Ein Dorf, eine Fabrik, eine Geschichte

Das Projekt «Uetikon und seine Chemie. Eine Beziehungsgeschichte über zwei Jahrhunderte» hat eine erste Hürde genommen: Hunderttausend Franken Spendenzusagen sind beisammen, der Verein Sozialgeschichte Chemie Uetikon startet am 1. Februar mit dem Buchteil des Vorhabens, später folgt noch eine Videodokumentation. Dabei stehen für einmal nicht die Chefs, sondern die ‹Büezer› im Mittelpunkt, wie Vereinspräsident Rolf Käppeli im Gespräch mit Nicole Soland erklärt.

 

Sie haben als ehemaliger Co-Präsident des Vereins «Uetikon an den See» erfolgreich dafür gekämpft, dass die UetikerInnen nach dem Wegzug der Chemiefabrik einen Seeuferweg und eine sinnvolle Nutzung des Geländes bekommen. Jetzt engagieren Sie sich im Verein Sozialgeschichte Chemie Uetikon für ein Buch- und Videoprojekt zur «Chemischen». Wie ist es entstanden?
Rolf Käppeli: Die Idee konkretisierte sich während einer zweijährigen Vorphase: Von 2015 bis 2017 wurde in Uetikon an mehreren Veranstaltungen über eine kommunale Ortsgeschichte nachgedacht. Im Rahmen dieses Projekts haben wir wiederholt bei der Gemeinde angefragt, ob die Geschichte Uetikons als Fabrikdorf in die Ortsgeschichte integriert werden könnte – leider ohne Erfolg. Als ehemaliger Lehrer und Journalist – ich war vor vielen Jahren beim Medienbund des ‹Tages-Anzeigers› engagiert – sowie Redaktor der Dorfzeitung habe ich für letztere bereits 1998/99 eine vierteilige Artikelserie über das Dorf und seine Fabrik geschrieben. Bereits damals wies ich auch darauf hin, dass sich die Fabrik auf aufgeschüttetem Land befindet. Das ist natürlich insofern brisant, als ebenfalls schon seit längerem bekannt war, dass die Fabrik nicht für alle Zeiten am angestammten Ort bestehen bleiben würde. Im Raum stand somit die Frage, was mit dem Land geschehen würde, wenn sie einmal ihre Tore schliessen würde.

 

Ursprünglich sollte dort das Projekt «Uetikon West» verwirklicht werden, eine Überbauung mit Luxuswohnungen und ohne Seezugang für die Öffentlichkeit – was Sie laut einem Artikel in der NZZ vom Mai 2017 verhindern halfen.Ich habe meinen journalistischen Beitrag geleistet und 2009, zwei Jahre nach dem Nein an der Urne, vorgeschlagen, den Verein «Uetikon an den See» zu gründen. Während neun Jahren war ich sodann Co-Präsident des Vereins.

 

Nachdem «Uetikon West» gebodigt war, hätten Sie die Sache ja auch auf sich beruhen lassen können.
Auf die 200-Jahre-Feier der Chemie Uetikon hin – sie wurde 1818 gegründet – sollte die Uetiker Dorfgeschichte, die bis ins Jahr 1983 reicht, weitergeschrieben werden. Ein 84-jähriger ehemaliger Primarlehrer schrieb ein Konzept dafür, veranschlagte Kosten von 100 000 Franken – und derselbe Uetiker Gemeinderat, der unsere Vorschläge für eine Sozialgeschichte unseres Fabrikdorfs abgelehnt hatte, winkte Konzept und Kredit einfach durch. Dabei war der Verfasser des Konzepts damit offensichtlich überfordert, und ein wichtiger Teil der Geschichte – jene der Beziehung des Dorfs zu seiner Fabrik – wäre einfach ausgelassen worden. Das konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Also intervenierte ich erneut bei der Gemeinde und schob eine Einzelinitiative nach – sie landete offensichtlich direkt im Kübel. Der rein bürgerliche Gemeinderat war und blieb auf dem sozialgeschichtlichen Ohr taub. Da hatte ich genug und beschloss zusammen mit drei, vier Kolleginnen und Kollegen, die Sache selber an die Hand zu nehmen.

