Der Fall Fricker

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Es ist schon ein gutes Dutzend Jahre her, als ich als Leiter des Instituts für Nachhaltige Entwicklung an der Fachhochschule in Winterthur eine Anfrage eines gewissen Jonas Fricker bekam. Er hatte sein ETH-Studium abgeschlossen mit einer Arbeit über ein Kommunalentwicklungsprojekt, das er nun gerne fortgesetzt hätte.

 

Er war beim RAV in Baden gemeldet, also nahm ich dort Kontakt auf und erreichte, dass ich Jonas als Praktikanten anstellen konnte. Schnell gelang es ihm, für sein Projekt eine finanzielle Unterstützung der Kommission für Technologie und Innovation, heute Innosuisse, zu erwirken. Ich konnte ihn als Assistenten anstellen und gab ihm die Projektleitung, was etwas unüblich war, aber in seinem Fall kein Risiko. Wenig später wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter. Sein Projekt schloss er mit Bravour ab, es galt bei der KTI als Leuchtturmprojekt. Daneben wirkte er an weiteren Forschungsprojekten zum Thema Stadt- und Regionalentwicklung mit, zusammen mit Leuten wie zum Beispiel Richard Wolff oder Katharina Prelicz-Huber, beides nicht ganz Unbekannte in Zürich.

 

Womit wir bei der Politik sind. Jonas war politisch tätig, immer auch in den Parteigremien, aber auch als kommunaler und kantonaler Parlamentarier. Er hat viel geleistet – und er war seiner Sache immer gewachsen. Kein Haudegen, kein Extremist, klar grün. Und jetzt hat er richtig Mist gebaut mit seinem Vergleich, der gewaltig missverstanden werden will, aber das eben auch zulässt. Sein Rücktritt aus dem Nationalrat ist zwar nachvollziehbar, aber er macht mich wütend. Nicht nur, weil 99 andere an seiner Stelle nicht zurückgetreten wären, sondern im Gegenteil vermutlich sogar noch verbal einen draufgesetzt hätten. Sondern auch, weil wir es hier – jenseits von seinem ‹Vergehen› – mit einem Auswuchs einer politischen Praxis zu tun haben, die immer mehr davon lebt, dass die schnelle, geile Schlagzeile mehr wert ist als jahrelange Arbeit, dass das Wüten wichtiger ist als die Kompetenz. Wir haben es mit einer Verluderung der Politik zu tun, und niemand scheint sich dieser weder entziehen zu können noch zu wollen.

 

Es ist komplett unnötig, über Jonas’ Gesinnung zu spekulieren. Er ist kein Antisemit, kein heimlicher oder unheimlicher Anhänger menschenverachtender Haltungen, er ist kein Relativist und Verharmloser, und nie war er ein Sympathisant verschiedener braun angehauchter Tendenzen in der Ökologiebewegung, das kann ich aus langjähriger Zusammenarbeit bezeugen. Es ist daneben, ausgerechnet an ihm ein Exempel statuieren zu wollen, es ist widersinnig, an seinem Votum durchdeklinieren zu wollen, was ein anständiger Grüner oder was die anständige Linke denkt. Selbstverständlich verurteilen wir alle den Holocaust, ebenso wie niemand von uns, auch die BratwurstliebhaberInnen nicht, Tierquälerei wollen, auch wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Die von allen Seiten geäusserte Selbstgerechtigkeit ist zum Kotzen.

 

Zudem gefährlich. Es brauchte nur einen Satz, notabene im Zusammenhang mit Ernährung, und schon geht die Antisemitismusdebatte los. Jahrelang haben die Rechtsbürgerlichen uns ihre widerliche Agenda diktiert, mit Minaretten, Burkas, Asylschikanen etcetera: das scheint normal zu sein, so sind sie halt. Aber kaum vergreift sich ein Grüner im Ton, entdecken plötzlich alle ihr Sensibilität. Politische Wertedebatten gehen anders.

 

Jonas hat die Konsequenzen gezogen. Die Hysterie um sein Votum zeigt aber, dass wir weit von einer irgendwie gearteten ‹Normalität› entfernt sind.

 

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