Ein Schulhaus wider Willen

Abstimmungen über Schulhäuser haben es in der Stadt Zürich eigentlich einfach. Praktisch nie wird eine solche Vorlage von der Stimmbevölkerung abgelehnt. Dieses Mal könnte es jedoch anders kommen: Eine geplante Schule in der Grünau stösst beim Quartier auf grossen Widerstand.

 

Milad Al-Rafu

 

Wie in der letzten Ausgabe des P.S. beschrieben, bietet das Quartier Grünau in Altstetten ein Leben abseits der städtischen Anonymität: Ende des letzten Jahrhunderts noch als Ghetto von Zürich verschrien, zeichnete sich die leicht abgeschottete Nachbarschaft zwischen Autobahn und Limmat durch einen starken Zusammenhalt unter den BewohnerInnen aus. Diesem fragilen Mikrokosmos droht nun jedoch Ungemach: Im stark wachsenden Schulkreis Letzi, wozu neben Altstetten und Albisrieden auch die Grünau gehört, herrscht ein Mangel an Schulraum. Bereits diesen Frühling hat die Stimmbevölkerung einem neuen Schulhaus in Albisrieden zugestimmt. Zusätzlich plant die Stadt nun just auf dem Sportplatz im Quartier Grünau, der den jüngeren sowie auch älteren BewohnerInnen bis anhin als Begegnungsort und Quartiermittelpunkt diente, das Mega-Sekundarschulhaus Tüffenwies mit 24 Klassen und einer Dreifachurnhalle. VertreterInnen des Quartiervereins befürchten, dass der Einzug von 500 SekschülerInnen sowie der Verlust der Grünflächen einen zu drastischen Einschnitt in das Funktionieren des Quartiers nach sich ziehen würde. Insbesondere, da solche Turnhallen nicht nur unter der Woche benutzt, sondern auch am Wochenende vermietet werden.

 

Im Dunkeln gehalten
Die Planung des neuen Schulhauses in der Grünau sickerte erstmals an einer Informationsveranstaltung zum Ersatzneubau des Altersheims Grünau im Mai 2018 durch: Ein Vertreter der Stadt Zürich informierte die geladene Gruppe eher beiläufig. Neben der Grösse des Schulhauses und dem Standort wurden jedoch keine weiteren Informationen preisgegeben. Wie Thomas Isler, Vorstandsmitglied des Quartiervereins Grünau, erklärt, zeigten anschliessende Anfragen bei André Odermatt, dem Vorsteher des Hochbaudepartements, keinen Erfolg: «Bis anhin konnten wir uns mit unseren Sorgen immer an Stadtrat Odermatt wenden. Doch nun zeigte man sich plötzlich nicht mehr gesprächsbereit.»

 

Um etwas Bewegung in die Sache zu bringen, haben die beiden Grünen Gemeinderäte Katharina Prelicz-Huber und Balz Bürgisser Anfang dieses Jahres eine Interpellation eingereicht. Dabei hielten sie fest, dass «das Grünau-Quartier, seit Jahren von der Autobahn bedrängt, einen Freiraum sowie Begegnungsorte braucht». Die beiden Interpellanten führten zudem aus, dass ohne einen solchen Begegnungsort «eine positive Weiterentwicklung im sozialen Zusammenleben deutlich erschwert würde». Auch Isler befürchtet eine Störung des Zusammenlebens. Zwar erkennt er die Notwendigkeit von neuem Schulraum an. Für ihn ist es jedoch unverständlich, warum gerade der Mittelpunkt des Quartiers gewählt wurde. In Übereinstimmung mit der Interpellation nennt Isler als mögliche Alternativstandorte unter anderem die Grünfläche neben der Europabrücke, die Schrebergärten im Quartier, den hiesigen Dampfmodellclub sowie das Fussballfeld 11 der Sportanlage Hardhof.

 

Im Anschluss an die Interpellation im Januar vermittelten sympathisierende Gemeinderäte den VertreterInnen des Quartiervereins ein Treffen mit Stadtrat Odermatt. Doch auch dieses Zusammenkommen stellte sich als ernüchternd heraus, verweigerte Odermatt doch jeglichen Kommentar mit Hinweis auf die noch ausstehende Interpellation.

 

Spielen auf Zeit
Auch ein halbes Jahr später zeigt sich die Stadt noch immer kompromissunwillig: So fand am Donnerstag vor einer Woche ein Treffen zwischen dem Quartierverein, einer Kommunikationsbeauftragten des Hochbaudepartements sowie einem externen Moderator statt. Diese Zusammenkunft diente als Vorbereitungstreffen für die im September und November stattfindenden Dialogveranstaltungen, an der die Bevölkerung zusammen mit VertreterInnen der Stadt über das Schulhaus diskutieren kann. Gemäss Isler hat sich während dieser Zusammenkunft vom Donnerstag aber schnell gezeigt, dass die Stadt nicht an einem tatsächlichen Dialog interessiert ist: Die Vertreterin des Hochbaudepartements machte klar, dass bezüglich des Standorts kein Handlungsspielraum besteht. Einzig auf die Ausgestaltung könne noch Einfluss genommen werden. «Dass wir am Schluss noch die Farbe der Bänkli bestimmen können, ist für uns nicht tragbar», hält Isler lakonisch fest. Sogar der eingesetzte Moderator kam zum Schluss, dass unter diesen Umständen ein Dialogverfahren nicht möglich sei. Die Hoffnung liegt nun auf einem Screiben des Quartiervereins vom 24. Juni an das Hochbaudepartement sowie weitere Departemente, mit dem man noch mal auf die Argumente gegen ein Schulhaus an diesem Standort aufmerksam macht. Denn wie Isler erklärt, haben Gespräche mit den involvierten Personen in den verschiedenen Ämtern ergeben, dass oftmals fälschlicherweise das Gefühl vorherrscht, man mache dem Quartier mit diesem Schulhaus einen Gefallen.

 

Auch das P.S. hatte beim Hochbaudepartement keinen Erfolg: Auf die Fragen, warum gerade der Quartiermittelpunkt als Standort gewählt wurde und ob die Einwände des Quartiervereins bei der Entscheidung einbezogen wurden, verwies die stellvertretende Leiterin der Kommunikation wiederum auf die noch ausstehende Interpellation.

 

Widersprüchliche Haltung
Besonders pikant an dieser Situation: Wie es der Zufall so wollte, fand zwei Tage nach der Zusammenkunft vom Donnerstag letzter Woche ein bereits seit längerem geplantes Treffen zwischen VertreterInnen verschiedener Quartiere – unter anderem auch dem Quartierverein Grünau – und den Stadtbehörden statt. Das Ziel: Unter dem Titel «Mitwirkungsverfahren zur Schnittstelle Stadt – Quartiere» soll eine transparentere Zusammenarbeit zwischen der Stadt und den Quartieren ausgearbeitet werden. Diese vorgegebenen Bemühungen stehen in krassem Kontrast zu der dürftigen Kommunikationsstrategie seitens des Hochbaudepartements und dem fehlenden Einbezug der BewohnerInnen. Die Ernsthaftigkeit dieses Prozesses muss deshalb bezweifelt werden. Dass der gleiche Moderator an beiden Veranstaltungen eingesetzt wurde, verleiht dem Ganzen zudem einen schalen Beigeschmack. Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass die BewohnerInnen der Grünau das Gefühl haben, von der Stadtverwaltung nicht besonders ernst genommen zu werden, erklärt Isler. So wird die versprochene Schutzwand gegen den Autobahnlärm seit Jahrzehnten hinausgezög

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