«Die EVP will die Grundwerte in der Politik durchsetzen»

Peter Reinhard war 23 Jahre lang Kantonsrat und davor 19 Jahre Gemeinderat in Opfikon-Glattbrugg, und als Geschäftsführer der EVP Kanton Zürich amtet er gar seit 44 Jahren. Zu seiner Pensionierung per Ende Jahr blickt er im Gespräch mit Nicole Soland zurück auf sein Leben für die Politik.

 

Am 1. April 1975 traten Sie Ihre Stelle als Geschäftsführer der EVP Kanton Zürich an. Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihnen damals jemand gesagt hätte, Sie würden diesen Job auch anno 2018 noch machen?
Peter Reinhard: Ich hätte gesagt, «du spinnsch» (lacht).

 

Was war denn der Plan?
Nach dem KV arbeitete ich auf der Gemeindeverwaltung in Niederglatt. Via Jugendarbeit – unser Jugendarbeiter in Opfikon-Glattbrugg präsidierte auch die EVP – landete ich auf der Liste für den Gemeinderat. Man versicherte mir, ich würde schon nicht gewählt… Einen Monat nach meinem 20. Geburtstag war ich dann Mitglied des Gemeinderats von Opfikon-Glattbrugg. Diesem Parlament gehörte ich 19 Jahre lang an und absolvierte in dieser Zeit das volle Programm inklusive Ratspräsidium.Nach dem Rücktritt machte ich eineinhalb Jahre Pause, dann fing ich im Kantonsrat an. Dort blieb ich 23 Jahre, war unter anderem Fraktionspräsident und Präsident der interfraktionellen Konferenz. Auf die Stelle als Geschäftsführer wurde ich ebenfalls durch besagten Jugendarbeiter aufmerksam. Als ich sie antrat, ging es mir aber erst einmal da­rum, herauszufinden, was die EVP überhaupt ist.

 

Wie meinen Sie das?
Dass ich bei der EVP gelandet bin, hat sich durch persönlichen Kontakt so ergeben. Als ich auf dem EVP-Sekretariat anfing, war mein erster Eindruck der eines chaotischen Ladens: Überall lagen Papierstapel, sogar auf dem Boden. Ich fing also erst mal an, Ordnung zu machen. Damals dachte ich, dass ich so zwei, drei Jahre bleiben würde. Doch dann tauchten stets neue Aufgaben auf: Wir gründeten die Baugenossenschaft Josefstrasse 32 mit dem Ziel, der EVP in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof den Sitz zu sichern; unterdessen gehört der Genossenschaft neben den Liegenschaften Josefstrasse 32 und 34 noch eine weitere an der Winzerstrasse. Wir waren aber auch die erste Partei, die auf EDV umstellte, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

Es gab einfach soviel zu tun, dass Sie hängen blieben?
Nicht nur: Die Arbeit war auch spannend. Nach und nach kamen weitere Mandate hinzu, ich wurde Präsident des Verbands der KantonspolizistInnen, übernahm die Geschäftsführung unserer Baugenossenschaft und musste mich als solcher um die Renovation und Erneuerung unserer Liegenschaften kümmern. Dann wurde ich EKZ-Verwaltungsrat; das bin ich unterdessen auch seit 20 Jahren. Später kam noch das Mandat als Axpo-Verwaltungsrat dazu.
In den letzten Jahren begann ich, diese Ämter etappenweise abzugeben – dafür kam neu die Flughafenpolizei dazu, deren Verband ich nun präsidiere. EKZ-Verwaltungsrat, Geschäftsführer der Baugenossenschaft und Präsident der Vereinigten Personalverbände (VPV) bleibe ich noch. Pensioniert werde ich Ende Jahr, danach führe ich noch drei Monate meinen Nachfolger ein, und offiziell verabschiedet werde ich dann an der Delegiertenversammlung am 30. März. Dann sind es genau 44 Jahre EVP.

 

Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?
Die EVP war in den letzten Jahren als Partei stabil und gut aufgestellt, wir haben bei den jüngsten Gemeindewahlen in der Stadt Zürich gewonnen, bei den Kantonsratswahlen ebenfalls, und wir hatten letztes Jahr einen Mitgliederzuwachs von gut einem Prozent. Beschäftigt hat mich das Betreuen und Motivieren in einem Milizsystem, es gab aber auch strategische Entscheide, an denen ich mitbeteiligt war – Listenverbindungen im Nationalrat, die Kandidatur für den Zürcher Stadtrat zusammen mit der BDP, oder jetzt die EVP-Kandidatur für «die-starke-Mitte» beim Regierungsrat.

 

Stimmt, die Wahlen nahen…
Mein Ziel ist, dass nach diesen Wahlen weder die Rechte noch die Linke ohne die Mitte zu Mehrheiten kommen. Jetzt haben die Rechten die Mehrheiten noch, EDU und CVP sind ja jeweils rasch zur Hand.

