«Gewalt ist auch eine Kultur»

Der christliche Theologe Mitri Raheb aus Bethlehem setzt sich für politisches Engagement durch kreatives Schaffen ein. Über die von ihm gegründete Kunstschule, die Hoffnung auf Frieden zwischen Israel und Palästina und die Wichtigkeit einer kritischen Haltung spricht er mit Leonie Staubli.

 

In der Gegend von Palästina und Israel stehen sich heutzutage Islam und Judentum wie zwei Extreme gegenüber. Was für einen Stand hat in so einem Land das Christentum?

Mitri Raheb: Man muss sich vergegenwärtigen, dass das Christentum ja nicht in Genf entstanden ist, sondern in Palästina. Jesus ist in Bethlehem geboren und hat sein ganzes Leben in Palästina verbracht, es gibt dort also seit 2000 Jahren eine kontinuierliche christliche Präsenz. Nur stand Palästina leider die meiste Zeit unter Besatzung, sei das durch die Assyrer, die Babylonier, die Griechen oder die Römer… Man muss sich vorstellen, dass Jesus selbst während einer Besatzung geboren wurde und sein ganzes Leben unter Besatzung verbracht hat. Später kamen die Byzantiner, dann die Araber, die Kreuzfahrer, die Osmanen, die Briten, und jetzt die Israeli. Aufgrund der Besatzungen ist der Prozentsatz der Christen in Palästina leider ständig gesunken und deshalb hört man eher wenig von ihnen.

 

Wie viele ChristInnen gibt es überhaupt in Palästina?

Heute sind weniger als zwei Prozent der Bevölkerung Christen. Aber sie spielen eine viel grössere Rolle, als ihr Prozentsatz besagt. Zum Beispiel wird ein Drittel der Krankenversorgung in Palästina von christlichen Kirchen geführt. Und 45 Prozent aller regierungsunabhängigen Organisationen wurden entweder von Christen gegründet oder geführt; dazu gehören Menschenrechtsorganisationen, soziale Einrichtungen, Behinderten-Einrichtungen, Schulen und so weiter. Und auch in der Politik spielen Christen eine wichtige Rolle: Im palästinensischen Kabinett sind von etwa 20 MinisterInnen drei Christen – der Minister für Finanzen und die beiden Ministerinnen für Wirtschaft und für Tourismus. Es gibt also schon eine starke Präsenz.

 

Werden christliche PalästinenserInnen von den Israeli besser akzeptiert als muslimische?

Von einigen vielleicht. Aber das ist nicht grundsätzlich die Haltung der israelischen Regierung. Diese betrachtet die Christen hauptsächlich als Palästinenser, das heisst Christen und Muslime leiden unter den gleichen Verhältnissen. Und ich glaube, dass die israelische Regierung am liebsten gar keine Christen im Land sehen möchte, denn dann könnte Israel den Konflikt als einen religiösen Konflikt zwischen Muslimen und Juden deuten. Wir Christen sind sozusagen ein Stein des Anstosses, denn wir sagen, dass der Konflikt ein politischer ist und kein religiöser, und dass er dazu auch nicht werden darf. Denn ein politischer Konflikt ist lösbar: Wir sind nicht dazu verdammt, auf alle Ewigkeit als Feinde zu leben. Dafür stehen wir Christen, und ich glaube, Israel gefällt das nicht.

 

Auch in Ihren Bibelauslegungen ist zu lesen, dass die Bibel immer im Kontext einer Besatzung zu deuten ist. Was für ein Licht wirft das auf die heutige Situation in Palästina?

Wenn biblische Texte im Kontext der Besatzung oder des Exils entstanden sind, dann kann die Bibel nur auf drei verschiedene Arten gelesen werden: als Text des Widerstandes, als Text der Hoffnung, oder als Appell an die Menschen, Verantwortung zu übernehmen. Widerstand, Hoffnung und Verantwortung sind für mich drei wichtige Schlüsselbegriffe für das Verständnis der Bibel. Darum kann man die Bibel nur im Kontext der Besatzung wirklich verstehen. Sie ist eben nicht in der Schweiz entstanden.

 

Wird Ihnen als Christ, der sich gegen die israelische Besatzung ausspricht, Antisemitismus vorgeworfen?

