Dekadenz

Wer alles hat und sich in der Wohlfühlwatte unter seinesgleichen verbarrikadiert, ist gefährlich leicht verführbar – zu allem.

 

Während der letzten Schlittenfahrt durch den Schiffbau verwendete Schorsch Kamerun die mobilen Ränge zur physischen Spannungssteigerung auf dem Weg ins Schloss der «Schneekönigin». Jetzt benutzt Karin Henkel denselben Trick, um die noble Distanziertheit gegenüber jedweder Verbindlichkeit zu illustrieren. Dabei wird doch Hans Castorp (Carolin Conrad/Lena Schwarz) gleich zu Beginn vom Kurpfuscher alias Magier Krokowski (Ludwig Boettger) mit der hypnotischen Suggestion «Sie müssen vertrauen» von sämtlicher Eigenverantwortung losgesagt. Der Alternativarzt und sein Widerpart aus der Schulmedizin Behrens (Michael Neuenschwander) arbeiten in «Die grosse Gereiztheit» nach Thomas Manns «Zauberberg» mit derselben Methode der Verführung, der Verlockung, der Verheissung. In einer noblen Ambiance mit weiss gedeckten Tischchen, einem endlos weit schweifenden Blick auf die Monumentalmacht der Natur oder wahlweise der Schöpfung, liegt es, bei geeigneter Prädisposition zum Selbstmitleid, doch schon sehr nahe, sich das Suhlen im Leid als einen Hochgenuss einzurichten. Die Abgeschiedenheit des Sanatoriums in Kombination mit einer geballten Ladung an menschlicher Lethargie und dem gleichzeitig chorischen Liebäugeln mit der Selbstaufgabe, birgt die klitzekleine Gefahr einer Anfälligkeit auf Manipulation. Rückt diese dann auch noch im Gewand eines jugendlichen Enthusi­asmus und einer sich in der Intensität steigernden Bettelwiederholung aus dem Mund von Joachim Ziemssen (Christian Baumbach) in die Nähe eines Glorienscheins à la Heldentat, wird jedweder Effort zur Gegenwehr systematisch zerbröseln und dafür das Hurragefühl verinnerlicht. Solche Mechanismen können hartnäckige Menschheitsgeisseln werden, was dieser fulminante Husarenritt – nicht gänzlich ausgeschlossen, uns Publikum recht aktuell ermahnend – mit viel Pomp und elfengleicher Leichtigkeit demonstriert. froh.

 

«Die grosse Gereiztheit», bis 17.6., Schauspielhaus, ZH.

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