von Andrea Sprecher

Es ist ok.

Es gibt vieles, das so alt ist wie die Menschheit, besonders aber die Lüge. Und dabei meine ich noch nicht einmal die grossen Betrügereien, sondern die eher kleinen. Soziologinnen und Soziologen wissen es ganz genau, beispielsweise dann, wenn sie nach der Häufigkeit von Fernsehkonsum und Beischlaf fragen.

Arbeitsklima

Kürzlich hörte ich davon, dass Verkäuferinnen und Verkäufer von Tankstellenshops für nicht bezahlte Tankfüllungen jeweils selber aufkommen müssen, was manchmal bis zu drei Mal in der Woche vorkomme. Als ich – vor wirklich vielen Jahren – als Nebenjob in einem Coop Restaurant arbeitete, war das ebenfalls Usus. Wenn die Kasse am Abend nicht stimmte, wurde der Fehlbetrag vom Lohn abgezogen.

Keine weiteren Studien

Ich habe es so dermassen satt. Diese Studien. Diese Studien, die herausfinden, dass Väter nach der Geburt ihres Kindes gar nicht daheim bleiben möchten. Gerade wurde wieder über eine berichtet: «Väter gehen lieber ins Büro», steht im Titel, dann: « Die wenigsten Männer nehmen nach der Geburt unbezahlte Elternzeit, obwohl Grossbetriebe das anbieten».

Rassistisch

Ich habe grundsätzlich grösstes Verständnis für Aggressionen und Rachefantasien. Ich habe die auch, mehrmals täglich. Und ich halte ganz allgemein Menschen nicht für genuin gut, spätestens nicht mehr, seit ich Kinder habe und weiss: Geboren werden wir als Egoistinnen und Egoisten.

Genial

Es geht um diese Werbung: «Geniale Köpfe sollten nicht durch Jobben vom Studium abgelenkt werden», ist dort zu lesen und man sieht einen Albert Einstein, der wahlweise Kafi serviert, Pizza ausliefert oder als Velokurier unterwegs ist.

Stillende Freiheit

Das wird jetzt schwierig. Aber fangen wir einmal so an: Ich möchte mein Kind nicht an meinem Arbeitsplatz stillen. Denn das ist nicht die Freiheit, die ich meine. Dabei hat mich beeindruckt, was Chantal Galladé damals tat, als sie als Erste ihr Kind mit an die Session nahm, mich beeindruckt, was Larissa Waters tat, die…

Love my life

Ich bin so ein Totsch, dachte ich. Ich stand in der Küche und kratzte die Käsereste aus dem Caquelon. Ich wollte nämlich eine Diät machen. Kurz nachdem ich den Entscheid gefällt hatte, kam mir aber ein Landjäger dazwischen, den ich im Kühlschrank vergessen hatte. Dann die blöden Restsüssigkeiten von Halloween.

Nicht wahr?

Frankreich jubelt, allen voran Emmanuel Macron, der den jungen Mann offiziell empfängt und ihm die Staatsbürgerschaft und eine Stelle bei der Feuerwehr verspricht. Denn dieser junge Mann ist nun kein gebürtiger Franzose, sondern ein sogenannter Wirtschaftsflüchtling aus Mali. Seit 2013 von zuhause weg, als Bootsflüchtling in Italien gestrandet und nun in Paris angekommen, wo er bei seinem Bruder lebt. Mamoudou Gassama ist ein illegaler Einwanderer. Einer von so vielen, die in Frankreich und auch bei uns leben und deren Namen, Gesichter und Geschichten wir weder kennen noch sehen wollen.

Unschuldig frei

Es ist furchtbar falsch. Ich weiss das so genau, wie ich seit Jahrzehnten nicht weiss, wie ich es ändern könnte. Bis es mir vielleicht einfällt, mache ich es nun so wie Elena Ferrante: «Ich weigere mich aus Prinzip, schlecht über eine andere Frau zu sprechen, selbst wenn ihr Verhalten inakzeptabel, verletzend oder ärgerlich war. Der Grund für meine Haltung ist, dass mir die Situation von Frauen dieser Welt bewusst ist.

Wir haben nichts gesagt

Ich zähle 2 Menschen zu meinem engeren Bekanntenkreis, die nicht selten homophobe, antisemitische und sexistische Sprüche oder vermeintliche Witze machen. Der ist halt so, heisst es dann und man schüttelt äs bitzeli den Kopf. Mehr nicht. Ich habe keinen von denen jemals vor die Tür gestellt. Und jedes Mal, wenn ich es nicht tue, dann ist es genau so, als würde ich ihnen einen Preis überreichen.