Alles ganz einfach!

Auf dem Weg zu Mutters Geburtstag bin ich spät dran und hechte Richtung Bahnhof. Vier Minuten bleiben bis zur Abfahrt, doch am Automaten steht eine ältere Frau und kämpft mit der Benutzerführung. Womöglich hat sie gerade festgestellt, dass sie weder nach Basel SBB, Lugano, Solothurn oder Wetzikon noch zum Flughafen Zürich muss und hintersinnt sich nun, ob «Andere Verbindungen» zum Ziel führt oder doch eher «Weitere Billette/Angebote». Wie auch immer, meinen Zug erwische ich nimmer.

 

Doch halt – von der Plakatwand lächelt mich eine ebenfalls ältere Dame an und sagt: «Das Billett kaufe ich schneller, als andere das Münz finden.» Aber logisch, ich habe die SBB-App, wenn das so einfach ist! Ich krame also das Handy aus der Jackentasche, entsperre es auf der Rolltreppe und starte die App. Unten angekommen, tippe ich Start- und Zielbahnhof ein, kriege die Verbindungen angezeigt, tippe auf den Zug, in den ich jetzt steige, und finde unten am Bildschirm auch gleich den roten Knopf für den Billettkauf. «Uff, geschafft!», denke ich, und tippe darauf. Jetzt muss ich aber zuerst wählen, ob ich einfach oder retour lösen will, wieso eigentlich, retour gibt ja eh keinen Rabatt mehr, und ob ich Zweite Klasse fahre. Ja logo, also «Billett für CHF sowieso kaufen», aber ein Bitzeli plötzlich bitte! Jetzt fährt der Zug ab, und die App will mein Swisspass-Login. Habe ich eins? Die rote Karte mit dem unsichtbaren Halbtax-Abo heisst glaub Swisspass. Also: «Passwort vergessen» – aber keine meiner drei E-Mail-Adressen ist registriert. Nun, ich sitze im Zug, ich habe keine Wahl, also erstelle ich ein Swisspass-Login. Dabei muss ich nicht nur allerhand Daten eingeben, sondern auch noch meine E-Mails abrufen, um dort einen Zahlencode zu finden (die haben doch jetzt meine Nummer, warum kriege ich kein SMS?). Weiter zum Zahlungsmittel, glücklicherweise weiss ich meine Kreditkartennummer und das andere Zeug auswendig, denn der Kondukteur ist bereits im Abteil hinter mir zugange. Und endlich, endlich erscheint mein Billett als QR-Code auf dem Bildschirm. «Uff, geschafft!», denke ich.

 

Weit gefehlt! «Das Billett haben Sie nach Abfahrt des Zuges gekauft, das ist nicht gültig.» Was? Gahts no? Der ganze Stress war vergebens? «Schneller als andere das Münz finden» – ja vielleicht, aber nicht beim ersten Mal! 90 Franken kostet der Ärger – zusätzlich zum Billett.

 

Nachtrag: Auf dem Bussenticket gibt es eine Telefonnummer, die habe ich angerufen. Ein freundlicher Kundendienstler hat mir «aus Kulanz» die Busse auf 50 Franken reduziert, weiter gingen seine Kompetenzen nicht. Und er hat sich bitterlich beklagt über die Kon­trolleure vor Ort, die es im richtigen Moment einfach gut sein lassen könnten, denen aber das Augenmass dazu fehle. Mein Fazit: Will uns die SBB zum Umsteigen auf ihre App motivieren, um Automaten und Schalter einzusparen, dann sollte sie dringend ihre Vorstellung von Kulanz überdenken und ihr Personal im Umgang damit schulen.

 

Nachtrag 2: Beim Schreiben dieser Kolumne wollte ich mir noch einmal den Login-Prozess vergegenwärtigen und klickte deshalb bei einer beliebigen Strecke auf «Billett für CHF sowieso kaufen». Nach dem Swisspass-Login erschien diesmal nun aber keinerlei Nachfrage mehr, das Billett war bereits gekauft! Also stornieren. Stornieren? Von wegen, das kann die SBB-App nicht. «Meine grauen Haare habe ich nicht vom Billettkauf», behauptet nun die Dame auf dem Plakat. Ich würde sie gern ohrfeigen.

 

Markus Ernst

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