Eine positive Begegnung mit anderen Kulturen und Sprachen ermöglichen

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Die berechtigten Anliegen der LehrerInnen lassen sich nicht einfach dadurch erfüllen, dass nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule unterrichtet wird: Was für ein Nein am 21. Mai spricht, führt SP-Kantonsrat Moritz Spillmann im Gespräch mit Nicole Soland aus.
 
 
Seit zehn Jahren werden die Primarschüler­Innen im Kanton Zürich in Englisch und Französisch unterrichtet. Das sei keine gute Idee, finden die InitiantInnen der Volksinitiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule». Sollten wir dem Wunsch nach «mehr Qualität» nicht entsprechen?
Moritz Spillmann: Einfach nur um «mehr Qualität» geht es bei dieser Abstimmungsvorlage nicht. Vielmehr haben wir es mit zwei verschiedenen Ebenen zu tun: Auf der gesellschaftlichen Ebene beschäftigt uns die Tatsache, dass wir in einem kulturell vielfältigen Land mit vier Landessprachen und noch mehr gesprochenen Sprachen leben. Daraus leitet sich auf der schulischen Ebene die Notwendigkeit ab, Fremdsprachen zu unterrichten. All die Aufgaben zu erfüllen, welche die Gesellschaft ihnen überträgt, bringt die LehrerInnen jedoch mitunter an den Anschlag.
 
 
Die LehrerInnen? Sonst heisst es doch stets, ein Teil der SchülerInnen sei mit zwei Fremdsprachen überfordert…
Die Heterogenität, die vielen Kulturen, die Vielsprachigkeit – und das obendrein mit grossen Klassen – überfordern das System und damit die LehrerInnen irgendwann; das anerkenne ich. Die Diskussion um die Fremdspracheninitiative wird entsprechend auf unterschiedlichen Ebenen geführt, und teilweise redet man auch aneinander vorbei.
 
 
Inwiefern?
Die Anliegen aus der Lehrerschaft sind durchaus berechtigt; die Bedingungen, die sie rund um den Fremdsprachenunterricht antreffen, sind nicht ideal. Gleichwohl finde ich es ein genauso berechtigtes Anliegen, dass die Gesellschaft der Schule gewisse Aufgaben stellen soll.
 
 
Vordergründig geht es am 21. Mai dennoch nur darum, ob in der Primarschule auch weiterhin zwei Fremdsprachen unterrichtet werden sollen, also ums Beibehalten oder Abschaffen einer Regelung, der die Mehrheit vor lediglich zehn Jahren zugestimmt hat.
Hinter der Fremdspracheninitiative stehen teilweise die gleichen Leute, die schon in der Abstimmung von 2006 gegen eine zweite Fremdsprache in der Primarschule waren. Dass hingegen die LehrerInnenverbände seither ihre Meinung geändert haben, sehe ich als eine Reaktion darauf, dass ihre seit langem eingebrachten Forderungen nach beispielsweise kleineren Klassen oder anderen Fremdsprachen-Lehrmitteln nicht erfüllt wurden.
 
 
Nach der Ablehnung der Volksinitiative «Nur eine Fremdsprache an der Primarschule» 2006 und dem Ja zum Beitritt zum HarmoS-Konkordat 2008 könnte man die aktuelle Initiative somit einfach als «reine Zwängerei» abtun?
Auch wenn es stimmt, dass sich die Mehrheit zweimal an der Urne für bestimmte Regeln und für eine in ein Konkordat eingebundene Volksschule ausgesprochen hat, ist die Argumentation mit der «Zwängerei» aus meiner Sicht die schwächstmögliche. Denn Vorgeschichte hin oder her: Wir haben es hier mit einer politischen Frage zu tun, und eine solche sollte man politisch lösen.
 
 
Umgekehrt hat in der aktuellen Diskussion dieser Abstimmungsvorlage auch ein ‹Totschlag­argument› seinen Auftritt, jenes nämlich, dass die Annahme der Initiative den Austritt aus dem HarmoS-Konkordat bedeuten würde. Wäre dieser Schritt wirklich unausweichlich?
HarmoS gibt vor, wann mit dem Erlernen der Fremdsprachen gestartet werden soll. Insofern würden wir, sollte die Initiative angenommen werden, eine der Bestimmungen des HarmoS-Konkordats verletzen. Natürlich kann man sich fragen, ob es schlimm wäre, nicht mehr beim Konkordat mitzumachen; die BefürworterInnen fänden es wahrscheinlich nicht tragisch – aber das ist eine andere Diskussion. Fest steht, dass ein Ja zur Initiative effektiv dazu führen könnte, dass wir uns aus HarmoS zurückziehen müssten, womit das Konkordat wohl insgesamt in Frage gestellt würde.
 
