Die kurze, aber wichtige Strasse

Wenige Häuser samt Hinterhäusern befinden sich an der Hellmutstrasse im Langstrassenviertel. Sie und ihre BewohnerInnen spielten vor allem zwischen 1970 und 1990 ein wichtiges Kapitel der Zürcher Stadtentwicklung. Hannes Lindenmeyer spricht als Akteur und Buchautor über sein gerade erschienenes Buch «Die lange Geschichte einer kurzen Strasse».

 

Gab es einen speziellen Anlass, dieses Buch über eine der kürzesten Strassen der Stadt Zürich zu schreiben?
Hannes Lindenmeyer: Abgesehen davon, dass das Buch ein grosses Stück meiner Lebensgeschichte enthält – ich wohne seit 40 Jahren an der Hellmi – , wurde ich dazu auch gestossen. Ich habe hier viel erlebt, mitgestaltet, einiges aufgeschrieben und auch gerne davon erzählt. Aber ein Buch wollte ich eigentlich nie schreiben. Ich sprach eingehend mit Willi Wottreng, der an ein Buch über die Jenischen an der Hellmi dachte. Ich erzählte ihm vieles, er fand, ich solle doch ein Buch darüber schreiben. Raymond Naef wies mich auf seine vielen guten Bilder des Geschehens hin. Der eigentliche Anstoss kam indes 2010 mit dem Einzug des Rotbuchverlags in die Hellmut­strasse und damit von Andreas Simmen, der mir die Unterstützung des Verlags versprach. Ich war indes anderweitig beschäftigt, kam gar nicht richtig dazu und mied An­dreas Simmen auf dem Hof beinahe, weil ich fast so etwas wie ein schlechtes Gewissen hatte. Schliesslich setzte mir Raymond Naef die Pistole an die Brust: «Wenn Du nicht schreibst, sage ich es dem Wottreng, der schreibt die Geschichte gerne.» Mit Sarah Wendle erhielt ich vom Verlag eine strenge und sehr gute Lektorin, die mein Manuskript zunächst halbierte. Es wäre sonst über 500 Seiten stark geworden. Die Zusammenarbeit mit ihr und der Gestalterin Patrizia Grab war sehr intensiv und führte zum Ziel.
Ich freue mich über das fertige Buch, bin zufrieden, wie es herauskam. Zugleich beginne ich, wie die beiden mir voraussagten, mich über all das zu ärgern, was ich vergass oder was ich nicht hätte herausstreichen dürfen. Aber gedruckt ist nun halt einmal gedruckt.

 

Sie haben sicher eine Menge Personen durch Nichterwähnen beleidigt. Wenn so viele vorkommen und man dann unerwähnt bleibt, obwohl man glaubt, auch eine Rolle in der Geschichte gespielt zu haben, fühlt man sich noch mehr unberücksichtigt und ausgeschlossen.
Derzeit ärgert mich am meisten, dass der Blumenladen von Kati und Eva in der gedruckten Fassung fehlt. Der Laden, respektive sein Hinterzimmer spielte gerade im Verhältnis zu den AltbewohnerInnen (dazu später mehr, kl.) eine wichtige Rolle. Ich kürzte das ganze Kapitel über die Differenzen zwischen den Alt- und den NeubewohnerInnen stark, weil Sarah Wendle zu Recht fand, dies sei zu insiderisch. Dabei ging auch die Passage über den Blumenladen verloren, was ich vor allem wegen Eva bedauere. Kati kommt sonst im Buch noch einige Male vor. Ich überlege mir ein zweites Buch über den Blumenladen, so viele Geschichten spielten sich in ihm ab.

