«Denkst Du, wir sind in Europa?»

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Bedenkenswert, verstörend, amüsant, banal. Das am 20. schwullesbischen Filmfestival PinkApple gezeigte aktuelle Filmschaffen beleuchtet wie gewohnt ein sehr breites Spektrum. Der Festivalbericht.
 
 

Nach Jahren des Coming-Out, der eigenen Geschichtsschreibung, Blicken über den eigenen Tellerrand und des politischen Kampfes ist es nur folgerichtig, dass mittlerweile auch die Auflösung einer langjährigen Partnerschaft Filmthema ist. Das eigene Unvermögen, die eigenen Bedürfnisse adäquat auszuformulieren und damit einhergehend auch die Erschwernis zwischenmenschlicher Kommunikation stellen sich rückblickend als der heimliche Rote Faden heraus. Inklusive der Komplettverweigerung also auch einer Verdrängung, die aufgestaut und unbeachtet, sich mitunter erschreckend als Gewaltausbruch Bahn bricht.
 
 

Zum Auftakt jedoch sei nicht verschwiegen, dass es auch Anlass gab, sich vor Lachen beinahe einzunässen. Das Paradebeispiel hierzu ist der Kurzfilm «Etage X» von Francy Fabritz. Eine akkurat gepflegte, etwas fülligere, etwas ältere Dame und eine etwas gestreng bis annähernd lustfeindlich gouvernantenhaft wirkende Dünne bleiben im Lift stecken. Frau kennt sich ja nicht, also entsteht ein gewisses verklemmtes Unwohlsein, begleitet von verstohlenen Blicken der Hilflosigkeit eventuell sogar Furcht vor der Situation. Die Fülligere indes plagt das noch dringlichere Problem einer drückenden Blase, was die andere zur überaus patenten, wenn auch reichlich ungewöhnlichen Hilfestellung verleitet, das Handtäschchen auszuräumen und als Notlösung anzubieten. Die Situation kippt ins Wagemutige und ein verwegener kleiner Klaps auf den Allerwertesten der sich Erleichternden führt in der Folge zu einer wortlosen, fast schon verschämt vorsichtigen Flagellation, die vom Ruck des wieder anfahrenden Fahrstuhls jäh unterbrochen wird, noch bevor sie sich in eine Wonne steigern kann. Flugs die äussere Erscheinung wieder hergerichtet, sieht das Publikum erst, als sich die Tür öffnet, dass der Lift in einem Warenhaus steht. Mit behutsamem, aber doch energischem Griff packt jede einen Henkel des Damenhandtäschchens, stellen es diskret in die Auslage und ziehen mit der dort zum Verkauf stehenden Entsprechung von dannen. Wieher!
 
 
Unbeschwert Drauflosfilmen
Das Belustigende aus den in einzelnen Clips den Filmen vorangestellten Strassenumfrage «Aber normal ist es ja gerade nicht…» der autonomen Frauengruppe ‹Homex AG› aus dem Jahr 1978 entwickelt sich aus der zeitlichen Distanz. Die Antworten auf Fragen wie «Was halten sie von Homosexualität?», aber auch «Was hat der Heterosexuelle für Probleme und wie könnte man ihm helfen?» sind genauso ungeschminkt, wie die erfrischend schelmische Do it Yourself-Unverfrorenheit mit spürbar subversivem Unterton der ernsthaft arbeitenden, aber auch sichtlich amüsierten Laienfilmcrew. «Entstanden ist Homosexualität in englischen Knabeninternaten, das weiss man», «bei Jungen kann man es leicht wieder umkehren», «einsperren kann man sie ja nicht gerade» stehen als Ausdruck einer Befremdung einer schon damals anzutreffenden Selbstverständlichkeit eines «es ist wie die Frage, ob jemand Kartoffeln mag oder nicht» gegenüber. Wird man sich nach der heiteren Erstreaktion gewahr, dass seither kaum vierzig Jahre vergangen sind und sich der öffentliche Diskurs wiewohl die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz in Zürich zwar entschieden verändert hat, beschleicht einen mitten im Schmunzeln auch eine Ahnung von der Zerbrechlichkeit der seither erstrittenen emanzipatorischen Errungenschaften.
 
