Gefangen im Netzwerk?

Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Email to someone

 

Die digitale Transformation werde Wirtschaft wie Gesellschaft radikal verändern. Da sind sich die Autoren der hier vorgestellten Druckwerke einig. Doch welche Konsequenzen ziehen wir daraus?

 

Hans Steiger

 

Eigentlich nur halb verwundert nahm ich beim Lesen des Buches von Joël Luc Cachelin zur Kenntnis, dass ich ein «Offliner» bin. Obwohl ich beim Schreiben dieser Rezension x-mal Websites konsultiere und meinen Text dann wie üblich als E-Mail-Anlage nach Zürich spediere. Wer heute wie ich weder Handy noch Smartphone habe, sei in unserer Kultur der Digitalisierung schlicht nicht dabei. «Das unterdigitalisierte Individuum wird weder zu Partys eingeladen noch von Headhuntern gefunden.»

Nun ist das zwar für mich persönlich kein Problem, aber offenbar werden wir zu einem Problem für Gesellschaft und Wirtschaft, denn «digital unterentwickelte Staaten und Konzerne verschwinden von der Landkarte der ersten digitalen Welt», und «wenn der Abstand zur digitalen Elite zu gross wird, bleiben irgendwann nur noch Flucht oder Resignation übrig.» Zu viele Offliner können gefährlich werden, weil widerständisch, gar zu Terror bereit. Oder sehen sie ihren Rückstand als Chance für eine alternative Lebensweise und schaffen sich eigene Refugien? Cachelin hält eine friedliche Koexistenz wie «gegenseitige Bekämpfung» für denkbar.

 

«Wissensfabrikant» schlägt Alarm

Über weite Strecken blieb für mich unklar, auf welche Seite sich der Autor im skizzierten Konfliktfeld stellt. Immerhin hatte er zuvor mit «Schattenzeitalter» einen Band vorgelegt, der gemäss Untertitel aufzeigt, «wie Geheimdienste, Suchmaschinen und Datensammler an der Diktatur der Zukunft arbeiten». Nachdem nun in diesem Frühjahr noch sein «Update!» erschien, ordne ich ihn und seine 2009 gegründete «Wissensfabrik» eher als Zudiener der digitalen Diktatur ein, die er mit manchmal fast alarmistischem Ton beschwört. Trotzdem lohnt sich die Lektüre dieses Bändchens. Es umreisst die Lage in Kürze recht gut. Der «sich selber beschleunigende technologische Wandel», den wir seit einigen Jahren etwas netter Digitalisierung nennen, steigert «die Komplexität unseres Lebens», er führt zu Stress und weckt allerlei Ängste – und er überfordert auch «das gesellschaftliche Betriebssystem». In einer Demokratie sollte dieses ein «offenes» sein, «keine Elite in Eigenregie» bestimmen. Es müssten alle mitwirken können. Doch wie sollen bei so schwerfälligen Strukturen die dringenden Updates erfolgen?

Zunehmend wird klar: Das geht nicht ohne Konsequenz und etwas Zwang. Beispielsweise der Swisspass! Noch halten die SBB «am Personal fest, um diesen zu kontrollieren.» Warum dieser Aufwand? Nur wenn wir «voll auf die Karte digital» setzen, gelingt es, «die Logistik von Menschen, Gütern und Daten» zu optimieren. «Standardisierung verbessert unsere Ökobilanz.» Das müsste Grüne freuen. Nach dem Verursacherprinzip brauchten wir wohl neben Anreizen auch Bussen für jene, die unsere Umwelt besonders belasten. Allzu viel fliegen, Lichter brennen und Wasser laufen lassen. Das wäre leicht zu erfassen. Angst vor totaler Transparenz? Sorge um Freiheit? Mit den Kreditkarten bieten wir ohnehin Einsicht in unser Verhalten. «Die absehbare Abschaffung von Bargeld wird diesen Zustand definitiv herbeiführen.» Und wie soll der enorme Investitionsbedarf für eine perfekte Infrastruktur gedeckt werden? Wir könnten die Billag-Gebühren «in eine allgemeine Digitalsteuer umwandeln, um den Ausbau des digitalen Service public zu finanzieren.» Vielleicht sind «neue Staatsbetriebe» nötig, die jedoch später «wieder teilprivatisiert» werden können.

