«Es ist die Gesellschaft, die den Jugendkult befeuert»

In ihrem neuen Dokumentarfilm «Les Dames» machten sich Véronique Reymond und Stéphanie Chuat auf, die Lebensrealität von fünf über sechzigjährigen Frauen abzubilden. Ihr Kampf gegen die Einsamkeit steht dabei im Zentrum. Im Gespräch mit Milad Al-Rafu reflektierten die Regisseurinnen unter anderem ihre eigenen Ängste, erklärten, wie man die Protagonistinnen eines Dokumentarfilmes respektvoll in Szene setzt und zeigten auf, wo eine kulturelle Grenze in der Schweiz verläuft.

 

Was hat Sie dazu inspiriert, einen Dokumentarfilm über fünf Frauen im Alter von 60 bis 75 Jahren zu machen?
Véronique Reymond: Die eigene Angst zu altern und allein dazustehen: Viele Männer sterben zum Zeitpunkt ihrer Pensionierung aufgrund der tieferen Lebenserwartung und lassen ihre Frauen zurück. Ausserdem suchen sich Männer in diesem Alter oftmals eine jüngere Partnerin. Als Reaktion kaufen sich die Frauen dann ein GA, bereisen mit ihren Freundinnen die Schweiz, machen Sport und betätigen sich kulturell – was alles sehr schön sein kann. Wir arbeiten jedoch auch gerne mit Männern zusammen, haben auch Lebenspartner und geniessen es allgemein, Männer um uns zu haben. Wir haben uns deshalb gesagt, dass wir uns der Angst stellen und rausfinden müssen, wie es in der Realität aussieht. Dies war eine wichtige Motivation für den Film.

 

Handelt es sich um die Angst, ohne Mann dazustehen oder die Angst, nicht mehr als attraktiv zu gelten?
V.R.: Ich glaube diese Ängste sind stark miteinander verbunden: Mit dem Alter nimmt die Attraktivität ab, was auch wir merken. Man wird weniger wahrgenommen. Dass man allein ist, weil man plötzlich unsichtbar für Männer ist, oder weil es generell weniger Männer gibt, läuft auf dasselbe hinaus.

 

Yann Moix, ein französischer Autor, hat kürzlich gesagt, dass er Frauen ab fünfzig nicht mehr attraktiv findet. Handelt es sich hierbei um eine Meinung einer Einzelperson oder um eine gesellschaftliche Haltung?
Stéphanie Chuat: In erster Linie handelt es sich um ein Gefühl, das Frauen in diesem Alter verspüren. Dass ein Mann dies so sagt, ist sehr heftig. Jedoch ist es die Gesellschaft, die den Jugendkult befeuert. Bereits 25-jährige Schauspielerinnen fühlen sich verunsichert und benutzen Botox und andere Hilfsmittel.
V.R.: In unserer Gesellschaft herrscht eine Angst vor, sich mit unserer Sterblichkeit auseinander zu setzen. Doch gerade unsere Körper tragen Zeichen, die auf die vergangene Zeit und schlussendlich die Endlichkeit unseres Lebens hinweisen. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb sich Männer ab einem gewissen Alter zu jüngeren Frauen hingezogen fühlen. Denn deren Körper strahlen eine Vitalität und einen Elan aus. Wenn es gesellschaftlich mehr akzeptiert wäre, würden sich vielleicht auch mehr Frauen aus denselben Gründen jüngere Männer suchen.

 

Es geht also am Schluss darum, die eigene Sterblichkeit zu verdrängen?
V.R.: Absolut.

 

Gibt es Ihrer Meinung nach einen Unterschied in dieser Hinsicht zwischen dem deutschsprachigen und dem frankophonen Kulturraum?
S.C.: In Berlin, wo wir zurzeit drehen, habe ich eine grössere Gleichberechtigung wahrgenommen. In Frankreich – zumindest in der Filmszene – wird bei den Schauspieler­innen grossen Wert auf ihr Äusseres gelegt.

