Ein Rollstuhl geht in die Luft

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Die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung ist Teil eines gesellschaftspolitischen Wandels – der allerdings im Schlafwagentempo erfolgt.

 

Matyas Sagi-Kiss

 

Eigentlich sollte dies ‹nur› ein Artikel über meine Erfahrungen in meinen Sommerferien sein. Ich konnte nämlich nicht, wie geplant, nach Oslo fliegen, weil die Swiss zu kleine Flieger auf dieser Strecke einsetzt und der Transport meines Rollstuhls nicht möglich war. Leider hat man mir dies erst zwei Tage vor dem Abflug auf mein erneutes Nachhaken hin mitgeteilt. So habe ich meine Sommerferien in London anstatt in Oslo verbracht, da das kurzfristige Umbuchen viel zu teuer gewesen wäre, wenn ich Oslo als Reiseziel hätte beibehalten wollen. Angesichts der klaren Regeln und des starken Diskriminierungsschutzes betreffend Menschen mit Behinderung im Luftverkehr ist es natürlich traurig, dass man ausgerechnet mit der Swiss solche Erfahrungen machen muss. Aber das ist – und das meine ich natürlich ganz im Ernst – sicher nur Zufall!

 

Wie dem auch sei, es war sehr schön in London, aber das unnötige Hin und Her, die Änderung meiner Reisepläne sowie der damit verbundene grosse Aufwand wären nicht nötig gewesen. Insbesondere, weil ich in geradezu übergenauer Art und weit im Voraus über die Beschaffenheit meines Rollstuhls informiert habe. Letztlich bin ich mit Easyjet nach London geflogen, ZERO PROBLEMO!

 

Was mich dazu bewogen hat, den Teil über mein ‹kleines› Reisedebakel zu verkürzen? Die Ereignisse haben sich seither überschlagen, und ich musste einmal mehr erkennen, dass in der Schweiz bezüglich Gleichstellung von Menschen mit Behinderung – was freilich auch für die eine oder andere weitere Minderheit und selbstverständlich auch in Bezug auf die Geschlechter gilt – noch derart viel zu tun ist, dass es gar zu egozentrisch wäre, wenn ich mich schlicht auf meine persönlichen Erfahrungen beim Reisen beschränken würde.

 

Nur Risiko- und Kostenfaktor?

Letzte Woche wurde im Gemeinderat der Stadt Zürich ein Postulat angenommen, das den Stadtrat beauftragt, ein Pilotprojekt durchzuführen, das die Möglichkeiten auslotet, bei der Stellenbesetzung vermehrt Bewerbungen von Menschen mit Behinderung zu berücksichtigen. Eine durch und durch gute Sache. Dass der Vorstoss ursprünglich als Motion eingereicht wurde und nur dank Umwandlung in ein weniger verbindliches Postulat durchkam, zeigt aber bereits, wie zögerlich sich das Bild ändert, das die Allgemeinheit und die Politik von uns Menschen mit Behinderung hat. Wir werden als Risiko- und Kostenfaktor wahrgenommen – auch wenn sich niemand mehr offen zu sagen getraut, dass man Menschen mit Behinderung am liebsten nur dann in den Arbeitsmarkt eingliedern will, wenn gerade eine Abstimmung über eine IV-Revision vor der Tür steht.

 

Dass die UNO-Behindertenrechtskonvention (UNO-BRK) den Staat auf allen drei Ebenen – Gemeinde, Kanton und Bund – zu wirksamen Massnahmen gegen die Diskriminierung (Art. 5 UNO-BRK) und zur Gewährleistung des Zugangs zum Arbeitsmarkt (Art. 27 UNO-BRK) – auch im öffentlichen Sektor – verpflichtet, scheint im Zürcher Gemeinderat bestenfalls als eine gar zu unverbindliche Verpflichtung verstanden worden zu sein. Nun gut, seien wir doch wieder mal optimistisch, vielleicht wachsen dem Postulat ja Flügel!

 

Es ist freilich je nach Person und deren Behinderung eine anspruchsvolle Aufgabe, die bevorsteht, und es erscheint logisch, dass sowohl für die Arbeitnehmenden als auch für die Arbeitgebenden detaillierte vorgängige Abklärungen nötig sind. Es gibt jedoch eine lange Reihe von arbeitssuchenden Menschen mit Behinderung, die ohne allzu grossen Aufwand angestellt werden und ihre Aufgaben zur Zufriedenheit aller Beteiligten erledigen könnten, wie dies bei Menschen ohne Behinderung der Fall ist. Die Arbeitssuche ist in solchen Fällen durch eine uns Menschen mit Behinderung belastende zusätzliche Stigmatisierung durch die Gesellschaft erschwert – als würde es nicht ausreichen, dass man als Arbeitsuchende, ob nun mit oder ohne Behinderung, ohnehin schon ein Stück weit aus der Mitte der Gesellschaft gestossen wird. Eine nachteilsausgleichende Positivdiskriminierung bei gleicher Qualifikation würde diese psychischen Barrieren, die uns Menschen ohne Behinderung oft unbewusst entgegenbringen, niederreissen oder zumindest durchlässiger machen.

 

Nun werden also wieder Monate, wenn nicht Jahre vergehen, bis wir erfahren, ob das erwähnte Pilotprojekt im Postulat von Gabriela Rothenfluh und Katharina Prelicz-Huber für umsetzbar befunden wird. Obwohl die UNO-BRK im Grunde nur einen Spielraum bei der Frage nach dem WIE und nicht nach dem OB zulässt…

 

Natürlich gibt es noch einige andere Bereiche, in denen wir im Vergleich mit anderen sogenannt hochentwickelten Industriestaaten wie z. B. Dänemark, Schweden, Norwegen, Niederlande etc. im Hintertreffen sind, was die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung und weiterer Gruppen angeht. Es fängt bereits vor der Haustür an; je nachdem, mit welcher Behinderung man wo in der Schweiz wohnt, kann man noch nicht mal selbst über die Strasse gehen, geschweige denn den öV benutzen… hier gilt einmal mehr: Geduld bringt Rosen. Erstens, weil das Behindertengleichstellungsgesetz, das seit 2004 in Kraft ist, eine Frist zum barrierefreien Umbau des öV von 20 Jahren vorsieht, und zweitens, weil das Verhältnismässigkeitsprinzip hier allzu oft als eine Ausrede zur Rechtfertigung der alten Ordnung angeführt wird und sich dann mancherorts herzlich wenig zum Besseren ändert.

 

«Schlimm» ist relativ

Abschliessend fällt mir ein, dass es selbst unter der Leserschaft des P.S. wohl die eine oder andere Person gibt, die sich jetzt denkt: Was jammert der eigentlich, er weiss gar nicht, wie gut er es hat, denn in XY ist es ja noch viel schlimmer!

 

Nun ich bin freilich dankbar, in der Schweiz und nicht in XY zu leben, wo die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung, aber wohl auch von Menschen ohne Behinderung viel schwieriger sind als in der Schweiz. Nur, solche Vergleiche sind höchstens kurzfristig und nur dann beruhigend, wenn man in einer schwierigen Situation den Frieden mit sich und seiner Umgebung schnell finden muss, um nicht in Wut auszubrechen. Im Alltag ist das Ganze herzlich wenig von Nutzen. Passen Sie denn ihre politischen Forderungen an die jeweiligen Lebensumstände Ihres Pendants in XY an? Ich für meinen Teil habe den Frieden mit mir selbst und meiner Umgebung (meistens  :-)) und kann gleichzeitig dafür kämpfen, dass die Dinge sich zum Besseren ändern. Ist denn daran etwas verkehrt?

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