Brainstorming

Daseinszweck oder Systemfehler? «Les reines prochaines» stellen sich in ihrer Jubiläumsrevue «Let’s sing Arbeiterin*» über eine umfassende Infragestellung von Arbeit nichts geringerem als der Sinnfrage.

 

Thierry Frochaux

 

Der etwas lange Anlauf wird sich zum Schluss als lohnend herausstellen, denn erst Zusammenhänge offenbaren Muster, Fortschritte, Irrtümer. Natürlich ist ihr Roter Faden die Perspektive von ChrampferInnen. Und ja: Die Verhältnisse haben sich seit dem Feudalismus verändert, teils verbessert, aber sein Wiederaufkommen unter veränderten Vorzeichen, fordert auch die gesellschaftliche Gegenwehr heraus, ihre Konzepte zu adaptieren. Der grosse Bogen in «Let’s sing Arbeiterin*» beginnt bei den VorvorfahrInnen streift Errungenschaften der Hochblüte der widerständischen Selbstorganisation, um letztlich mit dem «Privilegien Song» in guter alter Kampfmanier an die Bereitschaft zum Fordern zu appellieren. Setzt euch durch. Gemeinsam! Zwar sind die vier Kernköniginnen mit ihren acht Gästen etwas zaghafter in ihrer Subversion als allein, aber spätestens wenn Fränzi Madörin ihr Cervelatkleid als ultimativen Schrei der Schicklichkeit und des Selbstausdrucks anpreist, ist dieser Teil der Welt wieder in Ordnung. Der Teil, der mit Arbeit und deren Definitionsmacht über ein Leben zusammenhängt, bleibt auch nach dreissig Jahren des Bühnenackerns der Königinnen ein aus zahllosen Aspekten höchstens suboptimales Konstrukt. Das wissen sie. Aber wer aufgibt, hat schon verloren, also liefern sie – bereit zur Nachahmung – eine zweistündige tour de force, die frühere ideologische Irrtürmer ebenso wie Unterlassungen jüngeren Datums eingesteht, anerkennt, dass auf den Rücken liegen und pfeifen nicht das alleinseligmachende Korrekturkonzept ist und letztlich zugibt, an den mannigfaltigen Herausforderungen des Zeitgeistes zeitweise genauso annähernd verzweifeln zu können, wie alle um sie herum. «Halbwisserin und Meisterin darin», lautet eine ihrer aufrichtigen Selbstverortungen. Also geben sie erst gar nicht vor, ein vollkommen durchdachtes Rezept für die gerechte Verteilung von unbezahlter Carearbeit zu haben, einen verbesserten Schlüssel für die chancengleiche Startposition aller zu kennen. Die Maxime «seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche» versuchen sie in eine heute lebbare Form jenseits von Guerillakampf im Sumpf zu überführen und verwenden hierfür eine grosse musikalische Bandbreite, denn das Lied ist als Agitationsmittel noch immer von einschlägigster Wirkung. Im Appell auch an ihr Publikum, Kopf und Herz und Hand zu gleichen Teilen an Prozessen, Entscheidungen, Plänen und Wünschen teilhaben zu lassen, mögen sie gegenüber all den Anglizismen des Zeitgeistsprechs etwas altmodisch wirken, aber gewisse Gesetzmässigkeiten haben sich trotz des kontinuierlichen Wandels schlechterdings bewährt. Denn auch für ein Gruppenhochgefühl benötigt es jedeN einzelneN und am schärfsten ins Gericht gehen die Königinnen – auch in erweiterter Formation – noch immer mit sich selbst. Aber auch in der Fülle der abgehandelten Themen, Perspektiven und Problemstellungen schwimmen sie nach wie vor gegen den Strom: Sie trauen ihrem Publikum was zu: Nicht nur Sitzfleisch und Aufnahmefähigkeit, sondern auch Abstraktionsvermögen und Selbstironie, Eigenständigkeit im Denken und im Widerspruch. Und ganz wichtig: Die Freude am Gedankenspiel. Das sie vertonen, tanzen, in tableaux vivants verwandeln und damit nicht zuletzt dem ureigenen Versprechen einer öffentlichen Bühnenrevue nachkommen, der Unterhaltung. Aus Inhalt und Form, Problembenennungen und Lösungsvorschlägen, tiefsinnigem Ernst und lachhafter Koketterie zimmern sie zuletzt ein komplettes Brainstorming über das Leben an sich. Und kitzeln damit das beste aus ihrem Publikum heraus: Die Lust am Bewusst-Sein.

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