 

Was ist nun die geschichtliche Essenz der kurzen unscheinbaren Hellmutstrasse?
Es ist verblüffend, wie viel Stadt- und Politgeschichte sich in den letzten gut 100 Jahren in dieser kurzen Strasse und ihrer Umgebung abspielte. Vor allem in den letzten 50 bis 70 Jahren und speziell zwischen 1968 und gut 1990 war die Strasse ein Brennpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung des Quartiers und der Stadt. Die Zeit bis 1968 schildere ich vor allem, um die Strasse in der Geschichte des Arbeiterquartiers Aussersihl zu verankern, damit man den Rahmen sieht, in dem sich die Geschehnisse in der Strasse bewegten. Die drei Schwerpunkte, die Verhinderung der PTT-Zentrale, die Kontrollnahme (eine neue Art der Hausbesetzung) und die anschliessende Genossenschaftsentwicklung waren sehr intensiv, für die Stadt erstmalig und spiegeln auch die Veränderungen des Arbeiterviertels zum Trendquartier.

 

Sie thematisieren den eigenen Beitrag zur Gentrifizierung des Quartiers im Buch selber.

Der Polizist Andi Egli – er wuchs in der Hellmutstrasse auf – beschrieb uns so: «Plötzlich kamen so Intellektuelle, Leute, die mit uns nichts zu tun hatten. Sie organisierten Partys, hatten ganz andere Ideen, als wir es gewohnt waren.» In den 1980er-Jahren kommerzialisierte sich dieser Bereich. Aus den bis zu 30 illegalen Bars, die meist aus der Freude am Zusammensein entstanden, entwickelte sich ein respektabler Wirtschaftsbetrieb, der viel zur Veränderung Zürichs beitrug.

 

Die erste wichtige Geschichte ist die Verhinderung des PTT-Neubaus, der die Hellmutstrasse mitsamt den umliegenden Gebäuden zum Verschwinden gebracht hätte. Dies fand gut zehn Jahre vor den 1980er-Jahren mit den illegalen Bars statt.
Diese Geschichte lief sozusagen auf der proletarischen Schiene. Die städtischen Häuser an der Hellmutstrasse samt den Hinterhöfen waren heruntergekommen. In ihnen lebte das ‹Lumpenproletariat› (teilweise wortwörtlich, lebten doch einige vom Lumpensammeln) in Notwohnungen. In den Hinterhöfen arbeiteten quartiergerecht Handwerker und die Schreinerei Pfister. Der Stadtrat winkte den Riesenbau der PTT relativ einfach durch.
In dieser Zeit deckten revolutionäre Gruppen, Maoisten und andere, auf dem Weg der Massenlinie die Widersprüche im Kapitalismus auf und versuchten ihn mit Hilfe der Bevölkerung zu bekämpfen. Die Hellmutstrasse eignete sich dazu bestens: Mit Emil Seliner lebte einer dort, der die Verhältnisse kannte, die Maoisten besassen keine Berührungsängste mit dem Gewerbe, das um seine Werkstätten bangte. Es war zudem die Zeit, in der eine Stadtgestaltung mit neu, autogerecht und technikbestimmt erstmals infrage gestellt wurde. Nach dem Erfolg in der Hellmi kam politisch der Kampf gegen die U-Bahn.
Es war auch eine Geschichte der SP. Die örtliche Sektion 4, in der viele 1956 ausgetretene Kommunisten wirkten, verhielt sich sehr konservativ: Sie scheute sich, den Bundesbetrieb PTT anzugreifen, sie glaubte noch an den technischen Fortschritt und die Autobahnen. Bruno Kammerer, der SP-Gemeinderat aus dem Kreis 1, sah das Potenzial für eine andere Stadtentwicklung und für die Gewinnung der Massen. Es gelang ihm mit Fanny Messmer als Gemeinderätin des Quartiers die SP 4 umzustimmen, für einen Vorstoss zur Erhaltung im Gemeinderat zu gewinnen. Wichtig war Otto Schütz, der erstens eine gute Nase besass und zweitens als Nationalrat Kontakte zum zuständigen Bundesrat Roger Bonvin hatte. Wie sehr der heimliche Spaziergang von Bonvin mit Kammerer im Quartier und/oder die möglichen Beziehungen zwischen dem Walliser Bundesrat mit seinen Weinkontakten und Otto Schütz als Direktor des Coop-Zürich und damit eines Weingrosseinkäufers eine Rolle spielten, bleibt der Spekulation überlassen. Jedenfalls verschob der Bundesrat den PTT-Bau ins Industriegebiet.