 

Kehrt mit dem Alter nicht aber auch ein bisschen Ruhe ein, da man sich mehr gefunden hat und nicht mehr allen gefallen will?
S.C.: Odile, eine der Pro­tagonistinnen, sagt am Ende des Dokumentarfilmes: «Der Vorteil des Alterns ist, dass man ein bisschen Distanz einnehmen und gewisse Dinge relativieren kann.» Noëlle (auch eine der fünf Damen; Anm. d. Red.) sagte mir heute ausserdem, dass sie kein Problem mehr hätte, allein zu sein, und dass ihr dies Kraft gäbe.
V.R.: Es gibt jedoch auch den gegenteiligen Diskurs: So zögerten unsere Damen, nochmal ein Liebesabenteuer zu wagen, aus der Angst heraus, zu verletzt zu werden. Mit dem Alter wollten sie sich schlicht nicht noch mal dem Risiko des Lebenskummers aussetzen.

 

Nach der Trauer ist der Liebeskummer eine der intensivsten Emotionen.
S.C.: Trauer nach einem Todesfall ist hart. Zurückgewiesen zu werden, ist jedoch ein Schmerz für sich.
V.R.: Als sich Marion (die wohl witzigste der fünf porträtierten Damen; Anm. d. Red.) während der Dreharbeiten verliebte, bedeutete das viel Stress für uns. Denn wir hatten Angst, dass sie ausgenutzt werden würde. Erst als sie sich mehrmals mit ihrem Angebeteten traf und wir wussten, dass er im gleichen Alter war, konnten wir uns entspannen.

 

Im Film zeigen Sie die fünf Damen in sehr intimen Momenten. Wären solche Aufnahmen auch möglich gewesen, wenn ein männlicher Regisseur für den Film verantwortlich gewesen wäre?
S.C.: Das ist schwer zu sagen. Es kommt immer auf die Verbindung zwischen den involvierten Personen an.
V.R.: Die Damen mochten unseren amerikanischen Kameramann. Zwischen ihnen gab es eine gewisse Art von Verführung. Doch obwohl sie gerne von ihm gefilmt wurden, erzählten sie nur uns die intimen Details. Mit einem männlichen Regisseur hätte es deshalb vielleicht mehr Zeit gebraucht, bis eine solch ehrliche Vertrautheit entstanden wäre.

 

Wie macht man einen Dokumentarfilm, der eine solche Verletzlichkeit zeigt, ohne Gefahr zu laufen, die gefilmten Personen auszunutzen oder Momente zu inszenieren?
S.C.: Da wir über einen langen Zeitraum gefilmt haben, hat uns das Leben mit Ereignissen versorgt: Marion verliebte sich, Pierrette wurde Grossmutter.
V.R.: In Zeiten von Reality-TV ist die Frage berechtigt. Die fünf Frauen vertrauten uns, dass wir sie nicht entblössen würden. Aus diesem Grund haben sie uns auch intime Details erzählt. Zudem haben wir immer versucht, behutsam an die Szenen ranzugehen. Es gibt im Dokumentarfilm keinen Moment, der in den Voyeurismus kippt. Dies bedeutete eine grosse Verantwortung für uns. Die Frauen haben ausserdem den Film gesehen, bevor er in die Kinos kam, wobei sie das Recht hatten, ihr Veto einzulegen – was sie jedoch nicht getan haben.

 

Das Thema Alter scheint es Ihnen angetan zu haben. Bereits ihr erster Spielfilm, der mit dem Preis für den besten Schweizer Film ausgezeichnet wurde, handelte vom Altern.
S.C.: Die Serie, die wir für das welsche Fernsehen konzipiert haben, hatte jedoch nichts mit dem Altern zu tun. Auch den Film, den wir zurzeit drehen, behandelt andere Themen – zum Beispiel den Tod (lacht). Ein Film muss jedoch von existenziellen Fragen handeln, damit wir genügend motiviert sind, um uns über längere Zeit dem Projekt zu widmen. Wenn dir ein Thema nicht am Herzen liegt, wieso sollte man fünf Jahre dafür kämpfen, den Film machen zu dürfen?
V.R.: Hierbei kann es sich aber auch um eine Komödie handeln. Wir haben ein paar Komödien in der Schublade, die wir unbedingt machen wollen. Doch auch diese Komödien behandeln existenzielle Themen – jedoch auf leichte Art. Aber es stimmt, dass uns die Frage des Alterns schon immer beschäftigt hat: Bereits mit 25 Jahren haben wir in unserem ersten Stück das Altern und die Angst davor thematisiert.