Mit diesem Mix könnte das doch fast allen ein bisschen gefallen. Es soll ja demokratisch ablaufen. «Wir digitalisieren die Verwaltung, um Behördengänge zu vereinfachen und Behörden via Cloud Zugriff auf unsere Daten zu geben.» Und siehe da: Bei den Sozialversicherungen wenden wir uns radikal vom alten, defizitorientierten Paradigma ab «und zahlen uns ein Grundeinkommen aus.» Nicht ohne Gegenleistung. Alle übernehmen im «Gemeinschaftsdienst» ein «Ämtli», das der Gesellschaft zugute kommt. Weil aber «die Wirtschaft das mächtigste System der Gegenwart» ist und in der digitalen Transformation «weiter fortgeschritten als die Gesellschaft», hat Wirtschaftsförderung den Vorrang. «Die Unternehmen machen ihre Hausaufgaben.» Aber statt «mehr Markt» zu schaffen, reagiert die Politik mit Marktverboten. Sharing-Economy schafft doch auch Spielräume für die Arbeit… Plötzlich klingt unser Modellfabrikant wieder alternativ. Ich tappe nicht mehr in diese Falle.

 

Wie heute alles zusammenhängt

In einem anderen Buch fand ich prägnant charakterisiert, was mich bei Zukunftsvisionen dieser Machart entsetzt. Arno Rolf und Arno Sagawe, die «Googles Kern» enthüllen und vor totalitären Tendenzen in der schönen neuen Netzwelt warnen wollen, halten solche «digitalen Technikeuphoriker» für eine besondere Herausforderung. «Weder konservativ noch links noch wertegebunden» und «in diesem Sinne unpolitisch», glauben sie wirklich, «mit ihren Apps und Smartphones eine bessere Welt programmieren zu können». Google-Leute bringen diese Ideologie «auf sehr subtile Weise unters Volk». Dazu in Kontrast gesetzt sind autonom oder in überschaubaren Gemeinschaften agierende «Querdenker und Eigenbrötler», die sich nicht eingliedern lassen wollen. Aber auch sie operieren in Bereichen, die wenige Konzerne bereits weitgehend beherrschen. Google steht dafür «nicht nur exemplarisch», die zwischen Uni und nun sprichwörtlicher Garage entstandene Firma wurde «zum Referenzmodell der digitalen Transformation». In einer zunehmend «von Spinnennetzen geprägten Ökonomie geht es im ersten Schritt um Optimierung, dann um den Aufbau von Abhängigkeiten, dann um Einverleiben und letztlich um Dominierung.»

Das zweite Beispiel, welches ausführlich und anschaulich beschrieben wird, ist Amazon. Hier funktioniert hinter den Kulissen eine knallharte Arbeitspolitik. Immerhin kann sich diesem Konzern konsumseitig leichter fernhalten, wer will. Ganz auf Google verzichten, das räumen die Autoren ein, ist heute bei der Nutzung des Web schwer, fast unmöglich. Sie geben auch zu, die Leistung der kalifornischen Pioniere zu bewundern. Was nach einer doppelt kritischen Analyse ruft. Und die wird geleistet. Vom immer tiefer von Technik durchzogenen und geprägten Privatleben zieht sich ein weiter Bogen hin zu den damit vielfach verknüpften Umbrüchen in der Arbeitswelt. Die derzeit vor allem in Deutschland massiv geförderte «Industrie 4.0» und das sogenannte Internet der Dinge bekommen Konturen. Genau betrachtet sind es ungeheure Visionen. «Das konstruktive Wissen der Ingenieure und Facharbeiter, das benötigt wird, um die Smart Factory zu schaffen», trägt aktiv zur Zerstörung einer «alten» Ökonomie bei. Die «neue» braucht weit weniger Menschen. Eine digitale Fabrik sollte nach dem Programmieren «unabhängig» laufen, die Abläufe selbst optimieren. Dass damit auch «Vertrauen an ein kaum mehr durchschaubares System abgegeben werden muss», ist kaum Diskussionsstoff. Es gehört zu jenen «Nebenfolgen», die meist als zweitrangig behandelt werden, aber in dieser Analyse ins Zentrum rücken. Nur mit Einbezug aller Wechselwirkungen ist «der disziplinäre Tunnelblick» zu überwinden. Auch die Abstecher in klassische und aktuelle ökonomische wie soziologische Theorien tragen dazu bei. Es soll gezeigt werden, wie alles zusammenhängt.