 
Solcherlei Bedenken schiebt Carly Usdin im No-Budget-Film «Suicide Kale» schon in der ersten Einstellung mit selbstironischem Spott beiseite. Das Spiel auf der gesamten Klaviatur der Klischees über Lesben ist urkomisch mit zeitgleich deutlich hintersinniger Infragestellung der eigenen Klischee- und Zeitgeistentsprechung. Das oberflächliche Instantdating inklusive Fakeprofilen und der mit geheuchelter Coolness überspielten tatsächlichen Sehnsüchte zerlegt Carly Usdin während der Dauer eines Mittagessens in die Einzelteile und legt so den Blick hinter die Fassade frei. Das frischverliebte Paar Penn und Jasmine ist im perfekten Vorzeige­idyll der verpartnerten Billie und Jordan eingeladen. Sie leben dermassen vorbildlich, dass sie sogar ein Patinnenpaar für ihren Hund für die Fälle zur Hand haben, in denen sie sich streiten sollten. Solch negative Schwingungen würden den Hund ja unnötig verstören und die sämtliche Probleme antizipierende Zuvorkommenheit gehört zum Lebensziel, alles richtig zu machen. Allerdings bemerken die Eingeladenen schnell, dass der Haussegen mehr als schief hängt, und als sie zufällig eine Notiz finden, die einzig als Suizidandrohung interpretiert werden kann, ist die Fassade der unverbindlichen Zuneigung nicht mehr zu halten. Penn erfindet eine Grossmutter, die den Freitod wählte, um das Gespräch in diese Richtung zu lenken, und schwärmt vom Erfolg der danach nötigen jahrzehntelangen Therapie, worauf ein Gegenüber das Misslingen der eigenen beklagt und trotz Schwips nur noch mehr trinkt. Kurzum, es eskaliert und die ganze Lebensanstrengung, angepasst, korrekt, vorbildlich einem tief im Kopf festsitzenden Ideal zu entsprechen, zeigt ihre wahre Fratze des letztlich nicht haltbaren Selbstbetruges. Diese fast schon anarchisch selbstkritische Ironie ist derzeit bei den Männerfilmen leider überhaupt nicht auszumachen, was eine Besucherin mit der flapsigen und doch bedenkenswerten Bemerkung quittierte: «Wer in der Mitte der Gesellschaft landet, wird humorlos.»
 
 
Gesellschaftliche Ordnung
Die Bestrebung einer grösstmöglichen Anpassung an die herrschende gesellschaftliche Ordnung ist indes keinesfalls durchwegs sogenannt freiwillig. Selbst wenn sie, wie hierzulande, nicht nur als Uniformität, also negativ konnotierter Druck wahrgenommen wird, führen solche Überlegungen auf dünnes Eis hinsichtlich der nicht in jedem Fall von der Hand zu weisenden Nähe zum Komplex der Intoleranz oder gar zum Paradox der verinnerlichten Homophobie. Hui-chen Huang aus Taiwan versucht in «Small Talk», mit der direkten Ansprache Klarheit zu schaffen. Ihre Mutter Anu, ein Tomboy, die in den 1970er-Jahren arrangiert verheiratet wurde und den gewalttätigen Spieler bald aus dem Haus jagen konnte, war handkehrum auch nicht imstande, ihren beiden Töchtern die fürsorgliche Zuneigung wiewohl überhaupt irgend eine Ansprache zu erbringen. Komplett verschwiegen, lebte sie ihre Liebe zu Frauen in einem isolierten Rahmen und kratzte mit ihrem Tun letztlich am kulturellen Tabu der selbstverständlichen Bedingungslosigkeit von Mutterliebe. Als Hui-chen Huang selber Mutter wird, bedrängt sie ihre Mutter hartnäckig, endlich zu reden, befragt deren Geschwister und vermutlich auch Exfreundinnen. Selbst wenn die letzte Wendung dieses offensichtlich langjährigen Projekts darauf hindeutet, möglicherweise einen Knopf gelockert zu haben, ist der Film ein erschütterndes Zeugnis. Für die Folgen einer kollektiven Verdrängung, für die mit ihrem Anderssein irgendwie leben müssende Mutter und für die Konsequenzen für die Kinder, die keineswegs mental unversehrt erwachsen werden. Der Grad der Dringlichkeit für die Tochter, dieses Schweigen der Mutter endlich zu durchbrechen, trägt brachial wirkende Züge. Trotzdem und auch obschon die Verschwiegenheit der Mutter objektiv nachvollziehbar wird, nachdem sie unter Tränen endlich über ihr erlittenes Leid spricht, macht «Small Talk» unmissverständlich deutlich, dass beharrliches Totschweigen kein praktikables Konzept für eine ausgeglichene Existenz darstellt. Geschweige denn für noch weiterführende Erwartungen an ein Leben.
 
