Denker des religiösen Sozialismus

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Vergangene Woche verstarb Willy Spieler, ehemaliger Kantonsrat und Fraktionspräsident der SP, an Krebs. Er prägte mit seiner Zeitschrift ‹Neue Wege› den religiösen Sozialismus.

 

Ruedi Winkler

 

Als ich als SP-Neuling in der Mitte der Siebzigerjahre das erste Mal an einen SP-Parteitag ging,  sagte mein erfahrener Sitznachbar während einer Diskusson plötzlich: «Jetzt musst du aufpassen, jetzt kommt einer, der Stimmungen kehren kann.» Derjenige, der kam, war Willy Spieler. Er sah nicht so aus, wie damals ein typischer SPler auszusehen hatte. Er sprach nicht wie ein Politiker, er erinnerte mich mehr an einen Pfarrherr. Er wirkte nicht grimmig, eher heiter. Und trotzdem begriff ich im Laufe seines Votums schnell, warum Willy Stimmungen kehren konnte.

Später stiess ich dann zufällig auf die Zeitschrift ‹Neue Wege› mit dem Untertitel «Beiträge zu Christentum und Sozialismus». Für mich damals ein doch etwas überraschender Untertitel. Er weckte jedoch mein Interesse. Als Spross einer Familie, in der der christliche Glaube eine bedeutende Rolle spielte, wollte ich natürlich wissen, was in diesen Heften diskutiert wurde. Und damit lernte ich nach dem Parteitagsredner den Redaktor der ‹Neuen Wege›, Willy Spieler, kennen. Immer noch nicht persönlich, sondern übers gesprochene bzw. geschriebene Wort. Und beide waren ihm wichtig. Das Wort war sein Element, sein Werkzeug, sein zentrales Mittel, um seinen Platz im Leben zu finden und  für seine Ideen und Überzeugungen zu kämpfen.

Und das tat er mit Ausdauer, Beharrlichkeit, Esprit und grosser Sorgfalt. Texte mussten hohen Ansprüchen genügen. Aber entscheidend war der Inhalt. Bald entdeckte ich, als ich ihn noch immer nicht persönlich kannte, dass wir ein gemeisames Thema hatten: die Demokratisierung der Wirtschaft. Eine Gesellschaft, in der die Wirtschaft hierarchisch aufgebaut ist, ist keine demokratische Gesellschaft. Da waren wir uns einig. Wie aber dieses Ziel erreicht werden sollte, auf welchen Wegen und mit welchen Zwischenstationen, da waren sich der Direktor des Arbeitsamtes und Ökonom und der Publizist und Philosoph oft nicht einig.

Während unserer gemeinsamen Zeit im Kantonsrat des Kantons Zürich in den Neunziger Jahren lernte ich dann auch den Politiker Willy Spieler kennen. Dass er sich in einem Gremium, das das Wort parlare im Namen trägt, in seinem Element fühlen würde, war zu erwarten. Interessant aber war, wie rasch Willy Spieler mit den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des Parlamentes vertraut war und mit hoher Gewandtheit und taktischem Geschick auf dieser Klaviatur, ab 1996 auch als Fraktionschef der SP, spielte. Sein bürgerliches Outfit, seine freundliche Art und sein gewandter Umgang erleichterten ihm den Zugang auch zu den bürgerlichen Ratskolleginnen und -kollegen. Es war jedoch immer ratsam, seine Beharrlichkeit und seine Prinzipientreue nicht zu unterschätzen. Da konnte er dann, bei aller Freundlichkeit und Offenheit, sein Gegenüber auch sehr herausfordern.

Prägend für sein Berufsleben, seine persönliche und geistige Entwicklung, und Basis auch seiner darüber hinausgehenden publizistischen Aktivitäten und die rege Vortragstätigkeit war die Zeitschrift ‹Neue Wege› und der sie tragende Kreis der religiös-sozialen Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Während dreissig Jahren war er Redaktor. Er übernahm die Redaktion zusammen mit Albert Böhler 1977 in einer Phase, als die Existenz dieser Zeitschrift akut gefährdet war, und baute sie sukzessive zu einer geachteten und beachteten Stimme der religiös-sozialen Sache aus. Wie wichtig dieses Sprachrohr auch für Willy selbst war, geht aus seinem Satz, «es heisst, ich hätte die ‹Neuen Wege› gerettet, aber genau so richtig ist, dass die ‹Neuen Wege› mich gerettet haben» hervor.

Willy Spielers Werdegang war weder gradlinig noch ohne Brüche. In einer angesehenen katholischen Familie in Glarus geboren, wurde er streng katholisch erzogen, «Mama unternahm alles, um mich so katholisch wie ihr möglich zu erziehen. Selbst die Dienstmädchen mussten katholisch sein, um meine ‹Einkirchlichung› so früh wie möglich in die Wege zu leiten», schreibt er. Nach einer offenbar ziemlich turbulenten Zeit an der Stiftsschule Engelberg besuchte er dann das Gymnasium in Luzern. Zur Zeit an der Stiftsschule schrieb er später den über ihn sehr aufschlussreichen Satz:  «Im Rückblick bewundere ich die damaligen Patres, die uns in ihrer Selbstlosigkeit im Einsatz um das Reich Gottes beispielhaft vorausgingen, ganz anders und im Letzten doch vergleichbar meinen älteren Freundinnen und Freunden aus der religiös-sozialen und aus der kommunistischen Bewegung.»

Nach der Matura begann er ein Jus-Studium. Er wurde Zentralpräsident des katholischen Schweizerischen Studentenvereins STV und lernte dort die «Innenausstattung des politischen Katholizismus kennen», der die Gläubigen vor allem dazu benutzte, sie «für Gott und Vaterland in Stellung zu bringen und den alten Antisozialismus zu pflegen.» Die Dissertation beendete er «trotz tausender von geschriebenen Seiten und Notizen» nicht. Er scheiterte an seinen eigenen hohen Ansprüchen. Im Militär wurde er Offizier und überstand gemäss seiner Aussage die WK- und EK-Zeiten nur dank Unterstützung verständnisvoller Militärvorgesetzter. Denn bereits in dieser Zeit beschäftigte er sich zunehmend mit dem Pazifismus.  Am 1. Juni 1965 trat er in die SP ein und «wurde über Nacht vom gefeierten STVer zur verfemten Unperson».

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Damit hatte er den entscheidenden Schritt zu dem Willy Spieler gemacht, den wir in den letzten Jahrzehnten kannten und schätzten. Den Willy Spieler, der wortstark und unbeirrt seinen Weg ging und sich bis in seine letzten Tage für eine solidarischere und gerechtere Welt einsetzte. Willy, wir danken dir.

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