Daheim

Ich bin grundsätzlich viel besser in Krisen. Ich würde sogar sagen, dass ich ein grosses Talent habe für das Verbreiten von Hoffnung und guter Stimmung im Tal der Tränen. Ein mir nahestehender Historiker zitiert gelegentlich diesen einen General, der, sich im Krieg befindend und ziemlich am Ende, aus dem Schützengraben hinaus an seine Vorgesetzten telegrafiert haben soll: «Die Lage ist aussichtslos, wir greifen an.» Das bin ich. Das ist so ungefähr mein Spezialgebiet.

 

Deshalb hatte ich am Sonntagabend nichts zu tun. Das Wahlfest wurde tatsächlich ein Fest und ich hatte es so nicht kommen sehen. Und so bestellte ich im Volkshaus nach den Hacktätschli eine Weile später auch noch den Fleischkäse (ich rauche gerade nicht, und es fiel mir nichts besseres ein), trank vom offerierten Weisswein und las, was online an Kommentaren bereits verfügbar war, und als ich die durch hatte las ich, was in den letzten Wochen über diese Wahlen geschrieben worden war. Ich wollte verstehen, warum ich mich so getäuscht hatte.

 

Ich fand das Interview mit Michael Hermann wieder. Die rot-grüne Mehrheit in der Stadtzürcher Regierung werde als Abweichung von der Norm wahrgenommen. Nur deshalb sei sie überhaupt Thema im Wahlkampf, obwohl sie erst 28 Jahre jung ist und demgegenüber die 150-jährige Herrschaft von rechts im Kanton Zürich medial nie in Frage gestellt wird. Sie gilt als normal.

 

Noch während dem Fleischkäse (den ich zwar nicht ganz fertig essen konnte, ich hatte mich etwas überschätzt nach den Hacktätschli) setzte sich ein Genosse zu mir. Jetzt dürfen wir einfach nicht überheblich werden, sagte er. Demut ist angesagt! Er war nicht der Einzige an diesem Abend. Noch in Momenten des grössten Triumphs versuchen wir uns zu zügeln und sind uns bewusst, dass wir nun breit abgestützte Lösungen anstreben sollten, wie unser Fraktionschef Davy Graf sagt, obwohl wir im kommenden vierjährigen Powerplay auch im Alleingang alles durchbringen könnten. Das ehrt uns. Einerseits. Andererseits entblösst es etwas Furchtbares: Wir selbst finden diesen Erfolg  wohl ein wenig unnatürlich. Eine Abweichung von der Norm. Und deshalb fällt uns als Erstes ein, dass wir Rücksicht nehmen und uns zurückhalten müssen. Wir sind der Logik, dass diese rot-grüne Mehrheit nur eine Laune der Natur ist und deshalb irgendwann wieder verschwindet, selber aufgesessen. Ich an vorderster Front.

 

Warum? Ich habe vergessen, wofür wir stehen, wie stark es ist und wie einfach eigentlich. Ich habe vergessen, dass sehr viele Menschen in dieser Stadt seit vielen Jahren ein sehr gutes Leben haben, dank der linken Politik, die sie an der Urne immer wieder bestätigen. Das ist keine Laune der Natur, die offene Stadt Zürich ist der Wunsch einer überwältigenden Mehrheit. In der jüngsten Vergangenheit ist die Schweiz insgesamt nach rechts gerutscht und regiert übermächtig, so Hermann. Auch international legt die Rechte stark und beängstigend zu. Das habe den Widerstandsgeist der linken Städterinnen und Städter geweckt, sie wollen ihre letzte Bastion der Offenheit gegenüber der Abschottung und sozialen Kälte verteidigen.

 

Schon früh verliess ich das Wahlfest. Während ein paar wenigen Metern hörte ich noch die bekannten und vertrauten Stimmen der Menschen, die vor dem Volkshaus standen und freudig und aufgeräumt diskutierten. Dann wurde es stiller. Aber die Vertrautheit blieb, denn ich lief durch meine Stadt, die gerade sehr laut und sehr deutlich Ja gesagt hatte zu einer Politik der Offenheit und Grosszügigkeit allen Menschen gegenüber. Ich war daheim, noch lange bevor ich die Haustür hinter mir zuzog.

 

Andrea Sprecher

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