 
In der tunesischen Ernüchterung nach dem sogenannten Arabischen Frühling hat die ehemalige Femen-Aktivistin Amina Sboui zwar einen Schutzort für ausgegrenzte Personen in einer stattlichen Villa geschaffen, aber die schrille Überdrehtheit dieses bunten Haufens effeminierter Schwuler, Transgender und lesbischen Frauen vermag das reale Drama nicht zu übertünchen. Die offene Anfeindung durch einen Kellner im Restaurant ist da noch die vermutlich am einfachsten wegzusteckende Schmach. Die enorme Arbeitslosigkeit, vor allem aber das gesellschaftliche Fundament des Familienclans bietet nirgends Hand für eine der eindeutig festgeschriebenen Konvention abweichende Lebensführung. Wenn dann mit dem Hinschied der Mutter oder der ihr plötzlich nicht mehr möglichen, heimlichen Unterstützung der letzte Halt wegbricht, bleibt ausser der lebensgefährlichen Fahrt übers Mittelmeer oder gar dem direkten Abschied vom Leben ein Dasein in der Prositution bei gleichzeitig aggressivem Vernebeln der Sinne – also einem schicksalshaften Teufelskreis ins seelische und körperliche Elend. Trotz der etwas fahrigen Machart des Films und teilweise bedauerlichen Auslassungen stellt er in all seiner Unmittelbarkeit die Komplettheit der Ohnmacht der Situation und zeitgleich die hiesige Asylhandhabe in der Frage nach LGBT-Schutzbedürftigkeit als im mindesten zynisch dar.
 
 
Gesellschaftliche Veränderung
Auch nicht als gescheitert angesehene Revolutionen, wie jene in Kuba, sind in der Tendenz einer grundliberalen Haltung, alle sollten nach ihrer Façon glücklich leben können, nicht zuträglich. Obschon Carlos Lechuga seinen «Santa & Andrés» zeitlich in die 1980er-Jahre zurückdatiert, führte dessen Vorführung in New York – nach dem Verbot in Havanna – zu einer diplomatischen Verschnupftheit. Die meisten Dissidenten, Intellektuellen und weitere als konterrevolutionär Gebrandmarkte wie Homosexuelle sind entweder geflüchtet, inhaftiert oder tot. Der Schriftsteller Andrés kommt gerade aus der Haft, als ihm mit Santa eine Aufpasserin für die Dauer des ‹internationalen Friedensforums› aufs Auge gedrückt wird. Indoktriniert vom Gruppenführer Jesús, nimmt sie ängstlich vor Andrés’ Hütte Platz und wacht über dessen Hausarrest. Sie nimmt weder Getränke in der grössten Hitze an, noch will sie vorerst den Schutz der Hütte vor intensivem Regen annehmen. Der Verdacht geht um, Andrés arbeite heimlich an einem staatszersetzenden literarischen Werk und Santa sieht in ihrer eigenen misslichen Lage die buchstabengetreue Befehlsausführung als gute Parteisoldatin einen möglichen Ausweg aus der ärgsten Not. Vermutlich das ärgerlichste aus Sicht des Regimes ist die latent spöttische Haltung des Films. Denn buchstabengetreue Befehlsausführung kann zum Paradox führen, dass der Hausarrest nur tagsüber überwacht wird, was die gesamte Anlage in eine Lachhaftigkeit überführt, die dem Film viel von seiner thematischen Schwere nimmt. Die Homosexualität ist nicht der zentrale Erzählstrang, obschon Andrés einmal von einem stummen Jüngling zum Beischlaf gedrängt wird, und das in der Ausführung keinesfalls widerstandslos. Der ‹Verrat› passiert, als Santa Andrés am dritten Morgen halb verblutet mit einer sich sichtlich eigens zugeführten Schnittwunde findet, ihn ins Hospital bringt und eine Lügengeschichte erfindet, wie es dazu kommen konnte, um ihn vor der Strafe für den Suizidversuch zu bewahren. Die Verführbarkeit einer ideologisch Indoktrinierten durch bare Mitmenschlichkeit muss als Affront sondergleichen wirken. Andrés Rettung, nach einer beinahe ausgelassen gelebten neuen Freundschaft zwischen Wächterin und Bewachtem, besteht zuletzt in der potenziell heil überwindbaren Seedistanz zu den USA.
 
