Emanzipation I

Bald kehrt der 14. Juni wieder – für eine Schweizer Feministin ein von leiser Wehmut angehauchtes Datum. Warum liessen sich damals, aber seither nicht mehr, so viele Frauen für eine Demo, ja sogar einen Streik mobilisieren? Sind wir saturiert, undankbar, ignorant, unpolitisch, rückschrittlich geworden? Haben wir Alten und unsere Vorfahrinnen vergeblich gekämpft? Brauchen die Jungen einen Tritt in den Allerwertesten?

 

Vorkämpferin zu sein, ist so eine Sache. Was meine Vorfahrinnen damals erkämpften und ich heute verteidige, steht in Zusammenhang mit unseren eigenen Erfahrungen, unseren Einschätzungen der Ereignisse, den bislang greifbaren theoretischen Ansätzen. Aus dem eigenen Erfahrungszusammenhang und Erkenntnishorizont herauszutreten und sozusagen Undenkbares zu denken, gelingt ja selten, gelang damals wohl auch nicht umfassend – andernfalls wäre der Emanzipationserfolg der 1970er- bis 90er-Jahre vielleicht nachhaltiger geblieben. Wir müssen es selbstverständlich trotzdem weiter versuchen, sonst können wir nicht gesellschaftskritisch denken. (In einem anderen Zusammenhang nennt Jacques Lacan dieses Heraustreten, Freud zitierend, «understumble» – nach einem Versprecher, der eigentlich «understand» lauten sollte: Gewisse Dinge können wir nicht verstehen, nur stolpernd ertasten.) Dabei müssen wir furchtlos und offen bleiben – nur so entgehen wir der Falle, gesellschaftliche Vorgänge fehlzudeuten. «Understumbling» können wir nie sicher sein, was ein Phänomen bedeutet, erst recht nicht, ob es ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist.

 

Wenn wir die Emanzipation als Fortschritt von der Unmündigkeit zur Selbstermächtigung ansehen, dann hat etwa im Iran recht eindeutig ein Rückschritt stattgefunden – von einer weltoffenen, sich emanzipierenden Gesellschaft zu einem patriarchalen Regime. Diese Auffassung nähren die angewendete Gewalt – der Staatsorgane, der Desinformation und einer übermächtig gewordenen öffentlichen Meinung –, die Unmöglichkeit einer individuellen Selbstbestimmung und das Verschwinden von Gegenentwürfen. Damit ist nicht gesagt, dass alle Individuen, insbesondere die Frauen im Iran, diesen Rückschritt persönlich vollzogen haben.

 

Selbst in einem politisch und religiös freien Land wie der Schweiz können die Frauen nicht a priori von den gesellschaftlichen Kräften, die sie formen, abstrahieren. Äussert sich eine hiesige, in aller Regel überdurchschnittlich gebildete Frau in meinen Augen unemanzipiert, so kann ich das nicht per se als Restauration auffassen. Ich muss anerkennen, dass ihre Meinung zumindest emotional, vielleicht aber auch intellektuell von Einsichten genährt ist – selbst wenn ich diese Einsichten nicht teile. Die Frage, warum in aller Welt die Frauen so (dumm! rückwärtsgewandt! unpolitisch! fremdbestimmt!) und nicht anders entscheiden, müssen wir Feministinnen als ernst gemeinte, nicht als rhetorische Frage stellen, wenn wir Antworten finden wollen, die uns weiterbringen. Von ihren Entschlüssen sollen wir nicht auf die handelnden Frauen schliessen, sondern auf die gesellschaftlichen Kräfte, die solche Entschlüsse begünstigen.

 

Ich grabe also da, wo ich stehe – in meinem Soziotop der strukturgewandelten, akademisch bekränzten und doppelbelasteten Erbinnen eines besseren Feminismus – nach Antworten auf die Frage, warum unsere Emanzipation trotz all unseren Privilegien so unvollständig geblieben ist. Graben Sie mit!

 

Ina Müller

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