Frauensolidarität

Zuerst war der Zweifel. Dann die Hoffnung. Der Ärger. Und jetzt nur noch Freude. Die Rede ist natürlich vom Frauenstreik.

 

«Wenn die Wirtschaft Care-Arbeit nicht anerkennt, braucht es halt wieder einmal einen Frauenstreik», meinte Natascha Wey 2016 kurz nach ihrer Wahl zur Co-Präsidentin der SP-Frauen zur WOZ. Wey war wohl weder die Erste noch die Einzige, die die Idee zu einem erneuten Frauenstreik hatte. Aber: 2016 schien die Idee eines erneuten Frauenstreiks noch ziemlich vermessen. Ich hätte sie damals nicht aufgebracht. Im Gegenteil: Ich habe immer ein wenig gezweifelt, ob dies wirklich funktioniert. Schliesslich war 1991 ein Grosserfolg. Hunderttausende Frauen in der ganzen Schweiz beteiligten sich am Streik. Kann man so eine grosse Geschichte wirklich wiederholen? Müsste man nicht etwas anderes, etwas neues entwickeln? Ich bin überzeugt, obwohl ich es jetzt, wo ich diese Zeilen tippe, gar noch nicht weiss, ob ich mich geirrt habe.

 

Es war am ersten Mai diesen Jahres, als ich in meiner alten Heimatstadt Olten die 1. Mai-Rede gehalten habe, als ich das erste Mal realisiert habe, dass dieser Streik eine grosse Geschichte wird. Nach mir und Pierre-Yves Maillard hielten zwei junge Frauen aus dem Streikkollektiv Olten die Ansprache und ich musste neidlos anerkennen, dass sie uns die Show stahlen. Ich war begeistert. Alle anderen Frauen im Saal auch.

 

In den letzten Wochen wurde der Frauenstreik auch zum medialen Thema. Neben vielen Geschichten und Porträts über unterschiedliche Frauen und unterschiedliche Beweggründe für den Streik gab es eine Reihe von Geschichten, die mich ärgerten. Etliche widmeten sich beispielsweise den Männern. Was machen die Männer? Was wollen die Männer? Was finden die Männer? Was dürfen die Männer? Und die Frauen? Sie zanken!« Zoff um Männer am Frauenstreik» titelte etwa der ‹Blick›. ‹20 Minuten› fand dagegen ein männerfeindliches Transparent bei der Genossenschaft Kalkbreite, worüber sich dann auch noch ein paar Männer aufregen durften. Dabei ist die Antwort auf die Frage, was denn die Männer tun dürfen oder sollen, eigentlich einfach: Es ist egal. Es geht an diesem einen Tag, an diesem einen Mal seit 28 Jahren schlicht nicht um sie.

 

Die zweite Art Geschichte, die mich zu nerven begann, war die Frage, ob dieser Frauenstreik nun ein ‹richtiger› Streik ist oder nicht. Ist es ein Streik, ein Aktionstag, eine Demonstration, ein Volksfest? Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist ein Superstreik. Es ist alles und nichts. Wie schon 1991 ist der Erfolg der Veranstaltung, dass sie sich einfachen Kategorisierungen entzieht. Wie die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss in einem Interview mit der WOZ sagt: «Der Streik sollte ein Sammelbecken für die Bedürfnisse ganz unterschiedlicher Frauen sein. Denn ‹die Frau› existiert nicht.» Es gibt weder den einzigen richtigen Streikgrund noch die einzige, richtige Art zu streiken. Der Streik ist bunt und vielfältig, so wie es Frauen auch sind.

 

Für einen letzten Ärger sorgten noch die bürgerlichen Frauen. «Dem Streik voraus», seien sie, meinten die FDP-Frauen. Man wolle damit ausdrücken, dass die FDP- Frauen den Streikenden zeitlich und gedanklich voraus seien, meinte FDP-Frauen-Präsidentin Doris Fiala gegenüber Nau.ch: «Militant ist das falsche Wort. Ich würde eher sagen, dass ein Gang auf die Strasse heute nicht mehr zeitgemäss ist. Vielleicht sind die Streikenden in den 70er-Jahren stecken geblieben.» Zeitgemässer ist nach den FDP-Frauen, wenn man eine Plakatkampagne macht. In ihrer Kampagne zeigen sie typische Vorurteile gegenüber Frauen und Männern. «Rational», steht da beim Mann. «Emotional» bei der Frau. Letzteres ist durchgestrichen und mit «Rational» ersetzt. Seht, sagen die FDP-Frauen: Wir Frauen sind doch auch nur Männer. Nun ist es tatsächlich so, dass Geschlechterstereotype Frauen wie Männer benachteiligen können und es ist durchaus verdienstvoll, wenn man diese thematisiert und infrage stellt. Man fragt sich einfach, warum die FDP, die beim Büro für Gleichstellung immer gegen diese Art von Kampagnen wetterte, nun selber nicht auf andere Ideen kommt.

 

Die Business and Professional Women Switzerland BPW und der bürgerliche Frauendachverband Alliance F hingegen unterstützen den Frauenstreik, wenn auch eher zögerlich. Claudine Esseiva von BPW stört sich dabei in der NZZ vor allem am Wort Streik: «Die Gewerkschaften hätten den Streik nicht für sich in Anspruch nehmen dürfen. Sie haben das Thema aus meiner Sicht monopolisiert.» Es wäre ihr lieber gewesen, hätte man es einen Aktionstag genannt, was wiederum die gewerkschaftlichen Frauen eher irritierte.

 

Ich werte es hingegen eher als Erfolg, dass nun auch die bürgerlichen Frauen dabei sein wollen. Der Streik ist so gross geworden, dass ihn niemand mehr ignorieren kann. Klar: Die Interessen der Managerin und der Verkäuferin sind nicht immer die gleichen, auch wenn beides Frauen sind. Es bringt aber beiden wenig, wenn man ihre Interessen gegeneinander ausspielt. Die Verkäuferin hat nichts von einer Frauenquote im Verwaltungsrat, aber sie gewinnt auch nichts, wenn es diese nicht gibt. Aber es stünde auch den Frauen in der Teppichetage gut an, wenn sie sich dafür interessieren, unter welchen Bedingungen ebendiese Teppiche geputzt werden.

 

«Die Zeit, in der ich stark öffentlich tätig war, war eine Periode, in der man sich auch unter Frauen aus verschiedenen politischen Lagern gegenseitig unterstützt hat», meint Ruth Dreifuss in der WOZ. «Ich bin um jede Frau froh, die in die Politik geht», sagte Christiane Brunner, die ehemalige Ständerätin und Erfinderin des Frauenstreiks 1991 ebenfalls in der WOZ: «Feminismus ist nicht zwangsläufig eine Frage von links oder rechts. Beim Gleichstellungsgesetz etwa hatte ich Hilfe von Vreni Spoerry, einer sehr reichen Freisinnigen aus Zürich. Auch für sie gab es einen Grund, für Gleichstellung zu kämpfen, obwohl sie liberal war. Die meisten Männer hingegen haben sich darum foutiert.» Nicht jede Aktion an diesem heutigen Frauenstreik ist nach meinem Gusto. Nicht jede Forderung ist die meine. Frauen – selbst linke Feministinnen – müssen sich nicht in allem einig sein. Weder heute noch morgen. Aber ich freue mich über jede, die heute kommt. Ob links, liberal, bürgerlich oder apolitisch. Und ich hoffe, dass diese Solidarität und Freude auch über den heutigen Tag hinaus gehen.

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