 
In Armenien sind homosexuelle Handlungen seit 2003 legal. Doch die Bevölkerung in diesem kriegsgeplagten Binnenland im Machtbereich von Wladimir Putin hat nicht ganz unverständlich mit drängenderen Problemen zu schaffen. Dass ein Dokumentarfilm aus Armenien nach Zürich ans PinkApple kommt, gehört schon als Tatsache zu den Glücksmomenten, wie sie schon in den vergangenen Jahren immer wieder vorgekommen sind. Denn Armenien ist ein Buch mit sieben Siegeln oder ein weisser Fleck, erst Recht hinsichtlich der Situation von LGBT. «Listen To Me», der Dokfilm von Hovhannes Ishkhanyan, vereint private bis intime Erzählungen über die Lebenssituation, die in ihren Nöten und Paradoxien weltweit Entsprechungen finden. Die allgemeine politische Lage ist augenscheinlich auch für die LGBT-Community in Jerewan, die gemäss den Worten der anwesenden Protagonistin Tsomak Oga aus nur mal gerade drei engagierten Personen besteht, eine ausreichend belastende Erschwernis für ein selbstbestimmtes alias zufriedenes Leben, die durch eine verschiedene sexuelle Identität quasi nur noch ein i-Tüpfelchen aufgesetzt bekommt, um sich wie viele im Film für ein Leben im Ausland zu entscheiden. Oder wie nur sehr wenige, den Kampf um Akzeptanz und Freiheit für einen alternativen Lebensentwurf aufzunehmen, koste es, was es wolle. Entsprechend der Vereinzelung und Verstecktheit muss der Film verhältnismässig wenig informativ über die generelle Lage von LGBT in Armenien bleiben, aber dass er existiert und sich Menschen fanden, die bereit waren, ihre Geschichte einer Kamera anzuvertrauen, ist schon als Ereignis zu werten.
 
 
Manch inszenierte Blicke in wenig bekannte Welten wenden absichtlich herbeigeführte Verfremdungen an, um ein Publikum nicht der ausweglosen Verzweiflung preiszugeben. Im Fall von «The Wound» des weis­sen Südafrikaners John Trengove, der darin das archaische Mannswerdungsritual der Beschneidung von Jünglingen in einer zweiwöchigen Abgeschiedenheit in der wilden Natur thematisiert, kann dieses Zurechtbiegen mit den Mitteln des Drehbuches leider auch ein Gschmäckle von voyeuristischem Exotismus bekommen. Dass es auch anders geht, beweist «In Between (Bar Bahar)» von Maysaloun Hamoud, dem diesjährigen Eröffnungsfilm von PinkApple. In einer Wohnung im hippen Tel Aviv versammeln sich als Mitbewohnerinnen drei sehr unterschiedliche Palästinenserinnen. Laila ist eine selbstbewusste Anwältin, die trinkt und raucht und gerne ausgeht und von ihrem jüdischen Freund endlich eine deutlichere Verbindlichkeit erleben möchte, als ihre bisherige Rolle der verheimlichten Geliebten. Salma ist Barkeeperin und DJ, Partyanimal und Küchenhilfe und einigermassen (un)zufrieden, sie schlägt sich halt durch. Zu diesen beiden ungleichen Freundinnen gesellt sich die strenggläubige Nur als Mitmieterin. Seit zwei Jahren ist sie mit Wissam verlobt, der sie nicht nur bevormundet, sondern ihr Leben nach seinen Vorstellungen ausrichtet und bestimmt. Schnell ist der Stab über ihrem Kopf gebrochen und das Wort ‹Hure› ausgesprochen, als er Nur in dieser Wohnsituation findet. Die Erniedrigung der Frau erhebt den Mann in seinem Selbstverständnis ins Recht, sie in sexueller Hinsicht auch so zu behandeln. Zwei Männerfiguren – ein vermeintlich liberaler und ein vermeintlich gottesfürchtiger – stellen sich in diesem Film als gleichermassen demselben archaischen Männerbild mit verschiedenem Anstrich zugehörend heraus. Nach der Vergewaltigung von Nur, die Wissam keinesfalls zu irgend einer Veränderung seines alten Verhaltens animiert – er geht nach wie vor davon aus, dass sie ihn selbst jetzt noch heiratet, ihm gehorcht und ihn rundumversorgt –, verbünden sich die drei ungleichen Frauen zum raffiniert ausgeführten Gegenschlag mit moralisch kaum tragbaren Mitteln. Die Figur von Nurs Vater, der seine Tochter nach dem Erkennen ihrer Notlage in Schutz nimmt und den Bräutigam zum Teufel jagt, ist hier neben der etwas gar exemplarischen Frauensolidarität über jedes Hindernis hinaus der Drehbuchkniff, der so etwas wie ein Quentchen Puderzucker über eine filmische Klageschrift über die Verlogenheit der Gesellschaft streut. Über die deutliche Feelgoodabsicht hinaus ist der Film formal eine Bereicherung und erzielt über den Abspann hinaus seine Wirkung. Denn Tel Aviv, ein vermeintliches Ausgehmekka, total tolerant mit dem grössten Christopher Street Day im Nahen Osten, ein LGBT-Paradies sozusagen, zeigt hier eine Innensicht aus der Perspektive von Frauen jeder sexuellen Identität, die grad diese touristisch grosszügig verteilten Lorbeeren aus einer Oberflächenansicht Lügen strafen. Ein klitzeklein zu forsch eingeforderter Kuss in der Halböffentlichkeit führt zun vorwurfsvoll-massregelnden Ausspruch: «Denkst Du, wir sind in Europa?»
 
