Ernste Kunst

Parallelsprech steht bei Ursus & Nadeschkin für die letzten dreissig Jahre – neu heisst ihr Konzept: Nichtsprech.

 

Wortakrobatik um der Lacher willen ist einfach nicht mehr zeitgemäss. Sogar Förderinstanzen schreien nach ‹Relevanz›. Also muss sich auch der Kunstkleinbetrieb neu orientieren. Nur wohin? So gross ist die Auswahl der Begabungen von Nadja Sieger und Ursus Wehrli nun doch nicht: Fremdsprachen? Da drohen Missverständnisse! Zaubern? Braucht Grundverständnis für Magie! Sich selbst zitieren? Zu treues Publikum! Studier, grübel… ha! Ernste Kunst, das ist es. Und was ist die allerernsteste der ernsten Künste, hä? Ballett. Damit verkauft das Opernhaus sogar Hörplätze! Also gibts eine Nussknackerszene in Variationen: Dank Laura Atwood als Ballett im Tütü, dank Giovi Minasi als Hiphop-Version im Space­dream-Outfit, dank Lisa Perissinotto als Bollywoodtanzeinlage in langen Gewändern, und als Sahnehäubchen gibts zum Schluss auch noch einen «Tango». Weil das allein noch nicht abendfüllend ist, brauchts (wie immer) auch noch Seitenhiebe in Richtung Zeitgeist. Und was wäre da – immer noch unter der Prämisse der Ernsthaftigkeit – naheliegender als die künstliche Intelligenz und darin die Version der praktischen Anwendung alias Internet der Dinge. Also schleppen die beiden – getreu dem ebenfalls kursierenden Trend zu gefühlter Realität – eine vollständig ausgestatte Küche, bestehend aus reiner Imagination und Klängen, auf die Bühne. Ein Panomimenspiel der Sonderklasse, das nur noch eine Steigerung kennt: Wenn die Küchengeräte mittels Aneignung der Körper von Ursus & Nadeschkin ausdruckstanzen. Dem gegenüber können klassische Showelemente wie Pyrotechnik und Kalauermäandern grad einpacken. Dafür entdeckt Nadja Sieger einen verblüffenden sichersten Ort auf einer Bühne, was für den längeren Ursus nicht gleichermassen gilt. Aber dieser Rückzug wird eh nicht nötig werden, denn für die nächsten dreissig Jahre haben sie bereits eigene Avatare…

 

«Der Tanz der Zuckerpflaumenfähre», bis 24.5.19,
Casinotheater, Winterthur.

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