 

Die EVP ist zwar kleiner als die CVP, aber dafür unabhängig?
Kleiner sind wir nicht: Die CVP machte bei den letzten Kantonsratswahlen neun Sitze, wir acht, doch dann ging ein CVP-ler zur SVP, womit Gleichstand herrscht. Die CVP hat dank dem Bürgerblock einen Regierungssitz, doch sie war früher viel grösser als wir, bei den Gemeindewahlen haben wir sie schon überholt – ich hoffe, dass uns das bei den Kantonsratswahlen auch gelingt. Wir waren auch schon das Zünglein an der Waage… Unsere Stammwählerschaft wird zwar oft als fromm und konservativ hingestellt, doch das sind wir eigentlich nicht. Es gibt Wertefragen, in denen wir durchaus konservativ sind, das gebe ich zu. Aber in sozialen Fragen sind wir eine jener Parteien, die der SP am nächsten stehen.

 

Wenn der Papst Abtreibung als Auftragsmord bezeichnet, pflichtet die EVP ihm nicht bei?
Es gibt Volksentscheide zu Abtreibung oder Homosexualität, die sind Realität. Nehmen wir an, ich bin gegen die Abtreibung: Dann muss ich Rahmenbedingungen setzen, damit Abtreibung nicht aus wirtschaftlichen Gründen nötig ist. Das heisst unter anderem Tagesstrukturen schaffen und finanzielle Beiträge leisten. Es gibt dann natürlich immer noch andere Gründe, um abzutreiben, aber um diejenigen, die ich politisch verhindern kann, habe ich mich gekümmert – und dort treffen wir uns mit der SP. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass es keinen Umweltschutz und keine Sozialpolitik ohne gesunde wirtschaftliche Entwicklung gibt, und umgekehrt kann Wirtschaftspolitik nicht nur auf Geldgewinn aus sein, sondern muss auch der Gesellschaft und den ArbeitnehmerInnen dienen sowie eine gewisse Ethik und Nachhaltigkeit beinhalten. Und dann gibt es natürlich noch viele Einzelfragen…

 

Etwa die Atomenergie – da hätten die Grünen bezüglich Schutz der Schöpfung wohl eine andere Haltung als der ehemalige Axpo-Verwaltungsrat.
Das steht ihnen natürlich frei. Doch wenn ich nach Deutschland schaue, wo die AKW abgeschaltet werden, aber dafür immer mehr Kohle verfeuert wird – auch wenn die Deutschen die Kohle ebenfalls reduzieren wollen – dann ist das aus meiner Sicht nicht nachhaltig. Ich bin für einen geordneten Ausstieg aus der Kernenergie und dafür, dass man die Möglichkeiten der Kernenergiegewinnung ohne Kernschmelze auslotet, Kugelkernkraftwerke beispielsweise. Das muss man weiter verfolgen, denn was das CO2 betrifft, ist es nun mal eine gute Energie.

 

Abgesehen davon, dass der Uranabbau nicht CO2-neutral erfolgt…
Wenn ich Windräder herstellen will, brauche ich viele Giftstoffe und viel Kupfer, dessen Abbau nicht umweltfreundlich erfolgt. Grundsätzlich ist ohnehin der hohe Energieverbrauch als solcher problematisch; den müssen wir reduzieren. Zudem müssen wir uns überlegen, wo der Umweltfranken am besten angelegt ist. Statt überall Solar- und Windkraft zu installieren, bringt es in unseren Breitengraden mehr, die Häuser zu sanieren und vernünftig zu dämmen.

 

Sie haben in 23 Jahren Kantonsrat etliche Vorstösse eingereicht, die thematisch von der Flughafenpolitik über den Lehrkräftemangel bis zur Sicherheitslage im Zürcher Rathaus so ziemlich alles umfassen.
Wir sind offen für alle Themen; viele werden aus der Bevölkerung an uns herangetragen. Beim Rathaus wird in erster Linie mein Rechtsempfinden verletzt: Würde ein Privater einen solchen Saal ohne Notausgang betreiben, dann hätte man ihm längst den Laden geschlossen. Aber weil es der Staat ist und man kein neues Rathaus bauen will, darf man Sachen machen, die jenseits von Gut und Böse sind. Auf der anderen Seite gibt es übertriebene Regulierungen, beispielsweise beim Denkmalschutz, wo man sich verhält, als ob alles die nächsten 1000 Jahre erhalten werden müsste. Doch wenn man verdichtetes Bauen will, kann man nicht einfach alles schützen. Auch Arbeitnehmerpolitik war und ist mir ein Anliegen: Es geht da­rum, den Profit nicht einseitig bei den CEO zu lassen, die in guten Zeiten abgarnieren und sich in schlechten Zeiten den Abgang vergolden lassen. Die ArbeitnehmerInnen müssen auch profitieren, sonst büssen wir die Stabilität ein, die unser Land auszeichnet. Bei der Ökologie ist es dasselbe: Wenn wir nicht an enkeltaugliche Lösungen denken, haben wir etwas falsch gemacht.