 

Mikropolis-Blick aufs Digitotale

Während der mit Jahrgang 1981 deutlich jüngere Cachelin sein Metier an der St. Galler Handelshochschule lernte und in der Präsentation wie ein Einzelkämpfer wirkt, gehören der Informatikprofessor Arno Rolf und sein Kollege zu einer Fachgruppe der Uni Hamburg, die sich seit langem mit Technologiefolgen befasst. Sie nannte sich bei der Gründung in den 1970er Jahren programmatisch «Mikropolis» – ein Kürzel für die Zusammenfügung von Mikroelektronik und Polis. «Des Googles Kern» hat nicht zuletzt dort geführte Diskussionen als Hintergrund, und eigentlich ist auch dieses Buch nur ein Update, um im modisch digitalen Jargon zu bleiben.

Mitte der 1980er Jahre setzten sich «Mikropolis»-Publikationen mit damals neuen Plänen der Deutschen Bundespost auseinander. Stichworte: ISDN, Glasfaserkabel. Es wurden «Möglichkeiten und Grenzen sozialverträglicher Informationstechnikgestaltung» erwogen. Verlegt hat solches der VSA, einst als «Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung» gegründet. Und die Nähe zu gewerkschaftlichen Fragestellungen ist geblieben. Bewirkt wurde damit wahrscheinlich wenig; der technische Schub war zu rasant.

Die aktuelle Bestandesaufnahme ist im Grundton spürbar skeptischer, doch sie bleibt differenziert. Dass die Vorgeschichte einbezogen wird, führt gelegentlich zu Längen und Doppelungen, aber es dämpft die Neigung zu Illusionen. Eine französische Studie, die subtil zeigte, wie der Kapitalismus die Aufbrüche um 1968 neoliberal umnutzte, wird mit Blick auf die noch immer vielfältige, vielversprechende Wiki-Welt weitergeführt. Dabei zeigt sich, dass jede bestechende Idee missbrauchgefährdet ist. Airbnb und Uber sind Spitzen eines Eisbergs. Die zweite Welle der Digitalisierung der Industrie rollt an. Zudem wird weltweit ein neues Stadt-Leitbild propagiert: «Smartes Leben in der smarten City». Entstanden nicht in kommunalen Planungsgremien, sondern im Silicon Valley. Auch der öffentliche Raum gerät ins Visier von Big Data. Konflikte zeichnen sich ab. Denn wenn alles dem Homo oeconomicus untergeordnet ist, wird stranguliert, was das Stadtleben ausmacht. Öfters würden notabene ökologische Zielsetzungen «zum Ausgangspunkt» oder «zum Vorwand» für das Datensammeln genommen. Sonst kommt die Ökologie im Buch eher etwas zu kurz.

Hingegen taucht auch bei Rolf und Sagawe unser tagesaktuelles Thema auf. «Von den politisch Orientierten», die Alternativen zum Trend suchen, digital renovierte Allmende-Ideen und neue gesellschaftliche Entwürfe ins Spiel bringen, würden Grundeinkommen oder andere Arten von Automatisierungsdividenden als materielle Basis für ein freieres Experimentieren postuliert. Natürlich entscheide erst die konkrete Umsetzung, ob damit die drohende Spaltung der Gesellschaft verhindert und eine Demokratisierung befördert werden könne. Ein «sinnvolles Kontrastprogramm zu Hartz IV» wäre es wohl allemal.

 

Joël Luc Cachelin: Offliner. Die Gegenkultur der Digitalisierung. Stämpfli Verlag, Bern 2015, 139 Seiten, Fr. 29.80

Update! Warum die digitale Gesellschaft ein neues Betriebssystem braucht. Stämpfli, Bern 2016, 61 Seiten, Fr. 19.90

Arno Rolf / Arno Sagawe: Des Googles Kern und andere Spinnennetze. Die Architektur der digitalen Gesellschaft. UVK, Konstanz 2015, 277 Seiten, 20 Euro

Einblicke und Hintergründe: www.wissensfabrik.ch und www.mikropolis.org.

nach oben »»»