«Das Rad zurückdrehen geht nicht»

Eine Sprache, die sowohl Frauen wie auch Männer einschliesst, beschäftigt nach wie vor die Gesellschaft. Doch wie ist es überhaupt zu einer sprachlichen Differenzierung der Geschlechter gekommen? Das erklärt die Linguistin Gerda Baumgartner im Gespräch mit Zara Zatti.

 

Die Debatte um die geschlechtergerechte Sprache tobt schon lange. Nerven Sie sich, wenn das Thema wieder aufgegriffen wird?
Gerda Baumgartner*: Einerseits finde ich es gut, wenn geschlechtergerechte Sprache immer wieder Thema ist, denn ich stelle fest, dass sich die Debatte in letzter Zeit eher wieder rückwärts bewegt. Ich frage mich dann teilweise, ob die Debatte überhaupt je stattgefunden hat. Mich nervt es aber, wenn man heute wieder Dinge infrage stellt, über die wir schon vor langer Zeit diskutiert haben.

 

Was wird denn heute wieder infrage gestellt?
Es fällt immer wieder der Begriff Gender-Unfug. Man stellt also generell infrage, dass Gender, verstanden als soziales Geschlecht, etwas mit Sprache zu tun hat und eben auch sprachlich mitkonstruiert wird. Ausserdem hört man oft das Argument, dass die Lesbarkeit eines Textes unter der geschlechtergerechten Sprache leide und die Sprache damit zerrüttet werde. In Bezug auf die Lesbarkeit, weiss man, dass das nicht stimmt, zumindest nicht bei der Schreibweise mit dem Binnen-I. Beim Binnen- I und auch bei der Paarformel, also wenn man die männliche und die weibliche Form nennt, zeigt die Forschung klar, dass die Lesbarkeit nicht erschwert wird. Vielmehr wird damit das geschlechtergerechte Denken gefördert. Zu neueren Schreibweisen mit dem Gender-Sternchen* oder dem Gender_Gap gibt es momentan noch keine Studien. Ich bezweifle aber, dass diese zu Leseproblemen führen, denn die Menschen gewöhnen sich etwa durch Sprachkontakt schnell an neue Schreibweisen. So haben wir uns heute auch an andere Wörter mit Binnenmajuskeln gewöhnt, etwa WhatsApp oder EuroCity.

 

Wenn Sie einen Text schreiben, was für eine Form verwenden Sie in Bezug auf Personen?
Ich schreibe momentan eine grössere Arbeit und überlege mir deshalb zur Zeit wieder, welche Form sich am besten eignet. Bis jetzt habe ich immer die Paarformel verwendet, also etwa Studenten und Studentinnen, ich tendiere nun aber dazu, auch andere Schreibweisen zu berücksichtigen. Auch das Binnen-I überzeugt mich durch seine einfache Schreibweise und die gute Lesbarkeit. Ausserdem macht man damit die weibliche Form sichtbar und vereint beide Formen quasi in einem Wort. Betrachtet man die letzten 200 Jahre, in denen die männliche Form bevorzugt wurde, erachte ich es als ausgleichende Gerechtigkeit, eine Schreibweise zu wählen, die die weibliche Form fördert. Ich überlege aber auch, eine neuere Form zu verwenden, etwa die Sternchen-Form, das die Binarität der Geschlechter grundsätzlich infrage stellt und den Blick auf soziale Geschlechter erweitert.

 

Sie sind Linguistin. Empfinden Sie es als sprachlich unnatürlich, wenn Sie das Binnen-I verwenden?
Aus linguistischer Perspektive ist es natürlich ein bewusstes Merkmal, das man einsetzt, um einen gewissen Effekt zu erzielen. Für mich ist die Paarformel die natürlichste Form, denn diese verwende ich auch im mündlichen Sprachgebrauch. Man muss sich aber auch die Frage stellen, was natürlich und unnatürlich überhaupt bedeutet, gerade im Zusammenhang mit der Sprache, die von ihren Sprecherinnen und Sprechern immer wieder bewusst oder unbewusst verändert wird. Es ist normal, dass man gewisse Innovationen in eine Sprache einfliessen lässt, etwa Bezeichnungen für neue Dinge. Auch Normen der Rechtschreibung werden von Menschen immer wieder neu festgesetzt und ausgehandelt, sie ändern sich laufend. Es gibt also immer ein Wechselspiel zwischen der Gesellschaft und der Sprache. Auch gesellschaftliche Rollenbilder von Mann und Frau und Normvorstellungen haben in verschiedenen Bereichen der Sprache Spuren hinterlassen.
Die Sprache beeinflusst die Wahrnehmung der Gesellschaft. Wie man bei sogenannten Assoziationstests festgestellt hat, nennen viele Personen bei der Frage, «wer ist dein Lieblingsschauspieler», nur oder vermehrt Männer.
Genau. Die unmarkierte Form wird bei Personenbezeichnungen ja als Gene-
risches Maskulinum bezeichnet, als Form also, die geschlechtsübergreifend wirkt und sich nicht spezifisch auf das männliche Geschlecht bezieht. Ob tatsächlich beide (biologischen) Geschlechter gemeint sind oder nur das männliche, ist nur schwer zu ermitteln. Als Mann ist man dabei garantiert mitgemeint, als Frau immer nur vielleicht. Dass sich diese unmarkierte Form gerade bei Berufsbezeichnungen ausbreiten konnte, hängt klar mit gesellschaftlichen Prozessen zusammen. Vor 100 Jahren konnte man sich nämlich bei der Bezeichnung «die Lehrer» ziemlich sicher sein, dass tatsächlich nur Männer gemeint waren, da keine Frauen diesen Beruf ausgeübt haben. Viele psycholinguistische Studien zeigen, dass solche generischen Formen heute eben nicht geschlechtsübergreifend wirken, sondern auf Rezipientenseite immer zuerst das Bild eines Mannes hervorgerufen wird.

