Fachmann gegen Klima-Krise

Der grüne Regierungsratskandidat Martin Neukom präsentierte am Dienstag an einer Medienorientierung seinen «Klima-Plan», mit dem er die Klima-Krise stoppen will. Er setzt auf Technik und Rahmenbedingungen und nicht auf die Moral des Verzichts.

 

Seit dem Hitzesommer 2018 setzen die Grünen noch konsequenter auf das Thema Klima. Die Nomination des bisher nur in Politkreisen bekannten Kantonsrats Martin Neukom aus Winterthur zum Regierungskandidaten passt dazu. Als Ingenieur für Solartechnik versteht er vom Klima wirklich etwas. Was nach Franz Baumgartner, Dozent für erneuerbare Energien, dringend notwendig ist: «Es braucht Politiker, die die neue Technologie verstehen, um sie der Bevölkerung erklären zu können.» Dass ein Ersatz des scheidenden Baudirektors Markus Kägi durch Martin Neukom eine Zäsur in der Umweltpolitik des Kantons Zürich wäre, liegt auf der Hand. Den Namen Martin Neukom auf den Wahlzettel für den 24. März zu schreiben, würde ich als wirksame und erst noch günstige Massnahme für ein besseres Klima bezeichnen. Wobei zum «günstig» eine Einschränkung gehört. Als noch junger Politiker verschwieg Martin Neukom den Preis nicht: Die Umstellung der Technologie und der Infrastruktur verlangen Investitionen und der Steuerfuss ginge dadurch zumindest eher hinauf als weiter hinunter.
Marionna Schlatter als Präsidentin der Grünen des Kantons freute sich über die Kundgebungen der SchülerInnen und betrachtet die Wahlchancen der Grünen als deutlich besser als vor vier Jahren. Sie erhofft sich mindestens die fünf Sitze zurück, die die Grünen vor vier Jahren im Kantonsrat verloren. Martin Neukom startete seine Regierungsratskampagne als Lokomotive und Zeichen für den Klimawahlkampf der Grünen, aber ohne Aussichten auf eine Wahl. Favorit ist er immer noch nicht, aber er hat es zu einem Aussenseiter gebracht, vor dem vor allem die FDP langsam etwas zittert. Wenn alle, die seit den Kundgebungen der SchülerInnen verkünden, sie möchten auch etwas für die Umwelt tun, ihn wählen, könnte es sogar klappen.

 

Seit 30 Jahren bekannt
Nun aber zu seinem Klima-Plan. Ausgangslage ist die stetige Zunahme des CO2 in der Atmosphäre, das wie eine Wolldecke wärmt und dazu führt, dass die Temperaturen steigen. Interessant an seinen Ausführungen: Die ganze Entwicklung ist seit 1981 bekannt und die damaligen Kurven, mit Computern der damaligen Kapazität errechnet, stimmen mit den heute errechneten überein. Nur geschehen ist seit damals – trotz vieler Konferenzen und Abkommen – nicht gar nichts, aber viel zu wenig. Mit den derzeitigen Zielen, eine Beschränkung der Klimaerwärmung unter zwei Grad bis 2050, kann der befürchtete Kipp-Punkt höchstens hinausgeschoben werden. Die Erwärmung durch zusätzliches CO2 in der Atmosphäre erreicht wie viele chemische Vorgänge einen Punkt, an dem sich der Prozess verselbständigt und nicht mehr zu stoppen ist. Neukoms Schlussfolgerung: «Es reicht nicht, wenn die Emissionen ein bisschen sinken. Das würde lediglich den Zeitpunkt der gefährlichen Kettenreaktion etwas verzögern. Das Klima zu stabilisieren schafft die Erdgemeinschaft nur, wenn sie ihre Emissionen auf Null senkt. So schnell wie möglich, spätestens bis 2050.»
Martin Neukom anerkennt, dass die Schweiz mit 4,5 Tonnen CO2-Ausstoss pro Kopf auch dank den Umweltmassnahmen in der Welt relativ gut dasteht. Aber er verschliesst die Augen nicht vor der zweiten Realität: In der Rangliste nach Konsum (also mit der grauen Energie) erreicht die Schweiz beinahe die USA, was für Martin Neukom in erster Linie eine Frage des Lebenstandards ist und nicht mit etwas persönlicher Moral wirklich geändert werden kann. Wenn neue Flugzeuge beispielsweise etwas weniger Kerosin verbrauchen, ist das ja schön und gut, aber längst nicht mehr zielführend: «Die Frage muss lauten. Wie sehen Wirtschaft und Gesellschaft ohne fossile Energie aus – und wie kommen wir dort hin?» Im konkreten Fall muss der Flugverkehr auf Wasserstoff und Methan umsteigen, das mit erneuerbarer Energie produziert wurde. Da dies noch etwas dauert, spricht sich Martin Neukom auch für eine Verteuerung der Flugbillete aus – mindestens so teuer wie die Bahnbillette sollten sie schon werden.
Wichtig in diesem Zusammenhang ist ihm, wie die Investitionen gelenkt werden. Solange die Finanzindustrie das Geld in die Produktion und den Vertrieb von fossiler Energie steckt, unterstützt sie falsche Rahmenbedingungen. Wie sich das ändern kann oder könnte, zeigt die Entwicklung der Solarenergie. Ein Solarmodul verbilligte sich dank der industriellen Produktion von 1990 von mehr als 10 Franken auf 25 Rappen pro Kilowatt Leistung. Solarstrom ist (oder wäre) heute keine Frage des Preises mehr, sondern der Rahmenbedingungen und Gesetze zur Anwendung und der Ausbildung der Bauindustrie. Dies wohlverstanden ohne Subventionen.

 

Sechs Punkte
Sein Klima-Plan umfasst sechs Punkte, die hier kurz zusammengefasst sind:
• Gebäude: Technisch kann man heute Gebäude bauen, die über das ganze Jahr gesehen mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Zudem genügt die Sanierungsrate der Gebäude im Kanton Zürich nicht: Sie sollte von einem Prozent auf drei Prozent erhöht werden.
• Mobilität: Punkt 1 ist eine Raumplanung der kurzen Wege. Punkt 2 eine Forcierung von Velo und ÖV. Punkt 3: Der verbleibende Autoverkehr wird vollständig elektrifiziert, wobei an der Batterietechnik noch gearbeitet und die Produktion von Strom aus erneuerbarer Energie gesteigert werden muss.
• Flugverkehr: Wasserstoff statt Kerosin und bis dies möglich ist, höhere Flugpreise, CO2-Kompensation nicht ganz ausgeschlossen.
• Finanzen: Keine Investitionen in die fossile Energie.
• Kohlenstoff-Senken: Man kann CO2 aus der Luft herausfiltern und mit guter Forschung auch festbinden. Das kostet Geld.
• Weitere Massnahmen: Ausser dem Einsatz von erneuerbarer Energie fast überall auch eine Verbesserung der Energieeffizien

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