 
Facetten von Gewalt
In ebendiesem Europa, genauer in den englischen Grossstädten, aber auch beispielsweise in Berlin, grassiert in der schwulen Partyszene ein in vielerlei Hinsicht komplett verstörendes Phänomen: «ChemSex». Der Dokumentarfilm von William Fariman und Max Gogarty manövriert einen auf direktem Weg über die Schwelle des Unverstehens hinaus ins Erschrecken, der auch mit Schnaps nur vorübergehend sedierbar ist. Junge Männer, die es sich leisten können – oder letztlich eben in der Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit enden – knallen sich einen sexuell stimulierenden Drogenmix rein und legen ganze Wochenenden lang los. Das schnell abhängig machende Crystal Meth, ein Pferdetranquilizer und das bei Fehldosierung rasch tödliche GBL kombinieren sie, als wären es Smarties. Ein Betreuer einer Fachstelle meint zu Beginn: «Das Fatale ist, die Drogen funktionieren». Gegen den Schluss wird mehr oder weniger klar, dass es sich hier um die praktische Umkehr der freud­schen Sublimierung handelt. Die Sehnsucht ist Liebe. Weil diese so auf die Schnelle nicht zu haben ist, nehmen diese Männer eine Drogenabhängigkeit, eine HIV-Ansteckung mit allen horrend auszumalenden Folgeerscheinungen in Kauf bis hin zur paranoiden Persönlichkeitsstörung. Gefühlt haben sie sich vom Alltagsmief ausgeklinkt, fühlen sich befreit, sorgenlos – und bar jeglicher Verantwortung für sich selber oder für andere. Der Satz, der vor Jahren schon einmal am PinkApple in einem Film zu hören war, dass jemand mit Absicht so lange ungeschützt rumfickt, bis er endlich mit HIV infiziert ist, damit er endlich diese Ungewissheit los ist, fällt auch hier wieder. Und ein persönlicher Bekannter, Therapeut mit entsprechender Behandlungserfahrung, beteuerte, diesen Satz verhältnismässig häufig zu hören. Im Film geben HIV-Negative in ihren Internetprofilen sogar an, sie wären positiv oder mit nicht mehr nachweisbarer Virenlast, nur um die Schuldgefühle der positiven Sexualpartner zu schonen, sie würden mit ihrem Tun das Virus absichtlich verbreiten. Leider war vor lauter gedrängtem Programm keine Zeit, hier tiefgründiger nachzufragen, was psychologisch hinter dieser Selbstzerstörungslust steckt. Klar wurde einzig, mit Absichtslosigkeit, Unwissen oder Zufall hat das überhaupt gar nichts zu tun. Verinnerlichte Homophobie in extremis? Drogenmissbrauch in der Partyszene gabs auch schon vor 25 Jahren, und in der vergleichsweise überschaubaren Zürcher Szene schon auch ExpontentInnen, die sich durch exzessiven Konsum eine Hirnzelle zuviel wegspickten, snifften oder schluckten. Diese neue Kombination aber rückt die Erinnerung an damals in die Nähe eines Kindergeburtstages.
 