 

Zu einem anderen Thema: «Les Dames» war in der Kategorie bester Dokumentarfilm nominiert – gewonnen hat aber die Zürcher Produktion «Chris the Swiss» der Regisseurin Anja Kofmel. Wie sieht die Beziehung zu den Deutschschweizer KollegInnen aus?
S.C.: Unseren neusten Film («Schwesterlein»; Anm. d. Red.) drehten wir in Zürich mit einem deutschschweizer Produzenten auf Deutsch. Die KollegInnen in Zürich sind sehr professionell. Es ist aber wahr, dass die Deutschschweizer mehr auf Deutschland ausgerichtet sind und die welschen Filmemacher auf Frankreich: So konnten wir für diesen Film die bekannten Schauspieler Lars Eidinger und Nina Hoss engagieren. In der Deutschschweiz löste dies ein Echo aus, in der welschen Schweiz fragte man uns nur: Wer ist das?

 

Gleiches gilt wahrscheinlich für den bekannten französischen Schauspieler Michel Bouquet, der in Ihrem ersten Spielfilm mitgewirkt hat.
V.R.: Im französischen Sprachraum ist Michel Bouquet eine Schauspiellegende. In der Deutschschweiz kennt man ihn jedoch nicht. In der Schweiz verläuft wirklich eine kulturelle Grenze entlang des Röstigrabens.

 

Waren Sie enttäuscht, nicht gewonnen zu haben?
V.R.: Absolut nicht. Der Dokumentarfilm hat in der Schweiz eine spezielle Stellung: Es gibt sehr viel ausgezeichnete Dokumentarfilmemacher, die alle letztes Jahr einen Film veröffentlichten. Für den diesjährigen Preis für den besten Dokumentarfilm wurden 37 Werke berücksichtigt. Fünf wurden nominiert, wozu auch unser Film gehört – was eine riesengrosse Ehre ist.

 

Sie arbeiten seit über 20 Jahren zusammen. Wie schafft man die Balance zwischen Freundschaft und Professionalität?
S.C.: Als wir unseren ersten Spielfilm machten, stellten wir uns diese Frage, wobei wir zum Schluss kamen, dass uns unsere Freundschaft wichtiger ist. Wir haben uns deshalb ein Codewort ausgedacht, das nur wir kannten, falls einer von uns beiden vor der Filmcrew zu viel Platz einnehmen würde. Während des ganzen Drehs haben wir dieses Codewort je nur einmal verwendet. Es hiess übrigens «Cornichons»!

 

Ähnelt Ihre Freundschaft einer Paarbeziehung?
S.C.: Nein, das empfinde ich nicht so. Paarbeziehungen basieren auf Liebe und sind weitaus komplizierter, während Freundschaften eine andere Dynamik haben. Unsere Zusammenarbeit funktioniert so gut, weil wir flexibel bleiben und die Aufgabenbereiche unter uns immer wieder wechseln. Auch wenn sich mit den Jahren eine gewisse Arbeitsteilung auf natürliche Weise ergeben hat. Ich mag es einfach, mit Véronique zusammenzuarbeiten.
V.R.: Ich liebe es, Stéphanie eine Idee vorzustellen und zu schauen, wie sie die Idee absorbiert und sie ihren eigenen Beitrag dazu gibt.

 

Wenn Sie einen Wunsch übrig hätten, mit wem würden Sie gerne zusammenarbeiten?
S.C.: Mit Nina Hoss zusammenzuarbeiten war bereits ein grosser Traum. Die Zusammenarbeit ist ausserdem auf sehr glückliche Weise zustande gekommen: Wir habe die Rolle eigentlich für sie geschrieben, dachten jedoch nicht, dass die Zusammenarbeit klappen würde: Als wir in Berlin waren, haben wir sie dann zufälligerweise in einem Laden getroffen. Wir haben ihr unsere Nummer gegeben und gesagt, dass wir uns gerne auf einen Kaffee mit ihr treffen würden. Als sie dann tatsächlich zurückrief, haben wir ihr unseren Film vorgestellt, woraufhin sie noch am gleichen Tag zugesagt hat.

 

«Les Dames» spielt in den Kinos Arthouse Movie, Houdini.

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