 

Ihre Partei ist demnach weniger streng parteipolitisch unterwegs als andere?
Wenn wir vom Evangelium ausgehen, sehen wir Werte wie die Nächstenliebe, das Übernehmen von Verantwortung, die Nachhaltigkeit. Diese Bereiche erstrecken sich von der Sozial- über die Finanz- bis zur Umweltpolitik, und solche Wertefragen wollen wir einbringen, aber wir sind nicht auf einen Bereich fixiert. Die EVP wurde 1917 gegründet, und zwar nicht aus religiösen Gründen: Damals gab es den Marxismus und den Kapitalismus, und die Gründer der EVP wollten weder die eine noch die andere Ideologie unterstützen, sondern eine Position innehaben, von der aus sie offen beurteilen konnten, was gut ist für Land und Leute. Das ist bis heute so. Aber es ist natürlich nicht gleich spektakulär, wie wenn man Pol-Positionen bezieht. Umgekehrt zeigt gerade die EVP immer wieder auf, wie man in der Politik vorankommt: Wer eine Mehrheit haben will, muss sich bewegen, muss bereit sein, Kompromisse einzugehen.

 

Die EVP ist trotz allem immer noch eine christliche Partei: Was bieten Sie jenen Menschen an, die nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen und nicht täglich beten?
Die EVP will die Grundwerte in der Politik durchsetzen. Wir sind keine Bekenntnispartei, bei der jemand seine persönliche Religiosität beweisen muss. Einige unserer Mitglieder sind katholisch, andere sind aus der Kirche ausgetreten. Entscheidend ist die Wertehaltung, und die war für die EVP immer interpretationswürdig: Pränatale Dia­gnostik und Gentherapien beispielsweise gab es noch nicht, als die Bibel geschrieben wurde, doch heute müssen wir uns damit auseinandersetzen.
Diejenigen Christen, welche die Bibel sehr eng auslegen, sind oft nicht mehr Teil der EVP, sie haben vor Jahren im Kanton Bern die EDU gegründet und sich von uns abgesetzt. Sie ist für uns denn auch keine Schwesterpartei, sondern eine Konkurrenz, wie alle andern Parteien auch – und wenn es Möglichkeiten zur Zusammenarbeit gibt, dann prüfen wir die, wie mit allen andern Parteien auch.

 

Auch zur CVP haben Sie demnach kein besonderes Verhältnis?
Mit der CVP würden wir eigentlich gern zusammenarbeiten, doch sie ist über ihr Machtdenken und ihre Vertretung in der Regierung so stark im bürgerlichen Lager eingebunden, dass sie nicht immer die Offenheit hat, mit uns Lösungen zu suchen. Das kann ich durchaus verstehen, aber ich finde es manchmal trotzdem schade.

 

Sie stimmen im Kantonsrat doch eher mit den Linken als mit den Rechten.
In sozialen und ökologischen Fragen sind wir oft mit den Linken zusammen, auch wenn eher wir als die Linken Konzessionen machen müssen; das wäre anders, wenn die Mitte stärker wäre. Aber es gibt durchaus auch Fragen, bei denen wir mit den Rechten stimmen.

 

Was bleibt Ihnen rückblickend in bester Erinnerung?
Dass meine Partei immer noch dynamisch ist, an sich glaubt und nicht auf der Verliererstrasse ist, sondern immer wieder auch gewinnt. Ich konnte sehr viele menschliche Kontakte über alle Parteigrenzen hinweg pflegen. Das hat mir Freude gemacht. Ich habe viel gelernt und spannende Projekte bearbeiten dürfen, und als Geschäftsführer der EVP hatte ich immer die Freiheit, meine Zeit selber einzuteilen, so dass Zeit blieb für meine Mandate und damit für weitere spannende Projekte.

 

Woran denken Sie lieber nicht zurück?
Mir missfällt, dass in der Schweiz zunehmend ein Politikstil gepflegt wird, den ich als abstossend empfinde – mit Anwürfen, die unter die Gürtellinie gehen, und Angriffen, die auf die Person zielen. Ich hoffe, dass künftig wieder die Mehrheit konsensorientierte Politik macht, in der man in der Sache streitet, aber stets auf eine Lösung hinarbeitet.

 

Dass Sie jetzt als Pensionierter die Hände in den Schoss legen, kann man sich kaum vorstellen: Was packen Sie als nächstes an?
Die Freizeit ist manchmal zu kurz gekommen, und jetzt werde ich mehr Zeit haben, um einfach zu sein, um zu geniessen, mal in Ruhe in die Sonne blinzeln und etwas mit meinem Enkel zu unternehmen. Natürlich verfolge ich auch weiterhin, was in der Politik passiert, und die Anfragen fürs Übernehmen neuer Ämter, die bereits eingetroffen sind, schaue ich in Ruhe an und entscheide dann, was ich mache – es eilt ja nicht.

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