 
Obschon Gewalt im Zentrum steht, ist «Jesús» von Fernando Guzzoni aus Chile filmisch eines der herausragenden Werke dieses Jahres. Vergleichbar mit Gus Van Sants «Elephant» entwickelt sich aus einem nächtlichen durch die Häuser ziehen der jungen Hauptfigur eine scheinbar komplett beifällig über die Gruppe hereinbrechende Gewaltlust. Wollten sie den beinahe k.o.-gesoffenen Fremden zuerst noch vor allfälligen tätlichen Übergriffen in Sicherheit bringen, entwickelt sich aus der drogengestützten Laune, ihn zu erniedrigenden Videos zu missbrauchen, der erste Fusstritt, das erste Flasche über den Schädel ziehen. Dieses gleichmütige Nichtbeteiligtsein legt Jesús auch in der Sexualität an den Tag. Ob er es sich auf dem Friedhof von einer «hässlichen» Frau besorgen lässt oder zuhause mit seinem besten Freund schläft, es scheint ihn alles überhaupt nicht zu tangieren. Und das, obschon er mittendrin ist. Genauso sind die Tränen nach dem Ausnüchtern kaum Anzeichen von Reue, sondern sehr viel wahrscheinlicher Ausdruck der baren Angst. Die Jungs sind nämlich in den Nachrichten, ihr Opfer schwebt in Lebensgefahr. Ab hier zerbröckelt sämtliche freundschaftliche Loyalität und jeder der Jungs versucht nur noch, seine Haut zu retten, und der älteste und kräftigste unter ihnen bedroht sie offenkundig mit dem Tod. Als Jesús Vater nach einer Woche Auswärtsarbeit heimkehrt und es nicht schafft, sich schützend vor seinen Sohn zu stellen – den er sonst einen Nichtsnutz zu schimpfen beliebt –, ihn vermeintlich ins Hinterland in Sicherheit bringt, zuletzt aber in irriger Sicherheit wiegend der Polizei ausliefert, erfährt der Film eine nochmalige Komplettinfragestellung sämtlicher Parameter.
 
 
Selbstschutz
Die Gewalt, die von den «Check It» genannten Gang in Washington DC ausgeht, ist im Gegensatz dazu vergleichsweise einfach nachvollziehbar. Eine Gruppe von jugendlichen Schwarzen, effeminierte Schwule, Transvestiten und Transidente haben sich zu einem prügelnden Mob versammelt. Alle wurden Opfer von HateCrimes, von Vergewaltigungen, Polizeischikane. Der gleichnamige Dokfilm von Dana Flor und Toby Oppenheimer zeigt, wie sie ins Boxtraining gehen, um nicht mehr so schwächlich zu sein, von vermutlich privatwirtschaftlich inszenierten Strukturen eines Fashionworkshops, nach dessen Durchlauf für drei besonders Begabte eine Assistenz bei einem grossen Designer während der New Yorker Fashion-Week lockt. Vermutlich sind die meisten von «Check It» obdachlos, die überwiegende Mehrheit verdient sich den Lebensunterhalt mit Prostitution, und sie verstehen ihre gewaltbereite Verteidigungshaltung als gesellschaftspolitisches Statement: «It’s not just about me», sagt einer in die Kamera, und der Boxtrainer, der über die lasche und unzuverlässige Arbeitsmoral klagt, stellt diese doch sehr spezielle Lebensform in den grösseren Kontext. Die Jungs, wie er sie nennt, hätten auf der Strasse eine Überlebenschance von fifty-fifty. In ihrer Situation, in ihrem Umfeld, mit ihrer Hautfarbe, mit ihrer Attitüde – was sollen sie tun? Sie schlagen sich im Wortsinne durch, halten sich am Leben und über Wasser. Den Stonewall-Riots, dem Ursprung der Homosexuellenemanzipation, ging auch Ausweglosigkeit und Ohnmacht gegenüber den polizeilichen Schikanen voraus, bis sich eine Handvoll zur tätlichen Gegenwehr als Verteidigungsstrategie entschloss.
 