 
Laut dem Abstimmungsbüchlein bekennt sich der Kanton Zürich mit dem Unterricht in zwei Fremdsprachen an der Primarschule «zur Vielsprachigkeit unseres Landes».
Das würde ich genau so unterstützen – doch dieses Bekenntnis bedingt eben, dass man das Sprachenlernen in einem umfassenderen Sinne versteht. Das wäre auch ein möglicher Ausweg aus der alltäglichen Überforderung im Schulunterricht. 
 
 
Wie meinen Sie das?

Wir müssten uns zum Beispiel der Frage stellen, was wir mit dem Fremdsprachenunterricht genau thematisieren wollen: Geht es uns nur um Sprache im Sinne eines handwerklichen Tools? Oder verstehen wir den Fremdsprachenunterricht auch als ein Fach, in dem es um Kultur geht? Als eine Auseinandersetzung mit dem Fremden, mit dem Anderen, aufgrund derer man sodann wieder Rückschlüsse auf sich selber ziehen kann? Diese Auseinandersetzung hat sehr viel mit Identität zu tun, damit, wie wir miteinander umgehen. Für mich ist entscheidend, dass unsere Kinder und Jugendlichen nicht nur Englisch lernen, weil sie es später im Beruf brauchen, und Französisch, weil der Bund es so vorgibt: Fremdsprachen widerspiegeln für mich das Verständnis einer vielfältigen Gesellschaft, in der die Unterschiedlichkeit auch gepflegt werden muss, und dazu bietet unter anderem der Fremdsprachenunterricht eine ideale Gelegenheit.
 
 
Das hört die gestresste Lehrerin, der überforderte Lehrer sicher gern: Jetzt sollen sie in den klassischen Fremdsprachenunterricht, der schon anspruchsvoll genug ist, auch noch eine Auseinandersetzung mit der kulturellen Vielfalt der Schweiz integrieren… Wie soll das gehen?
Wir fordern ja nicht einfach immer mehr von den LehrerInnen, sondern setzen uns auch dafür ein, dass sie die nötige Unterstützung erhalten. Ich habe namens der SP-Fraktion zwei Postulate eingereicht, die unter anderem Sprachaufenthalte und Kulturaustausch für sowohl SchülerInnen als auch LehrerInnen fordern. Ich bin überzeugt, dass ein ganzheitlicherer Fremdsprachenunterricht nicht zu einer grösseren Überforderung der Schulen führen wird.
 
 
Sondern?
Für mich ist die Diskussion, wie wir sie angesichts der bevorstehenden Abstimmung führen, symptomatisch für das allgemeine Unbehagen und die Überforderung, wie sie die schwierigen Rahmenbedingungen der Schule mit sich bringen. Wir hatten immer wieder solche Diskussionen, die sich an einer konkreten Frage entzünden, aber im Grunde genommen viel allgemeiner und weiter gefasst sind. Wir hatten einst das Projekt «Belastung – Entlastung», dann kam die Klassengrösseninitiative, jetzt ist die Fremdspracheninitiative aktuell – alles Themen, die zu ihrer jeweiligen Zeit gross und wichtig waren. Dennoch ging und geht es stets um Grundsätzlicheres.
 
 
Das allgemeine Unbehagen wird momentan an den Fremdsprachen aufgehängt und bei nächster Gelegenheit wieder an etwas anderem?
Genau. Allerdings möchte ich betonen, dass das nichts an der tatsächlichen Belastung der LehrerInnen ändert, und die SP-Fraktion im Kantonsrat hat sich auch stets dafür eingesetzt, dass die Bedingungen für den Fremdsprachenuntterricht verbessert werden. Wir haben mehr Lektionen gefordert, mehr Austausch sowie Halbklassen, und ich fände es auch sinnvoll, wenn der Fremdsprachenunterricht nicht für die Promotion zählen würde.
 
 
Solche Forderungen erheben doch auch jene LehrerInnenverbände, die sich für die Initiative aussprechen – das bräuchte es laut ihnen sogar dann, wenn in der Primarschule nur eine Fremdsprache unterrichtet würde.
Es ist ja bereits etwas in diese Richtung unternommen worden: Die Lektionenzahl wird erhöht, und es wird ein neues Lehrmittel eingeführt, das gemeinsam mit den LehrerInnen entwickelt wurde. Zumindest einige Wünsche der LehrerInnen wurden erfüllt, und soweit es angesichts der herrschenden politischen Verhältnisse möglich ist, versuchen wir ihnen auch künftig entgegenzukommen.
 