Eigentlich nicht. Natürlich gibt es rechtsradikale Propagandisten, die das so auslegen, aber der Antisemitismus-Vorwurf ist heute eben sehr leicht gemacht, und zwar gegen alle, die den Staat Israel irgendwie kritisieren. Darum greift das auch nicht mehr so richtig. Die zwei amerikanischen Pfarrer hingegen, die bei der Eröffnung der US-Botschaft gebetet haben, das sind doch eigentlich Antisemiten. Denn erstens sagen sie, dass alle Juden in die Hölle gehen, zweitens wollen sie die Juden nur zurück ins Land bringen, damit ein Drittel von ihnen durch das Schwert umkommt, ein anderes Drittel durch das Feuer und das letzte Drittel zu Christen wird. Sie prophezeien sozusagen das Ende des Judentums, aber mit ihnen hat Israel kein Problem, denn sie bringen Geld. Israel benutzt den Antisemitismus-Vorwurf nur gegen die kritischen Stimmen, die die Besatzung beenden wollen.

 

Viele Menschen behaupten, es gäbe in den heiligen Schriften keinen traditionellen Hass gegenüber anderen Religionen und dass Leute, die etwa von Judenhass im Koran sprechen, die entsprechenden Stellen aus dem Kontext reissen. Glauben Sie, das stimmt?

Nicht unbedingt. Ich glaube, religiöse Texte haben auch ihre Schattenseiten, die darf man nicht unter den Tisch kehren. Ich finde, man muss sich eingestehen, dass es diese Stellen gibt. Denn das bedeutet, dass auch heute nicht jeder, der von sich behauptet, religiös zu sein und an Gott zu glauben, ein guter Mensch ist. Heute wie damals kann Religion missbraucht werden. Darum muss man immer wach und aufmerksam bleiben; das ist nicht nur bei der Religion so, sondern auch in der Politik und vielem anderem. Historisch sowie in der Gegenwart gab und gibt es Gruppen, die Religion benutzen, um zum Beispiel die Apartheid zu begründen oder eben eine Besatzung aufrechtzuerhalten. Ich finde, man darf die Gottesrechte nicht den Menschenrechten gegenüberstellen. Das ist für uns Christen eigentlich grundlegend, denn wir glauben, dass Gott Mensch geworden ist, damit Gott nicht gegen die Menschen ausgespielt wird. Das heisst, Menschenrechte sind auch zu religiösen Rechten geworden.

 

Sie setzen sich in Palästina für gewaltlosen Widerstand ein. Haben Sie da konkrete Projekte?

Eigentlich mag ich das Wort «gewaltlos» nicht so, weil bloss das Negative negiert und die Gewalt darin immer noch vorkommt. Deshalb sage ich «kreativer Widerstand». Wir fokussieren uns darin vor allem auf Kunst und Kultur. Wir haben das Dar al-Kalima University College of Arts and Culture gegründet, also eine Uni für Medien, Theater, Design, Moderne Kunst und so weiter. Das ist insofern wichtig, weil wir den jungen Menschen Instrumente geben, damit sie sich selber ausdrücken können. Dass die Leute lernen, eine Meinung zu bilden und diese Meinung zu artikulieren, ist sehr wichtig für demokratische Prozesse. Aber das soll nicht nur durch Worte geschehen; ein Gemälde kann zum Beispiel viel interessanter sein, oder ein Film. Wenn unsere jungen Leute Filme machen, dann artikulieren sie den Schmerz und die Hoffnung der Menschen in Palästina viel besser als durch einen Vortrag. Das ist für mich der kreative Widerstand. In der Kunst geht es eben um die eigene Person, und es geht um Meinungsfreiheit. Die jungen Kunstschaffenden geben Palästina ein anderes Gesicht als die Medien.

 

Man kann an Ihrer Schule also keine Naturwissenschaften oder Ähnliches studieren?

Nein, denn dafür gibt es schon viele palästinensische Universitäten, und wir sind die einzige, die sich auf Kunst und Kultur konzentriert. Ich glaube es ist das, was Palästina braucht, denn die kulturelle Herausforderung, also die Frage, was für eine Kultur in Israel und Palästina zukünftig herrschen wird, ist für mich eine grundlegende Frage. Ich möchte nicht in irgendeinem palästinensischen Staat leben, sondern in einem offenen, kulturbejahenden Staat. Ich möchte auch nicht unter der israelischen Gewalt leben, denn Gewalt ist auch eine Kultur. Dagegen müssen wir uns wehren, und darum ist die Kulturfrage so wichtig.