 

Es gibt auch die Meinung, dass das generische Maskulinum dann funktionieren wird, wenn die Gesellschaft in Bezug auf die Vertretung von Männern und Frauen in der Berufswelt ausgeglichen ist. Dass man dann also bei «die Professoren» gleichermassen an Frauen wie an Männer denkt.
Das Rad zurückdrehen geht nicht. Zu stark wirkt die Mann-als-Norm-Vorstellung, die unter anderem durch das generische Maskulinum gestützt wird. Zudem wirken auch die Bestrebungen der geschlechtergerechten Sprache dagegen. Zur Differenzierung werden häufig beide Formen – Professoren und Professorinnen – genannt, was den Effekt erst noch verstärkt, dass man bei «der Professor» ausschliesslich an einen Mann denkt. Das Genus bei Personenbezeichnungen ist im Deutschen ganz stark mit dem biologischen Geschlecht (Sexus) und den damit verbundenen Geschlechterrollen (Gender) verknüpft. Damit werden kulturelle Geschlechterrollen durch das generische Maskulinum auch mitkonstruiert.

 

Wie ist das überhaupt entstanden, dass man das biologische Geschlecht am Genus erkennen kann?
Grundsätzlich hat das grammatische Geschlecht eines Substantivs, ausgedrückt am Artikel «der, die, das», nichts mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht zu tun. In der Linguistik spricht man dabei von einer Nichtkorrelation von Genus und Sexus. Dass es «der Tisch» heisst, dient der Deklination eines Substantivs und der Bezugnahme im Satz. Eine auffällige Ausnahme bilden aber diejenigen Substantive, die Personen bezeichnen, denn dort korreliert Genus mit Sexus. Man vermutet, dass dies in der Entwicklung der deutschen Sprache nicht von Beginn an so war, sich also diese Differenzierung erst mit der Zeit entwickelt hat. Die deutsche Sprache hat das ursprüngliche Genussystem ausgebaut und zur Markierung von Geschlechterunterschieden genutzt. Andere Sprachen, etwa das Englische, haben diese Entwicklung nicht mitgemacht. Man geht davon aus, dass auch für die Ausbreitung des Genus-Sexus-Prinzips bei Personenbezeichnungen die gesellschaftlichen Umstände eine Rolle gespielt haben. Die soziale Geschlechterrollen- und Arbeitsverteilung, wie sie sich im 19. Jahrhundert etabliert hat, führte zu einer verstärkten Markierung von Geschlecht in der Sprache. Dass der Mann gesellschaftlich eine wichtigere Rolle gespielt hat, hat sich über die Jahrhunderte in der Grammatik niedergeschlagen.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich befasse mich in meiner Arbeit mit neutralen Frauennamen, also dem Sprachphänomen, dass es in gewissen deutschen Dialekten möglich ist, eine Frau mit einem neutralen Namen oder Pronomen zu bezeichnen, z.B. s Anna (statt d Anna) und ääs (statt sii). Bei Männernamen geht das mit einigen spannenden Ausnahmen nicht. Dass eine solche Neutralisierung fast nur für Frauen möglich ist, weist auf eine weitere Asymmetrie in der deutschen Sprache hin. Auch Verkleinerungsformen von Namen, etwa s Anneli sind in Bezug auf eine Frau neutral, in Bezug auf einen Mann aber meist maskulin: de Ursli. Das Konzept der Verkleinerung scheint zu einem gewissen Frauenbild zu passen. Doch das Neutrum ist nicht einfach nur abwertend. Es hat auch viel mit sozialer Nähe, mit familiärer Vertrautheit zu tun, was wiederum ein gewisses Genderkonzept zum Ausdruck bringt; dasjenige der Frau als Zuständige für Familie und Fürsorge. Gewisse grammatische Zustände in der Sprache kann man also durchaus mit gesellschaftlichen Umständen in Verbindung bringen.

 

Das Genus hatte ursprünglich nichts mit dem Sexus zu tun. Hätte sich demnach auch ein generisches Femininum herausbilden können?
Rein theoretisch ist auch ein generisches Femininum denkbar, nur gibt es dies in kaum einer Sprache dieser Welt. Weibliche Berufsbezeichnungen stellen meist eine Ableitung der männlichen Formen dar, konnten also nicht zuerst gebildet werden. Interessant ist, dass man im Zuge der Bemühungen nach einer geschlechtergerechten Sprache versucht hat, auch das generische Femininum zu verwenden. An der Universität Leipzig beispielsweise wurde das generische Femininum eingeführt; Professoren sind dort also Professorinnen. Das Problem dabei ist, dass dies auf der Rezipientenseite weniger gut funktioniert als das generische Maskulinum. Um geschlechtergerechte Sprache zu thematisieren und gewisse Mechanismen zu durchbrechen, eignet sich eine solche Umkehrung meiner Meinung nach aber gut.

 

*Doktorandin an der Universität Freiburg/Fribourg und wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Forschungsprojekt zu weiblichen Rufnamen im Neutrum

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