Besser statt mehr

 

Nach den vergangenen Wahlen erst recht wird mir die Frage gestellt: warum braucht’s bei den Linken noch die Grünen? Wofür stehen sie? Meine persönliche Antwort: für mehr Suffizienz – oder auf Deutsch: für eine Politik des Guten Lebens statt des vermeintlich ewigen Wirtschaftswachstums.

 

Balthasar Glättli 

 

Historisch stellt wohl die Kritik am unendlichen Wirtschaftswachstum und am Konsumismus eine der wichtigsten Wurzeln der Grünen dar. Rasch kam dann auch noch der Widerstand gegen die AKW und Gentech hinzu: die Frage der gesellschaftlichen Technik­folge­abschätzung. Beides führt dazu, dass die Grünen zwar durchaus zur Linken gehören, aber auch einen eigenen Akzente setzen und eine zu simple Fortschritts-Gläubigkeit hinterfragen.

 

Ade Bruttosozialprodukt?

An den Anfang seiner Entstehungsgeschichte der Schweizer Grünen stellt der Mitgründer Laurent Rebeaud bezeichnenderweise die provokative Aussage: «Was kümmert mich das Bruttosozialprodukt?!» Heute ist in der seriösen Ökonomie längst klar, dass in der Volkswirtschaft andere Masseinheiten zielführender sind als eine, bei der jeder Autounfall zu einem Wachstum führt. Eine Masseinheit, die alle geldwerten Verhältnisse einrechnet – und alle unbezahlte Arbeit ausblendet. Daniel Speich Chassé zeigt in seinem Buch «Die Erfindung des Bruttosozialprodukts» zudem kritisch die wichtige Rolle auf, welche die Dominanz des Bruttosozialprodukts beim Vergleich von Volkswirtschaften auch für die neoliberale Prägung der Weltwirtschaft hatte.

 

Was kümmert uns also das Bruttosozialprodukt? Offenbar doch sehr viel: keine Schlagzeilen schrecken die Menschen mehr auf als wenn eine Wirtschafts-Wachstums-Krise ausgerufen wird. Sonderbar eigentlich. Noch vor anderthalb Jahren versuchte die SVP selbst sich plötzlich als Kritikerin des Wachstums zu profilieren um die Masseneinwanderungsinitiative durchzubringen. Heute – wenn wegen der Frankenstärke gewisse Wirtschaftszweige in Schwierigkeiten kommen – bilden sie die Speerspitze einer rechtsbürgerlichen Allianz, die coûte que coûte mit neoliberalen Rezepten und Deregulierung die Schweiz zugunsten der Aktionäre und Investoren umbauen will.

 

Wirtschaft für die Menschen

Wir müssen diese Perspektive ändern. Die Menschen sind nicht für die Wirtschaft da – sondern die Wirtschaft muss für die Menschen da sein. Immer mehr ist nicht einfach immer besser. Wird diese Kritik an Konsumismus und Produktivismus von Postmaterialisten vorgebracht, die selbst durchaus mehr als satt sind, kann sie allerdings etwas Verlogenes haben. Konsumismus- und Wachstumskritik müssen, um glaubwürdig zu sein, zwingend mit mehr Verteilgerechtigkeit zusammen gedacht werden: Es hat für alle nur genug, wenn wir fair verteilen. Auch wenn der Kuchen nicht ständig wächst.

 

Für die allermeisten Menschen in armen Ländern lässt sich die Frage nach dem «guten Leben» dabei nicht mit einer Verzichtsethik beantworten. Ein Beispiel: Global betrachtet birgt die 2000-Watt Gesellschaft für jene drei Viertel der Menschheit, welche heute weniger Energie verbrauchen sogar ein quantitatives Wachstumsversprechen – aber sie zwingt die Industriestaaten umgekehrt zu einem drastischen Rückbau des Energieverbrauchs. Ähnliche Überlegungen müssten auch innerhalb einer Gesellschaft gemacht werden, um extremen und wachsenden Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Einkommens-Schichten vorzubeugen.

 

Suffizienz politisieren!

Wird die Verteilungsfrage ernst genommen wird, beeinflusst dies aber auch die Lesart von Genügsamkeit (Suffizienz). Suffizienz gewinnt dann an politischer Sprengkraft. Wird der gesamte Kuchen kleiner, dann spitzt sich die uralte Frage der Linken, wer davon, Kapital oder Arbeitskräfte wieviel bekommen, zu: Die Idee, die Ärmsten zu ernähren mit den Abfallkrumen eines endlos wachsenden Kuchens, dessen grösste Stücke die reichsten 1% erhalten, wird so radikal hinterfragt.

Umgekehrt kann Suffizienz im negativen Sinne über Moralappelle auch «privatisiert» werden: die Verantwortung wird auf die einzelnen Individuen abgeschoben. Im besten Fall führt dies zur Verhaltensänderung einzelner – im schlechtesten Fall wird das grüne und soziale Mäntelchen zum Verkaufsargument in einem «nachhaltigen Konsumismus».

 

Ökologie von links?

Natürlich hatte der Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes, Guy Rider, recht, als er 2007 das Ziel formuliert, es müssten «die sozialen und beschäftigungsrelevanten Aspekte dieser enormen Herausforderung [der Energiewende] (…) im Mittelpunkt der globalen Anstrengungen stehen». Ja, die Energiewende schafft zusätzliche Arbeitsplätze mit Zukunft. Auch in der Schweiz.

 

Wer von einer begrenzten Erde mit begrenzten Rohstoffen ausgeht, sieht jenseits der beschäftigungspolitischen Versprechungen des Green New Deal, jenseits der Vision einer stärkeren Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch eine immense globale Herausforderung, die mit technischen Lösungen alleine nicht gemeistert werden können. Sie heisst: mehr Genügsamkeit in Gerechtigkeit. Eine moderne gewerkschaftliche Linke und die Grünen können, ja müssen hier zusammenspannen.

 

Quellen und Lektürehinweise:

  • Glättli, Balthasar: Suffizienz und die Verteilungsfrage. in: Widerspruch 60, Zürich 2011 (Erwähnt in der WOZ Nr. 60)
  • Glättli, Balthasar: Energiewende – oder technokratische Politik? Die Grünen in der Schweiz stehen vor strategischen Entscheidungen, in: Widerspruch 54, Zürich 2008 (Einzelartikel als PDF)
  • Glättli/Niklaus (Hrsg.): Die unheimlichen Ökologen. Sind zu viele Menschen das Problem? Rotpunktverlag, Zürich 2014
  • Hänggi, Marcel: Ausgepowert : das Ende des Ölzeitalters als Chance, Zürich: Rotpunkt 2011.
  • Rebeaud, Laurent: Die Grünen in der Schweiz, übers. v. Lukas Fierz, Zytglogge 1987.
  • Speich Chassé, Daniel: Die Erfindung des Bruttosozialprodukts: globale Ungleichheit in der Wissensgeschichte der Ökonomie, Göttingen: Vandenhock & Ruprecht 2013 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 212).
  • Thie, Hans: »Ökologische Gleichheit. Warum grün zu sein heute links sein bedeutet«, Blätter für deutsche und internationale Politik 2013/10.

 

 

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