 
Auch Frauen, die ihre Fäuste nicht bei sich behalten können, gehören zur Facette des Schwerpunktes Gewalt am diesjährigen PinkApple. Nicht zuletzt wegen der herausragenden Hauptdarstellerin Seana Kersklake in Darren Thorntons «A Date For Mad Mary» gehört auch dieser Film zu den diesjährigen Favoriten – die Publikumspreise werden erst nach Redaktionsschluss bekanntgegeben. Mary kommt grad aus dem Gefängnis und soll als Brautjungfer ihrer besten Freundin Charlene fungieren. Aber die Kommunikation klappt nicht mehr, Charlene weicht ihr aus, hat sie quasi schon mit einer mehr stromlinienförmigen Langweilerin ersetzt, was Mary natürlich nur noch mehr in Rage versetzt. Aus Trotz erfindet sie einen «plus one» für die Hochzeitsfeier und macht sich auf die Suche nach einem geeigneten Begleiter, den sie als Freund ausgeben kann. Ihre rüpelhaft prollige Ungeschminktheit vertreibt einen nach dem anderen. Der einzige Infragekommende wird von den anderen als stadtbekannter Schwuler erkannt, was für Getuschel und nochmalig intensivierte Ausgrenzung von Mary aus dem sozialen Leben führt. Sie ist drauf und dran, alles hinzuschmeissen, als sie der Musikerin Jesse begegnet und einem coup de foudre erliegt. So schnell ist aber eine alte Gewohnheit im Umgang mit Verunsicherung – das präventive Rundumsichschlagen – nicht abgelegt, und ehe es sich Mary versieht, ist auch Jesse wieder über alle Berge. Diese Zäsur, denn augenscheinlich geht die Anziehung über eine reine Frauenfreundschaft hinaus, benötigt zuerst Verdauungszeit, um den Trotz abklingen zu lassen und Mary zu ihrer bisher mutigsten Tat anzuspornen: Sich aufrichtig zu entschuldigen und um Verzeihung zu bitten.
 
 
Einen etwas flacheren Spannungsbogen, weil doch arg voraussehbar und insgesamt sehr viel einfacher gestrickt ist der College Coming-Out-Feelgoodmovie «Handsome Devil» von John Butler. Der rothaarige Aussenseiter Ned und der schöne Rugbystar Conor teilen ein Zimmer, nähern sich verstohlen einander an, ohne dass sich einer der beiden traut, irgendwas zu sagen. Eine Serie von Intrigen, Mobbing inklusive Prügeln und ein sich als ebenfalls schwul herausstellender Lehrer bilden die Komponenten einer sich zuletzt in Minne findenden Finaleuphorie.
 
 
Opfer ist auch James, der in Grant Sciclunas Thriller «Downriver», nach verbüsster Gefängnisstrafe für eine Kindstötung im Kindesalter auf die Suche nach Antworten für seine Zweifel macht. Als Epileptiker kann er sich an den genauen Tathergang nicht mehr erinnern. Am Ort des Verbrechens zurück, obschon er mit einem Kontaktverbot zum zweiten damaligen kindlichen Zeugen Alex belegt worden war, sucht er nach Indizien. Die gesellschaftliche Ausgrenzung spielt hier eine mindestens so dominierende Rolle wie die homoerotische Anziehung der jungen Männer zueinander. Der Film hat Facetten eines Horrorfilms, ist aber klassisch als Whodunit aufgebaut und zielt im finalen Dreh in Richtung Gesellschaftskritik bezüglich der Bereitschaft, sich physisch oder in Fragen krimineller Energie überlegenen Gewalttätern unterzuordnen und in corpore ein gemeinsam definiertes Opfer zu opfern.
 