 
Die BefürworterInnen der Initiative argumentieren allerdings auch damit, der Fremdsprachenunterricht in der Primarschule sei gar nicht effizient.
Wenn VerfechterInnen der Fremdspracheninitiative und insbesondere die Lehrpersonalverbände ausgerechnet mit der «effizienten Schule» argumentieren, finde ich das schon ziemlich speziell. Für mich drückt sich in diesem Argument ein sehr verkürztes Verständnis dessen aus, was Bildung ausmacht. Gerade in den Sprachfächern bietet sich den Schulen doch die Chance, für die Schüler­Innen Gelegenheiten zu schaffen, wo sie neugierig sein und Interessen und Motivation entwickeln können.
Vielleicht löst das in den SchülerInnen etwas aus, was die Lehrerinnen gar nicht messen können – vielleicht ermöglicht es den SchülerInnen eine positive Begegnung mit anderen Kulturen und Sprachen. Sich ausschliesslich darauf zu konzentrieren, wann der Unterricht in welchem Fach am «effizientesten» ist, erscheint mir demgegenüber nicht zielführend. 
 
Die «überforderten SchülerInnen» sind demnach gar kein Thema?
Es gibt SchülerInnen, die in den Sprachen überfordert sind, und es gibt SchülerInnen, die in der Mathematik überfordert sind; das zeigen die Pisa-Studien. Wir haben gewissermassen einen Grundstock an überforderten SchülerInnen, und zwar unabhängig vom jeweiligen Fach. Dem sollten wir jedoch begegnen, indem wir, wo nötig, unterstützend wirken, und nicht, indem wir gleich das ganze System kippen.
Es ist auch richtig, dass die SchülerInnen in der Sekundarschule «mit analytischen Methoden rascher und nachhaltiger» Fremdsprachen lernen, wie das Initiativkomitee im Abstimmungsbüchlein schreibt; das hat allerdings hauptsächlich damit zu tun, dass sich das analytische Denken erst herausbilden muss und dass dieser Prozess bei SekundarschülerInnen logischerweise weiter fortgeschritten ist als bei PrimarschülerInnen. Das gilt für alle Unterrichtsinhalte – und dennoch startet die Volksschule im Alter von vier Jahren.
 
 
Aber umgekehrt haben sich die anlässlich der Abstimmung von 2006 gemachten Versprechen, dass die SchülerInnen dank des Fremdsprachenunterrichts in der Primarschule Französisch und Englisch praktisch ‹im Schlaf› lernen würden, auch nicht bewahrheitet.
Das ist möglicherweise einer der Gründe, weshalb ein Teil der LehrerInnen seit der letzten Abstimmung kritischer geworden ist: Dass man im Primarschulalter Sprachen praktisch von alleine lerne, dass man in der Schule in ein ‹Sprachbad› eintauchen und die Volksschule sozusagen zweisprachig verlassen werde, hat sich als Illusion erwiesen. Man hat das neue System damals schlicht falsch verkauft, denn an einem derart hohen Anspruch konnte es nur scheitern. Ich plädiere demgegenüber für einen realistischen Blick auf den Fremdsprachenunterricht, der die Schwierigkeiten anerkennt, aber auch die grossen Möglichkeiten des frühen Kontaktes zu anderen Sprachen und Kulturen hervorhebt.
 
 
Die BefürworterInnen sind auch überzeugt, der Sprachunterricht in der Primarschule nütze gar nichts – sonst hätte ihn die Bildungsdirektion längst evaluieren lassen.
Um evaluieren zu können, muss man erst wissen, ob man ausschliesslich die rein handwerklichen Fähigkeiten untersuchen will oder auch ‹weiche› Faktoren. Ich habe nichts gegen eine Evaluation, aber die ersten Jahrgänge, die gemäss neuem System zwei Fremdsprachen in der Primarschule lernten, haben erst 2013 die Schulzeit abgeschlossen. Wird etwas Neues eingeführt, ist es normal, dass nicht alles auf Anhieb optimal läuft. Das ist auch beim Frühfranzösisch und beim Früh­englisch nicht anders. An solchen Verbesserungen müssen wir arbeiten und nicht immer wieder auf die Grundsatzfrage zurückfallen.
 
 
Und sollte die Initiative angenommen werden, würde sowieso wieder alles über den Haufen geworfen?
Es würde bedeuten, dass in der Primarschule kein Englisch mehr unterrichtet wird – das hat der Regierungsrat jedenfalls so angekündigt. Ein solcher Entscheid hätte eine starke Signalwirkung über den Kanton Zürich hinaus. Es wäre sicher nicht das Ende der Schule, aber sie wäre inhaltlich ärmer.

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