Anders kompensieren in Aussersihl

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Im Amtshaus am Helvetiaplatz wird zur Zeit eine öffentliche Parkgarage gebaut. Gemäss dem ‹historischen Kompromiss› von 1996 müssen die in die Tiefgarage versenkten Parkplätze oberirdisch abgebaut werden. Bis jetzt war vorgesehen, die meisten Parkplätze auf der Molkenstrasse aufzuheben – zum Ärger der dortigen Gewerbetreibenden. Nun bringen Quartier- und Gewerbeverein eine neue Kompensationsidee – auf der Basis eines alten Wunsches.

 

Von Hannes Lindenmeyer*

 

Es sind nun gerade gut zwanzig Jahre her, seit es dem Aussersihler Urgestein Bruno Kammerer im Gemeinderat gelungen ist, den jahrzehntelangen Streit um die Zürcher Parkplatzpolitik mit einer Lösung zu beenden, die den etwas pathetischen Namen ‹historischer Kompromiss› erhalten hat: Die Zahl der Parkplätze von 1990 darf in der Innenstadt und den angrenzenden Quartieren nicht mehr verändert werden; Plätze in neuen Tiefgaragen müssen auf den Strassen in der Umgebung kompensiert werden. Seither beobachten die historischen KontrahentInnen – die FreundInnen des Autoverkehrs einerseits, die FreundInnen der autoarmen Stadt anderseits – mit Argusaugen die exakte Umsetzung.

 

So auch, als der Stadtrat 2007 dem Gemeinderat eine Vorlage für die «Aufwertung des Helvetiaplatzes und seiner Umgebung» als Umsetzung einer entsprechenden Motion Emil Seliners vorlegte. Mit einer Verlegung von 66 öffentlichen Parkplätzen in die bestehende Tiefgarage im Amtshaus – die dazu entsprechend umgebaut werden soll – könne in der Molkenstrasse eine autoarme «Flanier- und Fussgängerzone» geschaffen werden. Gegen dieses vom Gemeinderat gutgeheissene Projekt ergriffen 42 bürgerliche GemeinderätInnen in Absprache mit den Gewerbetreibenden und AutofreundInnen das Behördenreferendum: Der massive Abbau von oberirdischen Parkplätzen auf der Molkenstrasse sei für das hier ansässige Gewerbe und die MarktfahrerInnen schädlich. Das Gebiet liege ausserhalb des ‹historischen Kompromisses›, es müssten nicht alle neuen Garagenplätze kompensiert werden.

 

«Aufwertung» ungewiss

 

Das Projekt des Stadtrats wurde dann aber in der Volksabstimmung von 2008 angenommen; damit war klar: Der historische Kompromiss gilt auch am Helvetiaplatz; wenn die neue öffentliche Garage eröffnet wird, muss oberirdisch kompensiert werden. Bis heute sind die örtlichen Gewerbetreibenden unglücklich über diesen Entscheid; aber auch auf der ‹Siegerseite› ist man sich nicht mehr ganz so sicher, ob die Aufhebung der meisten Parkplätze in der Molkenstrasse tatsächlich zu einer «Aufwertung des Helvetiaplatzes» beiträgt und aus der unspektakulären Molkenstrasse eine «Flaniermeile» entstehen kann.

 

Breit abgestützter Vorschlag

 

Jetzt, vor der baulichen Umsetzung des damaligen Entscheids, wird ein bald 40-jähriges anderes Quartieranliegen ins Spiel gebracht: 1979 erwirkte die damalige Quartiergruppe «Luft und Lärm» mit einer spektakulären Aktion – noch heute ist von «Guerilla- Taktik» die Rede – die Sperrung der Hohlstrasse zwischen den Schulhäusern. Der zuständige Stadtrat Aeschbacher, genannt «Schwellenruedi», ging auf die Forderung ein; es konnten ein Spielplatz und eine willkommene Ergänzung der Bäckeranlage geschaffen werden. Aber noch ist die Sperrung nicht perfekt: Auf ihrer östlichen Seite sind rund 20 Parkplätze angeordnet; die Parkierungsmanöver stellen eine erhebliche Gefährdung der Zugänge zu Schulhäusern und Spielplatz dar.

 

Was liegt da näher, als diese 20 Parkplätze abzubauen und im Gegenzug den Gewerbetreibenden an der Molkenstrasse 20 oberirdische Plätze zuzugestehen? Dieser neue Kompensationsvorschlag wird vom Quartierverein getragen, vom Gewerbeverein, dem Elternrat Aussersihl und der Schulleitung des Hohlschulhauses begrüsst und mit Schreiben an den Stadtrat und alle Gemeinderäte im Kreis 4 aktiv unterstützt.

 

Aus Quartiersicht betrachtet «historisch»

 

Wie haben sich doch die Zeiten geändert: Vor 38 Jahren bekämpften sich Quartierverein, Gewerbeverein und «Luft und Lärm» lauthals rund um die Hohlstrassensperrung, um jeden Meter und jeden Parkplatz wurde mit harten Bandagen gerungen. Die Gruppe «Luft und Lärm» gibt es nicht mehr; aber nun sitzt eines ihrer damaligen Mitglieder gemeinsam mit den Quartier- und Gewerbevereinspräsidenten am Tisch des zuständigen Stadtrates, und sie unterbreiten mit dem neuen Kompensationsvorschlag einen kleinen historischen Quartierkompromiss – der wohl nur im Schatten des einstigen grossen historischen Kompromisses möglich wurde. Aus Quartiersicht betrachtet: Tatsächlich «historisch».

 

* Hannes Lindenmeyer war einst Mitglied von «Luft und Lärm».

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