 

War es das erste Mal, dass sich BewohnerInnen gegen einen Abbruch wehrten? Heute kann man kein Grossprojekt mehr realisieren, ohne dass sich die Betroffenen wehren.
Es war der erste Erfolg, aber die AnwohnerInnen spielten eine kleine Rolle. Es handelte sich um ein hochpolitisches Projekt der revolutionären Linken. Sie interessierte sich wenig um das konkrete Projekt, sondern wollte die Widersprüche des Kapitalismus aufzeigen. Wir überlegten uns anhand des Stadtplans, wo man eingreifen kann, was führt wo zu welchem Verkehr oder Abbruch und wie kann man die Massen für den Widerstand gewinnen. Die Maoisten hatten mit der Hellmutstrasse insofern Glück, als Emil dort aufgewachsen war und man sagen konnte, die Massen holten uns. Es war, wie bereits erwähnt, zudem der Beginn der Technikskepsis und einer Wandlung der SP. Typisch für diese Aktion: Nach dem Erfolg interessierte sich kaum jemand mehr, wie es an der Hellmutstrasse weitergehen sollte. Die SP reichte noch einen Vorstoss für eine Überbauung mit Wohnungen und Gewerbe ein. Er moderte in den Amtsschubladen. Die Stadt erfragte einmal einem Bedarf nach gehobenen Wohnungen. Niemand interessierte sich dafür.

 

Die Strasse dämmerte also einige Zeit vor sich hin?
Ja und nein. Nicht nur wir zogen in die Hellmi, sondern auch andere, die von einem linken und alternativen Leben träumten und sich für eine andere Stadtentwicklung einsetzten. Die Gruppe «Luft & Lärm», deren Mitglieder rund um die Hellmi wohnten, fand mit ihren Aktionen – mit Fantasie, guter Organisation und ohne übertriebene Hemmungen vor Illegalität – Echo im Quartier. Wir sahen, wie in der Hellmi leere Wohnungen nachts demoliert wurden. Bei meiner Nachfrage als fingierter Handwerker erhielt ich von der Stadt die Bestätigung, dass die Häuser einzelweise abgerissen und in Parkplätze umgewandelt werden sollten. Dagegen wehrten wir uns.

 

Die Stadt griff damals bei Besetzungen meist innert 24 Stunden rigoros ein. Die Hausbesetzer­Innen ihrerseits besassen bei der bestehenden Wohnungsnot bei vielen Sympathien. Wer als Linker etwas auf sich hielt, besuchte die BesetzerInnen am Hegibach.
Die Besetzungen galten als revolutionärer Hort. Man bereitete sich auch auf die Verteidigung bei einem Polizeieinsatz vor. In der Hellmi dachten wir selbstverständlich auch an eine Besetzung, entschieden uns dann nicht zuletzt dank Giorgio Bellini zu einer Kontrollnahme. Wir kontrollierten sozusagen den Nichtabbruch der Häuser. Daraus entstand der erste Gebrauchsvertrag. Wir handelten mit der Stadt einen Verbleib aus, bei dem wir selber für den Unterhalt sorgten, Strom und Wasser bezahlten, aber keine Miete. Die Bürgerlichen fragten sich in der NZZ, ob man mit Besetzern überhaupt verhandeln dürfe, im ‹Stiletto›, der linken Zeitschrift, bezeichneten sie uns als Verräter, als Luft- & Lärmschickeria, die sich ein Haus zum Eigenbedarf (und nicht für die Revolution) geholt hatte. Der eine oder andere (darunter Guy Barrier) kam später bei uns vorbei, um sich zu erkundigen, wie wir zu den Wohnungen gekommen waren.

