Frohe Botschaft

Ein kurzes Bühnenspiel zur Adventszeit.

 

Fritz Billeter*

 

Figuren: Zöllner
Grenzgänger

 

Die Bühne deutet einen Saumpfad im Gebirge an. Der Grenzposten ist ein farbig gestreiftes Wachthäuschen, wie es im 18. Jahrhundert gebräuchlich war. Der Zöllner trägt im Gegensatz dazu eine moderne Uniform, er ist mit Stahlhelm und Maschinenpistole ausgerüstet. Der Grenzgänger trägt einen Jogging­anzug und Rucksack.

 

Zöllner: Etwas zu verzollen?

 

Grenzgänger (hält ihm den geöffneten Rucksack hin): Lindenblütentee.

 

Zöllner: Lindenblütentee ist zollfrei.

 

Grenzgänger: Ich bin beauftragt, ihrem Land eine Botschaft zu übermitteln.

 

Zöllner: Auch Botschaften sind zollfrei.

 

Grenzgänger: Sind Sie da ganz sicher? Denn meine Botschaft ist unerhört. So unerhört ist sie, dass ich, ein gewöhnlicher Erdenbürger, sie frei verkünden kann.

 

Zöllner: So, so unerhört, frei verkünden. – Es kam noch nie jemand vorbei, der unserem Land eine Botschaft bringen wollte. Ich habe diesbezüglich keine Vorschriften, an die ich mich halten könnte. – Wollen Sie sich nicht setzen?

 

Grenzgänger: Ich stehe lieber, mit ihnen auf Augenhöhe. Meine Botschaft lautet: Friede sei in den Ländern.

 

Zöllner: Hab ich auch schon gehört, diese Botschaft, ist ja uralt. Mittlerweile pfeifen sie die Spatzen von den Dächern.

 

Grenzgänger: Das Uralte ist oft das Neuste und Dringlichste. Noch einmal: ich bin ausgewählt, ihnen und ihrem Land zu verkünden, Friede sei in den Ländern.

 

Zöllner (überlegt): Sind Sie überzeugt, dass ihre Botschaft wirklich gut ist?

 

Grenzgänger: Es gibt keine bessere.

 

Zöllner: Je länger ich überlege, umso sicherer werde ich: ich kann Sie mit ihrer Botschaft doch nicht einfach so einreisen lassen. Denken Sie an unsere Waffenindustrie. Wenn plötzlich Friede herrscht, werden viele Menschen arbeitslos. (kratzt sich am Kinn) Und wenn sich unter der Fahne des Friedens alle Länder in Freundschaft zusammenschliessen, werde auch ich arbeitslos. Was könnte ich dann für einen Beruf ausüben? Etwa Lämmer hüten?

 

Grenzgänger: Warum sagen Sie nicht einfach ‹Schafe hüten›?

 

Zöllner: ‹Lämmer hüten› tönt poetischer.

 

Grenzgänger: Bis jetzt wusste ich nicht, dass Poesie in einem Zöllnerhirn ihren Platz hat.

 

Zöllner (entledigt sich des Stahlhelms): Er drückt.

 

Grenzgänger: Es gäbe eine Reihe anderer Berufe für Sie, wenn der Frieden ausbräche. Sie könnten etwa für einen Marsflug trainieren.

 

Zöllner: Ich ziehe es vor, auf unserem Planeten zu bleiben. Nach allem, was man hört, ist der Mars unwirtlich, tausendmal öder als die Berge hier.

 

Grenzgänger: Es dauert nicht mehr lange, bis der Mars eine grüne Idylle ist im Vergleich zur Wüstenei, die wir auf der Erde zurücklassen. Es sei denn, Sie lassen mich endlich durch, damit ich mit meiner Botschaft das Schlimmste abwenden kann.

 

Zöllner: Friede auf Erden. Wo käme ich dann mit meiner gesunden Wut hin?

 

Grenzgänger: Diese Wut ist überhaupt nicht gesund – führt zu Magenkrebs.

 

Zöllner (ändert den bisher freundlich-sachlichen Tonfall; er ist jetzt wütend): Friede auf Erden. Dabei fällt ihnen nichts Besseres ein, als mit ihren Schalmeitönen den Betrieb hier aufzuhalten!

 

Grenzgänger: Seit ich Sie für meine Botschaft zu gewinnen versuche, ist niemand anderer vorbeigekommen.

 

Zöllner: Das kann sich jeden Augenblick ändern. Die Leute stehen oft Schlange und führen ganz andere Dinge mit als Lindenblütentee, etwa Zigaretten oder Kokain.

 

Grenzgänger: Angenommen, Sie lassen die Leute mit Zigaretten oder mit Rauschgiften einfach passieren.

 

Zöllner: Das darf ich nicht, das ist wider das Gesetz.

 

Grenzgänger: Aber diese Gesetzesbrecher richten viel weniger Schaden an als Kriege.

 

Zöllner: Kriege wird es geben, solange es Menschen gibt. Dagegen bin ich mitverantwortlich, dass Gesetzesbrecher, welche die Grenze zu passieren versuchen, gefasst und hart bestraft werden. (Pause) Und wenn ich’s recht bedenke, Sie sind mit ihrer Botschaft auch so ein Gesetzesbrecher. Ich kann Sie nicht durchlassen.

 

Grenzgänger: Dann versuche ich es bei anderen Grenzübergängen.

 

Zöllner: Diese Mühe können Sie sich sparen. Ich werde meine Kollegen per Funk benachrichtigen: Passt auf, da ist ein ganz Gefährlicher im Anzug, ein Friedensbringer.

 

Grenzgänger: Ist ihre Maschinenpistole überhaupt geladen?

 

Zöllner: Da können Sie sicher sein (macht Ladebewegung)

 

Grenzgänger: Wenn ich Sie zur Seite schiebe und einfach losrenne, werden Sie mich dann erschiessen? Das Gewaltmonopol liegt beim Staat, und da Sie und ihre Kollegen den Staat verkörpern, sind Sie berechtigt, auf mich zu schiessen, wenn ich trotz ihres Verbots die Grenze passiere.

 

Zöllner: Ich werde nicht schiessen. Ich habe noch nie schiessen müssen. Die von mir verkörperte Staatsmacht strahle ich aus, sie strahlt durch mich (der Zöllner erstrahlt in überirdischer Helle), und Sie werden dieser Strahlkraft nicht zuwider handeln.

 

Grenzgänger: Ich wage das Experiment. Auf Wiedersehen, Herr Zöllner, ich betrete jetzt ihr Land, um in ihm meine unerhörte Botschaft zu verbreiten. (Er macht einige entschlossene Schritte, der Zöllner lässt ihn ziehen, er verschwindet.)

 

Zöllner (Die Helle ist von ihm genommen): Er hat es gewagt. Vielleicht ist es doch besser, ich gehe Schafe hüten.

 

* Fritz Billeter, geboren 1929, ist Germanist, Kunstkritiker, Autor (u.a. des 2017 erschienenen Essays «Kunst und Gesellschaft») und früherer Kulturredaktor des ‹Tages-Anzeigers›.

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