Nun wurde gestreikt, aber wir ahnen, dass das nicht viel bringen wird. Und vor allem ahnen wir, dass es verdammt schwierig werden könnte, künftig noch unabhängige und nicht gefakte Informationen zu erhalten. Es gehe bei den Sparmassnahmen und Entlassungen um eine Erhöhung der ‹industriellen Effizienz› der SDA, so liest man. Wie wenn die Recherche, Aufbereitung und Vermittlung von seriöser und, ja: objektiver Nachrichten nicht per se aufwändig und zeitraubend und damit halt auch nicht sehr lukrativ wäre! Auch das also ein Bereich, wo der Markt nichts zu suchen hat, weil er’s weder kann noch will. Man darf die SDA daher ruhig als eine Form des Service public bezeichnen, und die strohdummen und hilflosen Rezepte der No Billag-Initianten oder des Gewerbeverbandes, wie ein privates SRF aussehen könnte, sind keine Lösung, sondern ihre Bankrotterklärung.

 

Fazit: No Billag ist kein Angriff auf die Staatsmedien, sondern ein Angriff auf unseren Verstand und auf unsere Identität, und auch wenn es etwas pathetisch tönt: auf den Kern unseres Staatswesens, die Solidarität. Wir alle bezahlen über Zwangseinnahmen des Staates, vulgo Steuern, Autobahnen und Kampfjets und sonstigen Mist. Denn das ist das Wesen des Staates, dass er sich halt gewisse Dinge leistet, und da ist ein demokratisch kontrolliertes und gemeinsam finanziertes Medienwesen nicht das Dümmste, sondern Glanz und Gloria der Demokratie. Darum: Nein.

 

Markus Kunz

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