 

Die Hellmi beschäftigte sich selber, Quartier und Politik ein weiteres Mal, als ein Projekt vorlag, das die AltbewohnerInnen mit einem Neubau kombinieren wollte. Wie kam es dazu?
Die Gebrauchsverträge waren in der Regel auf zwei Jahre befristet. Mindestens ein Teil von uns wollte etwas Dauerndes und die Stadt war dafür halbwegs offen. Sie stellte allerdings die Bedingung, das ein anerkannter Träger mitmacht. Das entfachte intern teilweise einen Kampf zwischen jenen, die sich als BesetzerInnen empfanden und jenen, die hier wohnen wollten. Das Projekt, die alte Fabrik im Hof zu einem Kulturzentrum auszubauen, besass politisch keine Chance. Der Stadtrat wollte nicht, und im Quartier wehrte sich Walter Knabenhans energisch. Die SP-Gemeinderäte Ruedi Steiger und Peter Macher suchten in der Gemeinderatskommission einen Kompromiss. Wenige Tage vor der entscheidenden und letzten Kommissionssitzung sahen wir keine Chance mehr, entwickelten in einer Nacht- und Nebelaktion einen Plan, der eine Kombination zwischen Alt- und Neubauten vorsah. Da Walter Knabenhans an der entscheidenden Sitzung wegen eines Velounfalls fehlte, gelang die Überrumpelung.
Bis zum Bau gab es noch vieles zu überwinden. Die Bedingung der Stadt konnten wir mit der Wogeno, einer damals neuen Genossenschaft mit Betonung der Mitwirkung der BewohnerInnen, erfüllen. Intern wehrte sich ein Teil vehement, die neuen Wohnungen waren für damalige Verhältnisse teuer, der Weg der Mitbestimmung aller in der Architektur (auch bei der Auswahl des Projekts) war mitunter beschwerlich. Der Bau ist indes auch aus heutiger Sicht ausgesprochen gut gelungen, der Stadtbaumeister Hans Rüegg bezeichnet ihn als einen der ersten Bauten, der auf die gebaute Stadt Rücksicht nimmt.

 

In der Hellmi hat es – zumindest von aussen – geruhigt. Es leben nach wie vor Alt- und NeubewohnerInnen getrennt, aber auch miteinander. Als Zentrum der Politik, wie teilweise in den 80er-Jahren, nehme ich die Siedlung nicht mehr wahr.
Der Eindruck stimmt durchaus, wobei an der Hellmi viele interessante Projekte entstanden und auch entstehen. Die Wohnungen sind zwar an einem 1. Mai oder an einer Demo nicht mehr leer, weil alle hingehen, aber die meisten Bewohner­Innen positionieren sich links, wobei bei vielen der Schwerpunkt bei einem gemeinsamen Leben und Wohnen liegt. Die AltbewohnerInnen streiten immer noch mit uns (umgekehrt auch), aber wir hielten das Prinzip, dass niemand weggewiesen wird, stets aufrecht. Dazu kam und kommt: Man kennt sich und die persönlichen Beziehungen sind bei allen Differenzen oft gut, helfen Konflikte lösen. Zudem haben die AltbewohnerInnen endlich einen eigenen Hausverein, der von der Wogeno anerkannt wird. An der Hellmi geschieht heute kaum mehr etwas, was anderswo in fortschrittlichen Kreisen nicht auch geschieht, aber hier geschah vieles als erstes. Durchaus auch in der Tradition des alten Arbeiterviertels.
Hannes Lindenmeyer: Die lange Geschichte einer kurzen Strasse. Rotpunktverlag 2018, 256 Seiten, 46.90 Franken.

nach oben »»»