 

Wie sind Sie vorgegangen?
Bereits im März 2016 hatte ich in der ‹Zürichsee-Zeitung› (ZSZ) gelesen, dass alte Dokumente aus der Chemiefabrik, konkret 27 Laufmeter Ordner, ins Schweizerische Wirtschaftsarchiv in Basel überführt würden und dass zwei Zürcher Historikerinnen den Auftrag bekommen haben, die Dokumente zu ordnen. Ich schrieb der ZSZ einen Leserbrief: Das sei eine schöne Geste der Fabrik, und es sei zu hoffen, dass die Gemeinde nun ebenfalls aktiv werde und den Abschluss der Fabrikgeschichte unterstütze. Passiert ist nichts. Im Oktober/November 2017 begannen wir mit den Vorbereitungen zu unserem Projekt, indem wir zehn HistorikerInnen aus der ganzen Schweiz anschrieben und sie fragten, ob sie daran interessiert wären, die Sozialgeschichte der Fabrik zu schreiben. Alle reagierten sehr gut, wir luden drei zu Gesprächen ein und wählten Beatrice Schumacher aus Basel und Daniel Kauz aus Zürich aus. Sie erstellten ein 16-seitiges Konzept und einen Kostenvoranschlag über 200 000 Franken.

 

Das ist eine stolze Summe: Wer soll das bezahlen?
Wir dachten ursprünglich, dass wir einen Drittel selber sammeln und dass die Gemeinde und die Fabrik je einen Drittel übernehmen würden. Doch die Gemeinde gab uns einen Korb. Die offizielle Begründung lautete, es handle sich um ein privates Projekt. Dass dieselbe Gemeinde 100 000 Franken für eine Ortsgeschichte versprochen hatte, welche die Sozialgeschichte ausgeklammert hätte, war kein Thema… Bei der Chemiefabrik hingegen stiessen wir auf offene Ohren. Sie gehört unterdessen zum weltweit tätigen Konzern CPH, und der Schweizer Sitz befindet sich in der Papierfabrik Perlen im Kanton Luzern. Zusammen mit Beatrice Schumacher durften wir in Perlen vorsprechen, die Verantwortlichen hörten uns zwei Stunden lang zu, informierten sich ausführlich und versprachen uns schliesslich einen Beitrag.

 

Damit müssen Sie immer noch mehr als einen Drittel selbst beisteuern: Ist das realistisch?
Im Mai 2018 gründeten wir den Verein Sozialgeschichte Chemie Uetikon und begannen, Geld zu sammeln. Heute sind bereits gut 80 Prozent der budgetierten Kosten der Printpublikation von 132 000 Franken beisammen: Bis Ende 2018 hatten wir eine Gruppe von 100 Privatpersonen hinter uns, die das Projekt unterstützen; sie haben uns 66 000 Franken zugesagt. Dazu erhielten wir immer mehr individuelle und institutionelle Anerkennung und Unterstützung, und zwar regional, kantonal und national – auch in Form von Geld: Vom Migros-Kulturprozent über den Frauenverein und die reformierte Kirchgemeinde Uetikon bis zur Unia sicherten uns verschiedene Institutionen Beiträge zu. Ideell unterstützen uns zudem zehn aktuelle und ehemalige UniversitätsprofessorInnen wie etwa Georg Kreis, Tobias Straumann, Caroline Arni oder Jakob Tanner. Aber auch die Zürcher Denkmalpflege, der Rektor des Gymnasiums Uetikon oder die Bildungsdirektion von Regierungsrätin Silvia Steiner begrüssen das Projekt.

 

Unter dem Titel «Familie Schnorf & die Schwefelsäure. Chemische Grossindustrie im kleinen Uetikon» ist im Mai 2018 in der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» ein Buch des Zürcher Historikers Matthias Wiesmann erschienen, das sich ausführlich mit der Chemiefabrik befasst. Braucht es wirklich noch ein weiteres Buch?
Das Buch über die Familie Schnorf ist gut, das beste, was bisher zum Thema «Chemiefabrik Uetikon» erschienen ist. Doch es ist im Auftrag der Fabrik, also der CPH, entstanden, und der Fokus liegt auf der Besitzerfamilie Schnorf und deren Wirken in der Fabrik und für die Fabrik. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, aber auch die Beziehung des Dorfes zu ‹seiner› Fabrik sind hingegen kein Thema. Bei unserem Buch handelt sich um ein Vorhaben, das sich zwar demselben Gegenstand nähert, aber aus einer völlig neuen Perspektive. Unser Buch ergänzt das von Matthias Wiesmann, und umgekehrt.

