Der Balken im eigenen Auge

Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Email to someone

Ich ärgere mich relativ regelmässig über die Artikel in der NZZ und anderswo, die den Meinungs- und Tugendterror der sogenannten Political Correctness anprangern. Zum einen, weil ich wenig von dieser therapeutischen Vorstellung halte, man müsse quasi all seine niederen Instinkte rauslassen.
Zivilisation ist schliesslich, das meinte schon Norbert Elias, Affektkontrolle. Es ist ein Fortschritt, dass wir nicht mehr jeden verprügeln, der uns schräg kommt. Genauso wie es ein Fortschritt ist, wenn Sexismus und Rassismus kritisiert werden. Dazu kommt, dass man nicht von amerikanischen Elite-Colleges auf die Gesellschaft verallgemeinern sollte. Mir begegnet in der Schweiz noch genügend politisch Unkorrektes. Auch offener Rassismus und Sexismus kommt durchaus vor. Wenn man das alles nicht sagen dürfte, dann hätte es doch einige Plakate, Politkampagnen, Vorstösse oder Reden in den letzten Jahren nicht gegeben. Aber bei jeder Überzeugung lohnt es sich dennoch, diese ein wenig in Frage zu stellen. Beziehungsweise die Frage zuzulassen: Was ist, wenn die anderen doch recht haben?

 

Der «Rochdale-Fall», zu dem ich eine beklemmende Dokumentation auf BBC gesehen habe, eignet sich gut dazu. In der Ortschaft Rochdale – ähnliche Fälle gab es aber auch in anderen Orten in Mittel- und Nordengland – hatte eine Gruppe von pakistanischen Männern junge englische Mädchen systematisch sexuell belästigt, vergewaltigt und teilweise zur Prostitution gezwungen. Diese jungen Mädchen, meist aus armen und problematischen Verhältnissen, wurden mit Alkohol und Drogen angelockt und dann mit einer Mischung aus Aufmerksamkeit und Drohungen gefügig gemacht.
Einigen waren diese Missbräuche früh bekannt: Die Mädchen vertrauten sich Sara Rowbotham, einer Mitarbeiterin einer Klinik für Frauen in Krisensituationen an. Rowbotham meldete sich bei der Polizei, bei den Sozialbehörden und stiess überall auf taube Ohren. Warum wurde nichts getan? Andrew Norfolk, ein ‹Times›-Journalist, der früh von der Geschichte hörte, aber Hemmungen hatte, ihr nachzugehen, glaubt, man habe vor allem Angst gehabt, dass falsche Kreise die Geschichte für ihre Zwecke ausnutzen könnten. Tatsächlich sprangen die Britisch National Party und andere rechtsradikale Kreise auf die Geschichte an. Junge weisse Mädchen werden von muslimischen Männern vergewaltigt – ein gefundenes Fressen für die Rechtsradikalen.

 
Doch der Film zeigt auch etwas anderes: Die Verachtung, die diese Männer den jungen Mädchen gegenüber an den Tag legten, beschränkte sich nicht auf die Täter. Sie zeigte sich ebenso bei der Polizei, bei den Behörden und bei der Staatsanwaltschaft. Jungen Mädchen, die von zuhause ausgerissen sind, die im Heim leben oder bei Pflegeeltern, die Probleme mit Alkohol und Drogen haben, die nie in ihrem Leben positive Aufmerksamkeit bekommen haben und darum leichte Opfer sind, glaubt man nicht. Man denkt, sie wären selber schuld, weil sie doch getrunken hätten und kurze Röcke trügen. Weil sie eben Schlampen seien.
Der Staatsanwalt, der am Schluss die erfolgreiche Anklage gegen die Täter führte war ein britischer Muslim mit pakistanischen Wurzeln. Sara Rowbotham, durch den Fall psychisch angeschlagen, verlor später ihren Job. Heute ist sie für Labour Gemeinderätin in Rochdale. Es stellte sich zudem heraus, dass sich der Haupttäter auch an nichtweissen Mädchen vergriffen hat. Und dass in einer anderen Ortschaft eine Gruppe von englischen Männern das gleiche Verbrechen beging. Trotzdem bleibt ein Unbehagen: Die Angst davor, den falschen Kreisen zu nützen, hat am Schluss eben diesen falschen Kreisen genützt. Heikle Themen brauchen eine differenzierte Betrachtung. Aber ignorieren darf man sie nicht.

 
Und dann ist noch diese Frage, wie man es denn mit der Meinungsfreiheit hat. Aktuell gerade von der NZZ in den Fokus gerückt: Der Fall Jörg Baberowski. Der Professor für osteuropäische Geschichte fühlt sich verfolgt. Der Grund: Eine kleine trotzkistische Partei (20 Mitglieder) hat ihm übel genommen, dass er eine Veranstaltung mit dem Trotzki-Biographen Robert Service organisierte, dessen Biografie den Trotzkisten nicht gefällt. Sie verteilten daher Flugblätter, um gegen die Veranstaltung zu protestieren. Baberowski verlegte daraufhin die Veranstaltung und liess sie durch einen Sicherheitsdienst beschützen – ein Vorgehen, das er im Nachhinein selbst als unglücklich bezeichnete. Seither werde er systematisch von dieser Gruppe diffamiert und angeschwärzt. Die Trotzkisten streiten dies ab. Als Baberowski zu einem späteren Zeitpunkt die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel kritisierte, weitete sich der Protest aus. Anlässlich eines Vortrags an der Universität gab es wieder ein Protest-Flugblatt. Diesmal vom Asta Bremen, dem Ausschuss der verfassten Studierendenschaft. Darin wurde Baberowski als «rechtsradikal» und «rassistisch» bezeichnet und ihm wurde vorgeworfen, er verherrliche Gewalt. Baberowski wehrte sich dagegen vor Gericht – allerdings erfolglos. In zweiter Instanz beschloss das Gericht, das Flugblatt des Asta Bremen sei im Rahmen der freien Meinungsäusserung zulässig.

 
Ich habe immer ein grundsätzliches Unbehagen davor, wenn man Veranstaltungen zu verhindern versucht oder wenn man jemanden niederschreit. Drohungen und Diffamierungen sind sowieso grundsätzlich indiskutabel. «Rechtsradikal», «gewaltverherrlichend» und «rassistisch» sind zudem ziemlich happige Vorwürfe, die man nicht leichtfertig erheben sollte.
Auf der anderen Seite scheint mir manchmal der Zorn der Gerechten, der einem da in den Feuilleton-Seiten der NZZ entgegen brandet, auch ein wenig einseitig verteilt. Zur Meinungsäusserungsfreiheit gehört nun einmal auch die Kritik an der geäusserten Meinung. Das ist nicht Zensur, sondern Diskurs. Hier vermisse ich zuweilen dann die Parteinahme für jene, die eben genau dies tun, und dafür bedroht und beschimpft werden. Wie beispielsweise Anita Sarkeesian, die es wagte, auf ihrem Videoblog sexistische Stereotypen in Computerspielen zu kritisieren, und seither nur noch unter Polizeischutz auftreten kann, weil sie von erzürnten Gamern mit dem Tod bedroht wurde. Der Journalist Jared Yates Sexton schreibt auf Twitter, er erhalte nach jedem Artikel über Trump Todesdrohungen. Es gibt zahllose andere Fälle – gerade Frauen sind vom Online-Troll-Mob besonders betroffen. Besorgte Leitartikel gegen diesen – oft aber nicht ausschliesslich rechten – Angriff auf die Meinungsfreiheit habe ich in konservativen Medien aber noch nie gelesen.

nach oben »»»