Fünf vor Aufwertung

Wieder schlägt die Gentrifizierung an der Langstrasse zu: Lokale Geschäfte müssen umziehen, während die Migros bekommt, was sie will.

 

Milad Al-Rafu

 

Das «Peter & Vreni» residiert nicht mehr an der Langstrasse 225: Der Schuhladen muss nach 45 Jahren ausziehen. Auch die anarchistische Bibliothek «Fermento» muss aus den Räumlichkeiten weg. Sie konnten die erhöhten Mietpreise nicht mehr bezahlen. Stattdessen zieht der Takeaway «Kaimug» ein. So weit, so gut. Doch was den Passanten an der Langstrasse wohl auf den ersten Blick nicht klar ist: Dieser Takeaway ist Teil einer Kette, die zur Migros-Gruppe gehört. Und wie es halt so ist, konnte nur die Migros den erhöhten Mietzins bezahlen, während «Peter & Vreni» und die Bibliothek dieses Geld schlichtweg nicht zur Verfügung haben. Der Hauseigentümer behauptete in einer Stellungnahme, dass ein von der Migros betriebenes Speiserestaurant besser zur Geschichte des Hauses passe als ein Schuhladen und eine anarchistische Bibliothek. Beruhigend, dass dies dem Hauseigentümer nach 45 Jahren endlich aufgefallen ist.

 

Dies ist kein Einzelfall. Es geht auch nur bedingt um die involvierten Akteure. Vielmehr handelt es sich um ein Phänomen, das sich auf immer gleiche Weise wiederholt: Durch die Steigerung des Eigentumswertes kann der Eigentümer höhere Mieten verlangen, die oftmals nur noch Akteure mit viel Geld aufbringen können. Das Forum «5im5i» hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf diese Entwicklungen im Kreis 5 aufmerksam zu machen und neue Lösungen zu entwickeln. Dieses Forum ist 2015 entstanden, ist basisdemokratisch organisiert und trifft sich einmal pro Monat.

 

 

Handel im Wandel
Am Dienstag hat das 5im5i zu einer Veranstaltung mit dem Titel «Handel im Wandel» geladen. Veranstaltungsort war das Ladenlokal an der Langstrasse 200, das unter anderem eine Bühne für das benachbarte Gewerbe bietet sowie ein Begegnungsort für das Quartier ist. Das Ladenlokal Langstrasse 200 selbst ist im Verein «L200» organisiert und kann von den Mitgliedern des Vereins, egal ob Privatperson oder Gewerbler, zum Beispiel als Ausstellungsort oder Co-Working Space genutzt werden. Hierbei versucht L200 gemeinsam mit 5im5i, neue Nutzungskonzepte zu entwickeln, die Bevölkerung über die bestehenden Entwicklungen im Quartier zu informieren sowie eine Kooperation zwischen den Quartierläden zu realisieren.

 

An der Veranstaltung in den Räumlichkeiten der Langstrasse 200 nahmen die Stadtentwicklung, VertreterInnen des lokalen Gewerbes sowie die Migros Genossenschaft teil. Im Zentrum standen die stetig steigenden Mietpreise sowie die ungleichen Kräfteverhältnisse zwischen Quartierläden und Grosshändler. Jörg Blunschi, Geschäftsleiter der Migros Genossenschaft Zürich, hielt in seinem Votum fest, dass die Migros nicht daran interessiert sei, kleine Läden zu verdrängen. Es werde einzig auf das Kundenbedürfnis eingegangen. Auf Nachfrage bestätigte er jedoch, dass Überlegungen bezüglich Gentrifizierung bei Entscheidungsfindungen innerhalb der Migros so gut wie keine Rolle spielen würden. Er kann sich jedoch Kooperationen mit Quartierläden wie etwa Metzgereien vorstellen, indem diese zum Beispiel in Migros-Filialen auf eigene Rechnung wirtschaften.

 

Elin Braun, Geschäftsführerin des Bio-Geschäfts «Chornlade» und Mitglied von 5im5i, fordert von der Migros hingegen, dass diese aufhören solle, stetig die kleinen Quartierläden zu konkurrenzieren: «Die Migros soll nicht nur an die eigene Profitmaximierung und an die Kundenwünsche denken, sondern auch an die Quartierentwicklung, wozu auch die lokalen Geschäfte gehören.» Zwischen den Quartierläden funktioniere diese Rücksichtnahme bereits: So nehme man bei Nachfrage der Kunden nicht das fehlende Produkt ins Sortiment auf, sondern man verweise auf den Laden im Quartier, der das gewünschte Produkt bereits führt.

 

Anna Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung Zürich, wies im Rahmen der Veranstaltung darauf hin, dass durch den Online-Handel, die Frankenstärke, und der Einkauf im nahen Ausland bereits ein Wandel beim Einkaufsverhalten stattgefunden hat. «Das führt dazu, dass ein beträchtlicher Teil der Ladenfläche nicht mehr von Detailhändlern genutzt, sondern anderweitig verwendet wird», so Schindler. Thomas Raoseta, Vorstand des Quartiervereins Zürich 5 und Mitglied von 5im5i, sieht diesen Wandel nicht nur negativ und erhofft sich in Zukunft Hybrid-Nutzungen, die auch nicht-kommerzielle Konzepte beinhalten.

 

Im Anschluss an die Veranstaltung betonten Braun und Raoseta, dass man die Gespräche mit den Grosshändlern weiterführen wolle. Auch mit den Hauseigentümern werde man vermehrt den Kontakt suchen, um Situationen wie an der Langstrasse 225 verhindern zu können.

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