Anerkennung statt Ausgrenzung

Am 8. April fand der Internationale Roma-Tag statt. Der Historiker Thomas Huonker blickt für P.S. auf die Geschichte der Roma in der Schweiz zurück und plädiert dafür, mit ihrer Anerkennung wie auch der Aufarbeitung der Vergangenheit endlich vorwärts zu machen.

 

 

Thomas Huonker

 

 

Nach alten Chroniken sind die ersten Roma auf ihrer langen Wanderung von Indien her 1418 in der Schweiz angelangt. Anfangs verfügten sie über einen Schutzbrief von Kaiser Sigismund, der auch Oberherr über die Schweiz war. Darin wurde ihnen, wie den Eidgenossen, ein eigener Rechtsstatus und das Recht auf eigene Richter zugestanden. Doch damit war ab 1471 Schluss. Das oberste Organ der Eidgenossenschaft, die Tagsatzung, erliess 1471 ein Aufenthaltsverbot gegen die Roma unter der Fremdbezeichnung «Zegyner». Sie wurden auch «Heiden» genannt, obwohl sie sich taufen liessen.

 

Als «Heiden» und «Hexer» verfolgt

Bis zum Ende des Ancien Régime griffen die Vögte, Untervögte und sonstigen Behörden mittels «Landjäginen» gegen die «Zigeuner» hart durch. Sie wurden wahlweise als türkische Spione oder als Hexen und Hexer verfolgt. Gemäss damaliger Rechtspraxis wurden sie gefoltert, bis sie die absurdesten Anschuldigungen zugaben. Das hat das Bild dieser friedliebenden, von Ort zu Ort gejagten und doch ihre Familienverbände, ihre Kultur und ihre Sprache stets aufrecht erhaltenden Menschen über Jahrhunderte hinaus negativ geprägt. Bis 1798 wurden in der Schweiz Hunderte, in ganz Europa Zehntausende von Roma gehängt. Das war die Strafe dafür, «Zigeuner» zu sein und die erste Wegweisung nicht akzeptiert zu haben.

 

Die Idee der allgemeinen Menschenrechte brachte in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, vor allem in den Jahren von 1848 bis 1888, der revolutionär-liberalen Gründungsphase unseres Bundesstaats, den freien Aufenthalt der «Zigeuner» in der Schweiz. In dieser Phase erhielten auch die heimatlosen Schweizer Jenischen das Schweizer Bürgerrecht.

 

Einreisesperre, «Zigeunerregister», Rückweisung in den Holocaust

Doch ab 1888 waren «die ausländischen Zigeuner» wieder eine bevorzugte Zielscheibe des Fremdenhasses. Ihre Einreise wurde erneut verboten, der Bundesrat erliess 1906 ein «Eisenbahntransportverbot» gegen sie. Das nationale «Zigeunerregister» mit Fotos und Fingerabdrücken kriminalisierte sie ab 1911 generell – eine Frühform von racial profiling. Das Einreiseverbot bestand auch zur Hitlerzeit. Schweizer Grenzer und Polizisten schickten auch fliehende Sinti und Roma in den Holocaust zurück.

 

Im Jahr 2000, nach dem Bergier-Bericht, entschuldigte sich der Bundesrat bei den Roma, Sinti und Jenischen, dass sie ebenfalls Opfer der schweizerischen Flüchtlingspolitik im 2. Weltkrieg wurden und dass ein Teil des Goldes, das die Schweiz von den Nazis entgegennahm, aus geraubtem Goldschmuck  und Goldzähnen auch dieser Opfergruppen bestand.

 

Flüchtlinge und Fremdarbeiter aus Osteuropa

Erst 1972 hob die Schweiz das diskriminierende Einreiseverbot auf. Doch da waren schon viele Roma unerkannt als Fremdarbeiter vor allem aus Jugoslawien eingewandert und arbeiteten sich vom Saisonnier zum Niedergelassenen mit Recht auf Familie empor. Viele Roma flohen vor dem Kosovokrieg. Die meisten hüteten sich, als Roma aufzutreten. Dennoch enstanden Roma-Organisationen in der Schweiz: Die Internationale Romani-Union in Genf und Bern, mit dem Schweizer Gründungspräsidenten Dr. Jan Cibula, der 1968 als Flüchtling aus der Tschechoslowakei in die Schweiz gekommen war, und in den 1990er-Jahren die Rroma Foundation und der Verein Romano Dialog.