 
Alte Liebe
«Lazy Eye» von Tim Kirkman, «Retake» von Nick Corporon und «Esteros» von Papu Curotto verhandeln alle auf verschiedene Weise das Wiederaufflammen von Gefühlen einer vergangenen Sehnsucht. «Retake» verpackt dies in eine regelmässig wiederholte Autoreise, zu deren Begleitung der einsame Jonathan sich jeweils einen für ihn passenden Sexworker von der Strasse holt und ohne Hintergrundwissen die Rolle von Brandon übernehmen lässt. Sein diesmaliger Begleiter aber, Adam, ist zu wissbegierig, zu klug und zu eigenständig, als dass sich der Plan nach Schema realisieren liesse. In «Lazy Eye» meldet sich der gutaussehende Alex nach fünfzehn Jahren wieder bei Dean, dem er damals mit einem unerklärten Verschwinden das Herz gebrochen hatte. Die Frage nach Verbindlichkeit und der Fähigkeit, die eigenen Wünsche der Sehnsucht entsprechend auch formulieren zu können, ist augenscheinlich, als die beiden Männer in einem Wochenendhaus in der Wüste ihre Amour fou von anno dazumal wieder aufleben lassen. Sie allerdings endet in einer Endlosschlaufe. Charmanter, wenngleich auch nicht überbordend originär ist «Esteros» aus Argentinien. Als Kinder erlebten Jerónimo und Matías die ersten gemeinsamen sexuellen Abenteuer, aber Matías Vater fand Arbeit in Brasilien und so verloren sie sich aus den Augen. Jetzt steht Matías unangekündigt wieder vor dem unterdessen offen schwul lebenden Künstler Jerónimo. Befeuert wird seine Sehnsucht nach dem Wiederauflebenlassen der ehemaligen Vertrautheit durch eine Krise mit seiner derzeitigen Freundin und Tochter seines Arbeitgebers.
 
 
Zwischen Andreas und Martin in Chris Mieras «Ein Weg» dauert die eheähnliche Verbindung beinahe fünfzehn Jahre, bis sie an der Unfähigkeit der Kommunikation langsam zerbricht. Angelegt wie eine Langzeitstudie ist dieser Diplomspielfilm eine grösstenteils authentisch wirkende Milieustudie jenseits einer Urbanität. Der Schreiner Andreas ist nicht besonders erfolgreich und als die Mutter des gemeinsamen Sohnes überraschend stirbt, übernimmt er zusammen mit Lebenspartner Martin die Betreuung. Papa und Dad durchleben Höhen und Tiefen, die hinsichtlich eines Paaralltags sehr präzis beobachtet und analysiert wirken, während die Reaktion der sie umgebenden Dorfgemeinschaft wiewohl der Einfluss auf beispielsweise den Schulalltag des heranwachsenden Kindes einfach aussen vor gelassen werden. Es ist klar, dass es um die abebbende Kommunikation als Beispiel einer möglichen Beziehungsbeendigung geht, aber auch eine solche existiert kaum je in einem luftleeren Raum. Im Ansatz ähnlich ist «CAS» von Joris van den Berg, wobei hier als Erschwernis einer emotionalen Balance der Partnerschaft zwischen Pep und George der augenscheinlich jüngere Cas tritt. Die Sehnsucht einer Ménage à trois kollidiert mit dem Gespenst der Eifersucht.
 
 
Zum Schluss noch was fürs Herz: Jochen Hicks’ «Mein wunderbares West-Berlin» dokumentiert die Geschichte des schwulen West-Berlin seit den 1950er-Jahren anhand von Interviews mit noch lebenden AktivistInnen, die die legendäre Hoch-Zeit miterlebten, die Katastrophe durch das Auftauchen von Aids und die heutige Kommerzialisierung der Hauptstadt nur mit sehr viel Mühe ertragen. Bedenkenswerte Sätze sind da zu hören. Die ehemalige Clubbetreiberin Romy Haag ist froh, dass sie ihren Club 1983 verkauft hatte, weil 1984 mit dem Aufkommen der ersten Darkrooms die Intoleranz Einzug in die Szene hielt. Ein weiterer der gealterten Kämpfer von den Gründern des Schwulenmuseums, den Spontiaktivisten der 1970er, den SchwuZ-Betreibenden, der Siegessäule- und der Teddy-Award-Gründer der Berlinale – kurzum allem massgeblichen Engagement für eine gesellschaftliche Gleichberechtigung von Homosexuellen – sagt den Satz, der den grössten Widerspruch auslöst und auch ihm selbst gegen den Strich geht, aber vermutlich den Nagel besser auf den Kopf trifft, als allen lieb ist: «Der Kapitalismus hat uns befreit, denn er braucht solche Hedonisten.»

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