Erfolgreicher Sozialarbeitsversuch

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Der strenge Versuch bei der Sozialhilfe Winterthur bestätigte, was Fachleute und die zuständigen Politiker erwarteten und erhofften: Senkt man die Zahl der betreuten Fälle pro Sozialarbeitenden, wird die Rechnung positiv. Den Mehrkosten stehen Mehreinnahmen und eine grössere Zufriedenheit aller gegenüber.

 

Am vergangenen Mittwoch konnte der Winterthurer Stadtrat Nicolas Galladé die lange erwarteten Resultate eines Versuchs präsentieren, in dem bei einer Gruppe von drei SozialarbeiterInnen die Anzahl der zu betreuenden Fälle auf 75 limitiert wurde. Der Versuch dauerte 18 Monate und die Resultate sind so gut, dass der Stadtrat von Winterthur seinem Sozialvorstand grünes Licht für eine Generalisierung gab. In den nächsten zwei Jahren soll die Anzahl der Sozialarbeiterstellen um 17 erhöht werden, so dass alle nur noch 75 Fälle zu betreuen haben. Die Stadt erwartet sich davon bis ins Jahr 2020 Einsparungen im Sozialbudget von jährlich mindestens vier Millionen Franken.

 

Die wissenschaftlich sehr gut abgesicherten Ergebnisse bedürfen vor der Vorstellung einiger Einschränkungen, damit nicht der Kurzschluss gezogen wird, auf mehr Manpower folgten in der Sozialhilfe automatisch Einsparungen. Die wichtigste Einschränkung: Winterthur hat mit 140 Fällen pro Soziarbeitenden eine extrem hohe Fallzahl.

 

Die Zahl ist umso höher einzuschätzen, als die Sozialhilfe in Winterthur gut organisiert ist: Ein Grossteil der einfachen Fälle gehört hier nicht dazu. Wer in Winterthur zur Sozialhilfe kommt, wird im ersten Halbjahr von der zentralen Anlaufstelle betreut und kommt erst  nachher zu einem der drei Teams der sozialarbeiterischen Betreuung. Die 140 Fälle sind also im Prinzip alles solche, die eine mehr oder weniger aufwendige Beratung benötigten und nicht nur eine administrative Betreuung.

 

Mehr Zeit…

Der ‹normale› Sozialarbeiter in Winterthur betreut derzeit im Schnitt 145,5 Fälle. Für jeden Fall stehen so bei einer 100%-Stelle durchschnittlich 10,4 Stunden des Sozialarbeiters zur Verfügung. Davon benötigt er 7,3 Stunden für die sozialarbeiterische Administration, also jener Administration, die Fachkenntnisse bedingt. Für die persönliche Beratung verbleiben also noch 3,1 Stunden.

 

Stadtrat Nicolas Galladé und seine Fachleute waren schon lange überzeugt, dass sich Investitionen in mehr Personal und damit in eine bessere Betreuung lohnen. Sie erhielten für einen Versuch 2015 die Zustimmung des Stadtrats, dann des Gemeinderats, und auch der wissenschaftliche Bericht des Büros BASS plädierte dafür. Die Versuchsanordnung, die unter der Leitung von Miryam Eser Davolio erfolgte, sah drei SozialarbeiterInnen vor, die bei 100 Prozent Anstellung 75 Fälle betreuten. Die Zahl 75 basiert darauf, dass dies allgemein als eine gute Zahl für eine gute Betreuung gilt. Die drei SozialarbeiterInnen wurden unter allen ausgelost, ebenso die 75 von ihnen betreuten Fälle. Damit wurde vermieden, dass speziell Motivierte ausgewählte Fälle betreuten. Da das Los auf drei erfahrene SozialarbeiterInnen fiel, unterteilte man die Kontrollgruppe der Verbliebenen in eine Gruppe mit Erfahrenen und eine mit weniger Erfahrenen.

 

…und bessere Resultate

Die Resultate fielen eindeutig aus. Die Fallkosten senkten sich bei 75 Fällen pro Sozialarbeitenden um 1452 Franken pro Jahr. Die Mehrausgaben für die zusätzlichen Löhne und die erhöhten Arbeitsintegrationsmassnahmen stiegen um diesen Betrag weniger als die zusätzlichen Einnahmen, die die Sozialhilfeempfangenden erzielten. Einerseits durch eine bessere Ausnutzung anderer Finanzierungsquellen, aber vor allem durch vermehrte Arbeitstätigkeit. Die Lohneinkünfte stiegen bei der Experimentalgruppe auf 939 Franken pro Fall im ersten Arbeitsmarkt: gegenüber 774 Franken bei der Kontrollgruppe mit weniger erfahrenen SozialarbeiterInnen und 861 Franken bei den Erfahrenen.

 

Der Grund liegt auf der Hand: Während der administrative Aufwand mit 7,3 Stunden gleich blieb, standen für die persönliche Beratung 12,9 statt 3,1 Stunden im Jahr durchschnittlich zur Verfügung. Die drei Sozialarbeitenden der Expertengruppe hatten also Zeit, mit den Sozialhilfebeziehenden ihre Situation eingehend zu diskutieren und eine auf die Person erarbeitete Lösung miteinander zu suchen und deren Verlauf zu verfolgen. Die Wahrscheinlichkeit, dass deutlich mehr der so Betreuten den Weg ganz zurück in die Selbstständigkeit finden, ist deutlich höher. Um wie viel steht wegen der Kürze des Versuchs noch nicht fest.

 

Es liegt auf der Hand, dass der Stadtrat die Folgerungen daraus zieht und dem Gemeinderat die entsprechenden Mehrstellen vorschlägt. Es wäre merkwürdig, wenn dieser den Antrag im Novemberbrief ablehnen würde. Man spart so Geld, aber vor allem ergeben sich so für alle bessere Ergebnisse und ein leicht besseres Leben.

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