An die Wand

Ich sitze vor der Zeitung und lese, dass es der Frau May gelungen ist, England wirklich tiefgreifend zu spalten. 40 Jahre, nachdem die Sex Pistols fröhlich nach «Anarchy in the U.K.» geschrien haben, ist das Land in der Tat komplett anarchisch an die Wand gefahren worden. Die ersten Medien reden von Bürgerkrieg, und denkt man an die Zustände in Irland, so ist das leider nicht völlig ausserhalb jeglicher Vorstellung.

 

Zur gleichen Zeit fliegt Emmanuel Macron, dem einzigen Politiker, der es je geschafft hat, zugleich Wolf im Schafspelz und Schaf im Wolfspelz zu sein, Frankreich um die Ohren. Dem Labberi und Umverteiler sitzen die Gilets Jaunes auf der Pelle, und egal, was man von dieser Bewegung halten mag, aber wenn brave bürgerliche Normalos in komischen Westen Container anzünden, dann ist definitiv was falsch gelaufen.

 

Zur gleichen Zeit läuft alles falsch in Italien, wobei die Zustände dort, wie immer beim südlichen Nachbarn, noch einen Zacken grotesker, mehr amerikanisch quasi, aussehen. Italien ist gleich mehrfach gespalten, zwischen Nord und Süd, zwischen rechts und ultrarechts, zwischen vernünftig und Lega und so weiter, quasi 5-Sterne-mässig. Auch das hat nicht sehr lange gebraucht, das Land ist wirtschaftlich am Abgrund, die Stimmung bereits einen Schritt weiter.

 

Ich sitze vor der Zeitung und lese von einem tief gespaltenen Brasilien, von einem Spanien, das seine Sezessionsbewegungen keineswegs im Griff hat, von Österreich, um dessen zerrissene Gesellschaft es nur vorübergehend etwas ruhiger geworden ist – und von Ungarn, den USA und Maudets FDP wollen wir schon gar nichts mehr lesen, das kommt nicht besser. Woher, verflucht nochmals, kommt bloss diese Lust, ein Land, eine Gesellschaft einfach an die Wand zu fahren, draufgehen zu lassen, einfach zuzusehen und gar noch zu fördern, wie alles den Bach ab geht? War das schon vorher in der Gesellschaft drin, und die Politik holt es einfach heraus wie eine Hebamme? Oder ist es die neue Generation – quatsch, zwischen May und Kurz liegen Äonen! – von Regierungspersonen? Ich meine, wir wollten, früher mal, spasseshalber aus dem Staat Gurkensalat machen, einfach nur, weil es sich reimt, aber Witzfiguren wie Boris Johnson, Salvini, Strache und wie sie alle heissen, schaffen das im Handumdrehen? Hallo?

 

Ich sitze vor dem PC und sehe auf Youtube eine junge Frau, gerade mal 16, in einer leicht zu grossen Trainerjacke, die Haare zu zwei langen Zöpfen geflochten, ernster Gesichtsausdruck, und sie tut etwas, bei dem ich die Hosen randvoll hätte, nämlich an einem TED-Talk vor Hunderten von Menschen reden. Und sie tut das ohne Zettel, in tadellosem Englisch, knapp zwölf Minuten lang, fliessend (wer will: https://youtu.be/EAmmUIEsN9A). Sie heisst Greta Thunberg und ist dieselbe, die monatelang jeden Freitag die Schule schwänzte und vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm protestierte, schlicht, weil die Politik nichts – oder viel zu wenig, was in diesem Fall gleichbedeutend ist mit nichts – gegen den Klimawandel unternimmt, und sie hat Hunderttausende von Schülerinnen und Schülern weltweit inspiriert, bzw. angesteckt bzw. mitgerissen. Was sie sagt, ist für einen Grünen nichts Neues. Aber wie sie es sagt, ist ungehört, denn sie redet Klartext und das von der Sorte, die in ihrer geradezu unbedarften Einfachheit bis aufs Komma passt: Erwachsen genug, um die Wahrheit zu sagen.

 

Es gibt also doch noch so etwas wie Wahrheiten. Greta ist die Antithese. Mir macht sie Mut. Genug für 2019.

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