 

Die Arbeiten am Buch haben eben erst begonnen: Womit befassen sich die AutorInnen als erstes?
Seit Anfang dieses Jahres befragt Beatrice Schumacher Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – das hat oberste Priorität, weil einige der zu befragenden Personen ein hohes Alter haben. Mittels dieser Gespräche sollen persönliches Wissen, Erinnerungen und Erfahrungen dokumentiert werden. Das Schweizerische Wirtschaftsarchiv übernimmt die langfristige Sicherung der Audiodateien; sie sollen das Firmenarchiv der Chemie Uetikon ergänzen. Dem AutorInnenteam steht übrigens eine wissenschaftliche Begleitgruppe zur Seite, deren Leitung Heidi Witzig innehat: Sie ist geradezu prädestiniert für diese Aufgabe, hat sie doch früher in Uetikon gelebt. Als Mitglieder der Begleitgruppe konnten wir Adrian Knoepfli und Alfons Fischer gewinnen. Die heute 80- bis über 90-jährigen Zeitzeugen sollen im Sinne der «Oral History» wenn möglich auch vor der Kamera Auskunft geben. Ihre Informationen fliessen somit einerseits ins Buchprojekt ein, anderseits sollen die Videos auch für sich stehen und dem Publikum einen Einblick in vergangene Zeiten gewähren können.

 

Noch ist nicht ganz alles Geld fürs Buchprojekt beisammen, und schon nehmen Sie die Videos in Angriff: Wie lässt sich deren Finanzierung – budgetiert sind 70 000 Franken – bewältigen?
Offiziell starten wir am 1. Februar mit dem Buchteil und beginnen gleichzeitig mit der Sammlung für die Videos. Naheliegend wäre es, dafür beim Lotteriefonds anzuklopfen, doch die Sache hat einen Haken: Aus dem Lotteriefonds erhalten wir nur dann einen Beitrag, wenn sich auch die Gemeinde an den Kosten unseres Projekts beteiligt. Wir werden wohl nochmals das Gespräch mit der Gemeinde suchen müssen. Zuerst einmal kümmern wir uns nun um das Konzept für das Video und holen Offerten ein.

 

Geben Sie uns zum Schluss einen Einblick ins Innere des Buches? Wovon genau soll es handeln?
Ich kann Ihnen sagen, was geplant ist, doch nehme ich an, dass im Verlaufe der Recherchen dieses und jenes sich verändern kann. Es beginnt mit dem Kapitel «Nachtschicht. Kochherd», also mit den Öfen. Sie waren das Herz der chemischen Fabrik und liefen Tag und Nacht, denn die Herstellung von Schwefelsäure, Soda und Sulfaten verlangt einen 24-Stunden-Betrieb. Der Fokus liegt hier auf den Lebenswelten der Arbeiter, aber auch darauf, wie das Fabrikleben das private Leben beeinflusste. In «Lohntüte. Rangierunfall» kommen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Patron und Arbeiter zur Sprache, aber auch der Umgang mit Risiken. «Dienstjubiläum. 1. Mai» schildert die symbolischen Bande zwischen Arbeitgeber und Arbeiter und thematisiert, was die Gewerkschaften in der Chemiefabrik Uetikon bewirken konnten. Das Kapitel «Kronensaal. Wohlfahrtshaus» bietet einen Streifzug durch das kulturelle und gesellige Leben Uetikons. In «Elektrifizierung. Seeuferweg» thematisieren die AutorInnen schliesslich noch den Umgang mit Boden, Siedlung und Infrastruktur im Spannungsfeld der Interessen von Unternehmen, Behörden und Bevölkerung.

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