Brise von Paris

Radio SRF 1 stimmte schon am Donnerstag ins Thema ein: «Ist Fliegen viel zu billig?» Hitzesommer und Ferienbeginn waren Aufhänger für den ritualisierten Streit. Nationalrat gegen Nationalrat, Thomas gegen Thomas. Hardeg­ger (SP), ehemaliger Präsident der Flughafengemeinde Rümlang, gegen Hurter (SVP), Aerosuisse. Der rühmte die von der Branche getätigten Investitionen. Weil weltweit immer mehr Leute reisen, sei Innovation gefragt. So schob er Hardegger in die Rolle des Fortschrittsfeindes, der dem Volk die Vergnügen vergönnt. Erstmals hörte ich bei dieser Gelegenheit, dass Fernflüge mit Umweg über Dubai speziell günstig sind.

 

Stach mir darum die Anzeige der ‹Emirates› im Wochenend-‹Magazin› ins Auge? Gleich neben dem Editorial: «Geniessen Sie das höchste der Gefühle in Dubai.» Eine grossartige Architektur, atemberaubende Sehenswürdigkeiten. «Buchen Sie Ihren Flug noch heute.» Zweimal täglich ab Zürich mit über 100 Destinationen weltweit. Damit war der Kontrapunkt zu den durchaus lesenswerten Sachtexten gesetzt. «Wie sollen Wissenschaftler über den Klimawandel reden?» Auch die ‹Wissen›-Seite des TA warf die Frage in einem Porträt von Klimaforscher Andreas Fischlin auf. Durch die Beschlüsse von Paris geriet der IPCC als Vermittler zwischen Experten und Politik extrem unter Druck. «Wir sind an der Grenze der Überforderung.» So grosses Ziel, so wenig Zeit.

SRF am Montag: Am frühen Morgen wird der Zwischenbericht des Klimarates präsentiert. Bei einer Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 statt 2 Grad seien weit weniger Schäden, Zerstörung und Opfer zu befürchten. Nur ein halbes Grad; der Unterschied wäre enorm. Ist das machbar? «Mit noch nie dagewesenen Anstrengungen.» Alle müssten mehr tun. Noch weht die Brise von Paris. Fischlin: «Das nächste Jahrzehnt ist ausschlaggebend.» Bern lässt verlauten, die politischen Entscheide werde das Parlament fällen, doch der Bundesrat überprüfe seine Langfriststrategie.

Mittags eine neue Meldung: Auch bei der Vergabe des Wirtschaftspreises in Stockholm standen nachhaltige Innovationen im Zentrum. Das wird im Abend-‹Echo› als Schwerpunkt kombiniert kommentiert. Nur technologischer Fortschritt reicht nicht. Politik ist gefragt.

 

Damit klang auch an, was die Akademie der Naturwissenschaften im ‹factsheet› ausführte, das der Medienmitteilung zum Klimabericht beigefügt war. Es wurde weniger beachtet, ist aber wichtig, denn der Ruf nach sogenanntem Geoengineering wird lauter. Könnten wir die Sonneneinstrahlung beeinflussen, wären keine drastischen Massnahmen gegen CO2-Emissionen nötig. Viele hören das gern. Ist es «sinnvoll, überhaupt machbar und, wenn ja, zu welchem Preis»? Trotz der üblichen Vorsicht wird auf den acht Seiten klar genug, dass diese Alternative «erst in der Theorie» existiert, allenfalls kleinformatig getestet wurde und auch «ethische Fragen der globalen und regionalen Gerechtigkeit» aufwirft. Sicher könne sie kein Ersatz für die Bemühungen um «rasche und nachhaltige Emissionsminderungen» sein.
Auch der Kommentar im ‹Tages-Anzeiger› betont diese Forderung an die Politik und an alle. Obwohl der Bericht «keine neue Botschaft» enthalte. Auf einer Seite weit hinten fand sich ganz unten eine Glosse: «Sie fliegt selten mit dem Flugzeug. Kürzlich tat sie es und wunderte sich, dass mittlerweile die Taxifahrt von ihrem Wohnort am Stadtrand bis zum Flughafen bald mehr kostet als der Flug selbst.» Wir sind wieder im Alltag gelandet.

 

Hans Steiger

 

Das erwähnte Faktenblatt und vieles mehr via www.naturwissenschaften.ch

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