 

Gesuch um Anerkennung als nationale  und sprachliche Minderheit

Es leben insgesamt 12 Millionen Roma in den verschiedenen europäischen Ländern. Die Zahl der Roma in der Schweiz wird auf 80- 100 000 geschätzt. Sie leben fast ausnahmslos sesshaft; die Secondos unter ihnen arbeiten in verschiedensten Berufen, vom Architekten, Banker und Gastronomen bis zur Zivilstandsbeamtin. Die Roma in der Schweiz sind unterdessen meist Schweizer Bürger – einige, die schon im 19. Jahrhundert oder anfangs des 20. Jahrhunderts unerkannt einwanderten, sind es schon seit damals.

 

Die schweizerischen Roma-Organisationen stellten im April 2015 ein Gesuch um Anerkennung als nationale und als Sprachminderheit in der Schweiz. Denn diesen Status haben sie in den meisten europäischen Ländern. Es geht um die Anerkennung als vor Verfolgung und Diskriminierung geschützte Minderheit gemäss europäischem Minderheitenschutzabkommen sowie um Anerkennung als sprachliche Minderheit gemäss europäischer Sprachencharta. Die schweizerischen Roma wollen damit die Bestätigung, anerkannter Teil der kulturellen Vielfalt der Schweiz zu sein. Auch erhalten sie so, wie die anderen anerkannten Minderheiten, Anrecht auf staatliche Fördermittel für ihre Kultur- und Sprachpflege.

 

Die Schweizer Jenischen und die in der Schweiz lebenden Sinti sind seit 1998 als «Fahrende», seit 2016 unter offiziellem Einschluss auch ihrer sesshaften Gruppenangehörigen und unter ihren Eigenbezeichnungen als nationale Minderheiten anerkannt. Jenisch ist eine der offiziell anerkannten Minderheitssprachen. Nicht aber Romanes, die Sprache der Roma und Sinti. Das EDA unter dem neuen Bundesrat Ignazio Cassis, selber Angehöriger einer Sprachminderheit, will noch im Lauf dieses Jahres über die Anerkennung auch der Roma und des Romanes entscheiden. Eine Ablehnung dürfte schwierig zu begründen sein.

 

Vorwärts mit der Aufarbeitung!

Die Schweiz sah sich auch in einer Zeit gerne als Idealdemokratie, als sie Roma, Sinti und Jenische verfolgte, Verding- und Heimkinder mit behördlichem Segen der Ausbeutung und dem Missbrauch auslieferte, Menschen ohne Gerichtsurteil mittels Administrativhaft jahre- und jahrzehntelang wegsperrte, Zwangssterilisationen an Zehntausenden von angeblich «erblich Minderwertigen» vornehmen liess und der Mehrheit, den Frauen, das Stimm- und Wahlrecht verweigerte.

 

Für einige dieser üblen Haltungen mit schweren Folgen für die Betroffenen wurden Entschuldigungen ausgesprochen, einige der genannten Opfergruppen erhielten späte und kärgliche Zahlungen. So beginnen jetzt die Auszahlungen des sogenannten «Solidaritätsbeitrags» an rund 8000 ehemalige Verding- und Heimkinder, Zwangssterilisierte und administrativ Internierte. Die grosse Mehrzahl der Opfer ist längst verstorben, in anderen Ländern kamen die Zahlungen schneller und waren höher. Doch wichtig ist auch die offizielle Anerkennung des erlittenen Unrechts.

 

Auch die Anerkennung der bis in die jüngste Vergangenheit diskriminierten Roma in der Schweiz wäre ein solches Eingeständnis früherer Verfolgung und Ausgrenzung. Ähnliches steht noch an gegenüber den kriminalisierten Militärverweigerern und gegenüber den weitgehend rechtlos gemachten Saisonniers.

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