Genussmenschen

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Das ist ja die Sommerkolumne. Also die letzte vor der grossen Sommerpause. Da schreibe ich etwas Leichtes, dachte ich mir, etwas zum geniessen.
Dann fiel mir ein, dass ich das nicht kann. Geniessen. Es geht einfach nicht. Ich bin deswegen kein unglücklicher Mensch und man muss nicht unbedingt Mitleid mit mir haben, es geht schon. Es ist nur so, dass man zum geniessen ja wohl ganz im Moment versinken können müsste, und das ist nicht so meins. Die, die von sich sagen, sei seien Genussmenschen, sind mir etwas suspekt. Dazu kommt, dass ich mich schwer tue, sobald ich etwas muss. Da werde ich trotzig.

 

Einmal war ich in einem hübschen Sääli mit netten Menschen am Essen. Eine übereifrige Bedienung stellte uns Gang für Gang die Teller hin und sagte jedes Mal, das heisst pro Gang und Person: Geniessen Sie es! Das war ein Befehl. Ich hatte auf der Stelle das Bedürfnis, mir bei jedem Stück Fleisch extra das Tier vorzustellen, das qualvoll getötet wurde dafür, bei jeder Spargel dachte ich an die ausgebeuteten Spargelpflücker und beim Schoggimoussedessert erinnerte ich mich vorsätzlich an die furchtbaren Bedingungen auf den Kakaoplantagen. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Auch im SPA, kürzlich, eingewickelt in ein weiches Frotteetuch, ich wollte gerade wirklich an nichts denken, bis die Frau sagte: Geniessen Sie es! Ich wurde so bockig, dass ich beschloss, dass das weiche Tuch gar nicht frisch ist, sondern bei einer Kundin vorher schon verwendet wurde, so dass jetzt alle Viren und Bakterien in der feuchten Wärme langsam auf mich drauf kriechen. Und überhaupt die Löhne dieser armen SPA-Mitarbeitenden, man sollte dagegen protestieren.
 

Jetzt kann man sagen, dass da in der Kindheit bei mir vielleicht etwas nicht ganz gut gelaufen ist, aber an der Standaktion vom letzten Samstag verstand ich, dass diese Abneigung gegen die Genussaufforderung schon auch andere Gründe hat.
Wir sammelten für die Transparenzini­tiative und ich sprach eine ältere Dame an. Sie zögerte und meinte, nun, das komme ja kaum innerhalb der nächsten zehn Jahre und da lebe sie nicht mehr. Ach was, sagte ich, das kann ich mir nicht vorstellen, wer denkt denn so etwas. Doch, meinte sie, sie hoffe sogar, dass sie dann nicht mehr lebe. Sie sei halt sehr krank. Sie unterschrieb dann trotzdem, es helfe ja immerhin den anderen. Wie ist das wohl für sie, dachte ich mir. Wie ist das, wenn ihr jemand sagt: Geniessen Sie es! Geniessen ist für so viele Menschen etwas für die anderen. Für die, die Schwein gehabt haben, die nicht krank sind, nicht arm, nicht ohne Perspektive, nicht allein. Geniessen ist ein Luxus und als dahingeworfene Aufforderung ist es oft ein Hohn für viele. Ein bisschen ist es auch eine Überheblichkeit.
 

 
Ich habe mir die Leute im Tram und auf der Strasse genauer angesehen. Könnten sie geniessen? Man sieht es den Menschen ja nicht an. Es sitzen die meisten doch ziemlich griesgrämig da, selten läuft jemand lachend an einem vorbei. Das ist normal. Immer wieder ärgere ich mich über diese triste Stimmung, für die wir doch gar keinen Grund haben in dieser schönen Stadt, in der es uns so gut geht. Im Vergleich mit fast dem ganzen Rest der Welt sitzen wir am nächsten an der Sonne. Aber er hilft nicht, der Vergleich, er hilft nicht, wenn man ganz mit sich selbst eine Last trägt.
 

Auf dass ihr zu jenen gehört, die sich den Luxus leisten können, zu geniessen – oder es aus Trotz nicht zu tun. Ich wünsche euch wunderschöne Sommerferien.

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