Diktat

Herbert Grönemeyer gab ein Konzert in Wien. Vor 14 Tagen war das. An diesem Konzert sagte er folgende Sätze: «Ich kannte das nur vom Hörensagen, in Zeiten zu leben, die so zerbrechlich, so brüchig und so dünnes Eis sind. Und ich glaube, es muss uns klar sein, auch wenn Politiker schwächeln, das ist, glaube ich, in Österreich nicht anders als in Deutschland, dann liegt es an uns. Dann liegt es an uns zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat. Und wer versucht, so eine Situation der Unsicherheit zu nutzen für rechtes Geschwafel für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze (sic!), der ist fehl am Platz. Keinen Millimeter nach rechts! Keinen einzigen Millimeter nach rechts!» Es ist mir auch aufgefallen. Dieses «diktieren». Und es gefiel mir nicht. Es ist nicht demokratisch. Denn Demokratie hat etwas damit zu tun, dass Entscheide auf einen Prozess folgen, einen Meinungsbildungsprozess, an dem alle teilhaben dürfen, die rechtsstaatliche Prinzipien achten, dass am Ende die Mehrheit entscheidet und dass in der Stunde der Entscheidung eine Initiative lanciert werden darf, die zum Ziel hat, diesen Entscheid wieder auf den Kopf zu stellen. Die Demokratie lebt davon, dass die Mehrheit immer nur für den Moment entscheidet, nie für die Ewigkeit. Wird etwas diktiert, gibt es weder Prozess, noch Teilhabe, noch legitime Entscheide. Ja, es ist mir auch aufgefallen. Und ich war natürlich nicht die Einzige. Die NZZ erfreute sich auf bemerkenswert viel Platz daran, dass diese Sätze von Herbert Grönemeyer auch links der Mitte Unbehagen auslösten und zitierte den Dramaturgen Bernd Stegemann, Unterstützer der Bewegung «Aufstehen» und Ralf Fücks, Gründer des Berliner Think-Tanks Zentrum Liberale Moderne. Ersterer sah sich im gebrüllten Aufruf Grönemeyers an «Redner vor 1945» erinnert, letzterer fand diesen Vergleich wiederum «völlig abgedreht», will die Demokratie aber trotzdem nicht mit «autoritären Phantasien» verteidigt sehen. Wenig überraschend und doch verblüffend ob der Dreistigkeit meinte die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Beatrix von Storch, das sei die «furchterregendste, übelste, totalitärste Hassrede», die sie je gehört habe. Der Grundtenor, gerade in der NZZ, war deshalb klar: Grönemeyer ist ein Linker und er hat sich nicht zum ersten Mal an einem Konzert politisch geäussert. Soweit so gut. Aber auf wen genau zielt seine Ansprache? Auf alle rechts der Mitte? Oder nur auf die radikalen Rechten? Ist er gar gegen «legitime politische Positionen, wie den Mitte-Rechts-Kurs»? Oder meint er nur so ganz nationalistische AfD-Politiker wie Björn Höcke? «Wer sind die Rechten, gegen die du wütest?», fragte auch die Berliner Morgenpost. Wieso unterscheidet er nicht zwischen rechts und rechtsradikal? Und wer soll diktieren? Welche Gruppe meint Grönemeyer? Wer soll nach seinem Weltbild den Ton angeben dürfen? Wer hier absichtlich nicht genau sei, schreibt die NZZ, der diskreditiere jene Stimmen, die bloss eine abweichende Meinung hätten. Er richte sich also ebenso klar wie falsch einfach an ein «Bauchgefühl». Ich hatte dann auch eines, so ein Bauchgefühl. Und ich fragte mich, wann eigentlich Sätze eines rechten Politikers jemals derart seziert worden sind, gerade von der NZZ und allen, die sich nun empörten. Lasst mich also ganz vorne stehen, wenn es darum geht, eine sorgfältige Wortwahl und überdachte Sprache von allen zu fordern. Solange das aber nur einseitig passiert, will ich mich vorläufig darauf beschränken, jeden Aufruf gegen rechts zu unterstützen. Gerne ohne Diktat, wenn es sein muss auch mit.

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