«Die Gewalt ist grenzenlos»

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Samira Marty hat zum Widerstand indigener Frauen in Guatemala geforscht. In ihrem Buch schildert sie ausufernde, alltägliche Gewalt – und erzählt von Aktivistinnen, die sich allen Gefahren zum Trotz dagegen wehren. Im Gespräch mit Manuela Zeller

 

Sie sind in der Ostschweiz aufgewachsen und haben in Genf studiert. Wie sind Sie dazu gekommen, in und über Guatemala zu forschen?
Samira Marty: Während des Ethnologiestudiums hatte ich mich mit dem Völkermord in Guatemala beschäftigt und erkannte riesige Forschungslücken.

 

Sie haben dann aber nicht zum Genozid, sondern zum Widerstand in der Gegenwart geforscht?
Ja genau. Im Bürgerkrieg zwischen 1960 und 1996 wurden indigene Menschen systematisch ermordet. Nun ist Guatemala eines der wenigen Länder, in denen die Gewaltrate nach dem Völkermord nicht zurückgegangen ist, bis heute nicht. Und die Gewalt richtet sich oft spezifisch gegen Frauen. Darüber wollte ich mehr wissen.

 

Sie haben sich also für den Gender-Aspekt interessiert?
Ja, wobei ich vor Ort festgestellt habe, dass für die Frauen die Kategorie «Geschlecht» nicht die wichtigste ist. Indigene Frauen sind mit ganz anderen Problemen konfrontiert als nicht-indigene. Daher hat sich mein Fokus dann verschoben.

 

Sie waren zweieinhalb Monate in Guatemala – was hat Sie am meisten berührt?
Die Bereitschaft der Aktivistinnen, ihre persönliche Sicherheit und die Sicherheit ihrer Familien aufs Spiel zu setzen, weil sie an eine bestimmte Gesellschaftsform glauben. Gleichzeitig macht mich die Tatsache auch traurig. Manche Frauen bezahlen das Engagement mit ihrem Leben.

 

Vor wem müssen sich die Aktivistinnen fürchten?
Von der Polizei und staatlichen Institutionen, immer noch im Zusammenhang mit dem Völkermord. In der Stadt patrouillieren jeden Tag Panzer. Männer in schwarzen Kampfuniformen mit der Maschinenpistole im Anschlag sind omnipräsent. Aber es gibt auch institutionelle Gewalt: Ärzte, die sich weigern, die indigene Überlebende einer Vergewaltigung zu behandeln. Und schliesslich die Gewalt innerhalb der Familie, ausgehend von Brüdern, Vätern, Partnern…

 

Das hört sich nach einer hoffnungslosen Situation an. Wie wehren sich die Aktivistinnen?
Sie solidarisieren sich untereinander, bilden lokale Netzwerke und können deshalb auf eine landesweite Unterstützung von Gleichgesinnten zählen.

 

Gibt es denn auch weibliche Solidarität, die sich über ethnische Grenzen hinwegsetzt?
Nur sehr bedingt. Es gibt leider auch rassistisches Gedankengut innerhalb akademischer, feministischer Gruppen in der Hauptstadt, welche die indigenen Frauen als rückständig, dreckig und ungebildet bezeichnen. Gerade auch von Frauen, welche Schlüsselpositionen in der UNO oder in internationalen Hilfswerken haben.

 

Sie sind selber keine indigene Guatemaltekin. Hatten die Aktivistinnen Vorbehalte Ihnen gegenüber?
Ich bewegte mich schon in einem Spannungsfeld. Es war aber auch ein Vorteil, von aussen zu kommen und zum Beispiel nicht muttersprachlich Spanisch zu sprechen. Das gab spannende Allianzen. Ich erlebte aber auch immer wieder, dass ich wegen meiner Hautfarbe bevorteilt wurde. Ein Beispiel: Eine indigene Akademikerin fuhr mich mit ihrem Auto zu sich nach Hause. Die Wachen, die wir passieren mussten, um in ihre «Gated Community» zu gelangen, hielten sie für meine Fahrerin. Das hat sie sehr wütend gemacht.

 

Sie beschreiben viel Gewalt und Unsicherheit. Gab es Momente, in denen Sie es bereut haben, sich dem auszusetzen?
Ich war praktisch immer ausserhalb meiner Komfortzone, ausser wenn ich nach Hause kam und die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Nur schon die eineinhalb Kilometer Fussweg zur Bushaltestelle waren gefährlich. An der Strasse, an der mein Arbeitsweg entlangführte, gab es täglich Morde. Passiert ist mir zum Glück nichts, bereut habe ich meinen Aufenthalt nie.

 

Welche Erkenntnisse für Ihr politisches Engagement hier in der Schweiz haben Sie gewonnen?
Mein Auge ist noch einmal geschärft worden für Ungleichheiten. Ich bin empfindlicher geworden, was das Thema Geschichtsaufarbeitung betrifft, gerade auch in Bezug auf die Schweiz. Die Forschung in Guatemala hat mich wachgerüttelt. Wir haben hierzulande unsere Demokratie gefeiert und uns viel zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht. Die Gesellschaft in Guatemala ist sich viel mehr Wandel gewohnt, die Menschen sind dynamischer, eben auch, was den Widerstand betrifft.

 

Und das sollten wir uns auch aneignen, Bereitschaft zum Wandel?
Auf jeden Fall, angesichts aktuellen politischen Lage braucht es Offenheit für Veränderung, um Widerstand leisten zu können.

 

Samira Marty: Das weibliche Gesicht des Widerstands. Der Kampf indigener Aktivistinnen gegen Unterdrückung und Gewalt in Guatemala. Promedia Verlag, Wien 2017, 176 Seiten, Fr. 26.90.

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