 

Und Sie finden, dass Bildung zur Lösung dieser Kulturfrage beitragen kann?

Auf jeden Fall. Bildung und Weiterbildung sind entscheidend für die Zukunft. Man muss sich vorstellen: Über 50 Prozent der palästinensischen Bevölkerung sind unter 18 – das ist die Chance und das ist die Gefahr. Wenn diese jungen Leute nicht die richtige Bildung bekommen, werden sie arbeitslos, hoffnungslos, trostlos und in Unwissenheit leben. Wenn sie aber die richtige Bildung erhalten, dann ist das ein grosses Potenzial für die Zukunft des palästinensischen Staates. Da-rum läuft unser Beitrag an diese Zukunft über Bildung und Kultur.

 

Dass Bildung zu Aufklärung und damit zu mehr gegenseitigem Verständnis führen kann, klingt einleuchtend. Warum ist Kunst so wichtig? Geht es dabei um Ausdruck?

Auch, ja. Aber nicht nur. Es geht bei uns nicht darum, ein grosser Künstler zu werden, sondern erst einmal darum, mit sich selbst fertig zu werden und in Einklang mit sich selbst zu kommen. Aber es geht auch um kritisches Denken und um die Überlegung, wie man das, was man dabei herausfindet, einem breiten Publikum kommunizieren kann. Das Ganze ist also ein interessanter Prozess; es ist Therapie, Selbsterkenntnis und Demokratie in einem, man wird durch Kunst zum Kommunikator und zum Botschafter. Das ist das interessante.

 

Laufen alle Projekte des Widerstands über die Universität?

Nicht alle, nein. Wir haben auch das erste palästinensische Frauensportzentrum gegründet, und die erste Frauenfussballmannschaft. Eine unserer Mitarbeiterinnen, die das gestaltet hat, arbeitet heute bei der FIFA in Zürich, sie ist dort die Botschafterin für Frieden durch Sport. Solche Menschen sind für uns wichtig, die zukünftigen Führungskräfte von Palästina, die Hoffnung und Kreativität ausstrahlen und sich von der Besatzung nicht kleinkriegen lassen und sich nicht als Opfer verstehen; denn obwohl wir natürlich Opfer der Besatzung sind, sagen wir: «Wir sind mehr als Opfer.»

 

Gewaltloser bzw. kreativer Widerstand bekommt in den Medien nicht viel Aufmerksamkeit, verglichen mit all der Gewalt und dem Steinewerfen.

Es ist leider so, dass die guten Nachrichten nicht die Medien prägen, sondern immer die schlechten. Aber darum ist es umso wichtiger, dass man durch neue Medien und Kultur auch die palästinensische Sache vertritt. Vor einem Monat waren wir zum Beispiel mit unseren Film- und Musikstudenten in den USA. Die Studenten haben Konzerte gegeben und an Filmfestivals mitgewirkt, und da kamen über 4000 ZuschauerInnen. Die meisten davon waren keine Fans von Palästina, wie es etwa an Vorträgen der Fall ist, wo häufig die gleichen Leute auftauchen, sondern Menschen, die einfach nur fanden, dass da gute Musik läuft und tolle Filme, die interessante Themen ansprechen – und das ist ein ganz anderer Zugang zum israelisch-palästinensischen Konflikt als die politische Schiene. Denn die politische Schiene ist meiner Meinung schon sehr abgenutzt.

 

Sie haben selber vor dem Mauerfall in Deutschland studiert, richtig?

Genau, zuletzt in Marburg. Von 1980 bis 1987 war ich dort und ich habe die Mauer noch miterlebt. Ich hätte mir aber nie im Traum vorstellen können, dass eine andere Mauer in Palästina errichtet wird. Als die Mauer in Deutschland fiel, dachte ich, die Menschen seien weitergekommen und hätten begriffen, dass Mauern keine Lösung sind und dass die Welt eher Brücken als Mauern braucht. Aber ich bin heute viel pessimistischer. Die Israeli haben rechtswidrig eine Mauer auf palästinensischem Grund gebaut, Trump möchte eine Mauer zu Mexiko hin bauen, Rechtsradikalismus wächst weltweit, ob in den USA und Europa oder in der arabisch-islamischen Welt… Ich dachte, wir wären weiter, aber jetzt denke ich, der Mensch bleibt der Mensch, und damit auch verführbar. Darum ist Bildung so wichtig, aber auch, dass man kritisch bleibt.

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