crazy / weglaufen

Als die Abendzeitung meiner Wahl noch gedruckt vorlag, las ich gerne die Single-Seite. Besonders interessant fand ich, dass viele der jungen Paarungswilligen zur Beschreibung ihrer Einmaligkeit angaben, sie seien «crazy». Mir schien das stark übertrieben. Ich sah ganz normale Menschen mit einem gewöhnlichen Arbeitsalltag und landesüblichen Hobbys, die sich auf den Fotos artig zurechtgemacht im Party-Ambiente zeigten. Daraus schloss ich, dass Verrücktheit wohl eine Art Alleinstellungsmerkmal der heutigen Jugend ist – jene spezifische Eigenschaft, mit der sie sich den Normen der Elterngeneration entziehen kann.

 

In meiner Jugend war das anders. Niemand hätte sich freiwillig als verrückt bezeichnet. Dafür war es damals gang und gäbe davonzulaufen. Zwar kannte ich niemanden, der/die tatsächlich abgehauen war, aber es gab massenweise vom Topos des Ausreissens durchwirkte Kunst. Etwa Jane Austens Klassiker «Pride and Prejudice», in dem die kleine Schwester der Hauptfigur mittels Durchbrennen einer arrangierten Heirat entgeht (während sie das Heiraten selbst nicht infrage stellt). Oder den Beatles-Song «She‘s leaving home», der auf einer Zeitungsmeldung von 1967 beruht, wonach eine 17-Jährige das Auto der Eltern entwendete und spurlos verschwand. McCartney wird zitiert, er habe die Geschichte in der ‹Daily Mail› gelesen, so etwas sei damals häufig vorgekommen, und das habe ihn zum Song inspiriert. Die echten Eltern beteuerten, sie wüssten nicht, was der Anlass zur Flucht sei – das Mädchen habe von ihnen alles bekommen; im Song wird interpretiert, sie habe zuhause eben nur materielle und keine emotionale Zuwendung erhalten. Die «Runaways» – von 1975 bis 1979 die Rockband um Joan Jett – trugen das Weglaufen direkt im Bandnamen. Diese Beispiele zeigen eine gewisse Romantisierung oder Glorifizierung des Lebens auf Achse. Anders Agnès Vardas Film «Sans toit ni loi» von 1985: Die Landstreicherin, der das filmische Auge quasi dokumentarisch folgt, erfriert am Ende elendiglich auf einem Acker.

 

Das romantische Versprechen des Ausreissens war wohl, dass es jenseits der gesellschaftlichen Zwänge einen Ort geben könnte, wo eine eigentlichere Selbstverwirklichung möglich wäre. Die ernüchternde Einsicht hingegen ist, dass es ausserhalb des rigiden gesellschaftlichen Diktats erst recht kein Überleben gibt.

 

Nun ist das Diktat tatsächlich abgeschafft: Die Elterngeneration bleibt selbst ewig jugendlich, Ausreissen ist der konsumistischen Form exzessiven Herumreisens gewichen, Selbstverwirklichung ist Pflicht. Sind wir nun alle frei? Leider nein. Mit dem Untergang des starren Korsetts gesellschaftlicher Normen ist auch dessen Jenseits, das verheissungsvolle Anderswo, verschwunden. Da bleibt nur noch die Flucht in den Wahnsinn: Statt wegfahren aus der Haut fahren, statt an den strengen Gesetzen an sich selber verzweifeln. Das ist die todernste Kehrseite der fröhlich zelebrierten «Crazyness». Aus meinem Berufsalltag weiss ich, dass Selbstverletzungen, Lebensmüdigkeit und Essstörungen bei Adoleszenten immer mehr um sich greifen. Und die Schweiz hat einer der höchsten Selbstmordraten unter Jugendlichen weltweit. Die vielen psychisch angeschlagenen Jugendlichen finden kaum einen Platz in der Jugendpsychiatrie, da deren Institutionen überfüllt sind – und zwar mit jüngeren Kindern. Das ist wahrlich … zum Davonlaufen!

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