Alles da

Die noch nicht besprochenen fünf Stücke des diesjährigen «Tanzfestivals Winterthur» drehen sich alle in verschiedenartigster Weise um Sinnfragen und sind in ihrer Überzahl sehr physisch, also Tanz im wahrsten Wortsinn.

 

Singende Clowns verzweifeln beim Versuch, die Welt zu retten, angejahrte Frauen spannen den Bogen des Lebens zurück in den Uterus, eine sichtlich multinationale Gruppe überführt freiwilliges/aufgezwungenes Umziehen in Tableaus, zwei Männer loten die haptischen Möglichkeiten eines Ausdrucks gegenseitigen Urvertrauens aus und ein über sechzigjähriges Paar versinnbildlicht mit reiner Körperarbeit das gesamte Universum der Emotionen in einer innigen Zuwendung, inklusive der ihr zuwiderlaufenden Einflüsse. Nadine Schwarz hat erneut ein Programm zusammengestellt, das sämtliche denkbaren emotionalen, intellektuellen und natürlich optischen Erlebnisse – ausser dem ganz grossen Ärgernis! – in konzentrierter Form ermöglicht. Die Vielfalt hörte hierbei nicht etwa schon im Formalen oder Ästhetischen auf, sondern beinhaltete auch eine grosse Altersdiversität. Es gehört zu den grössten heimlichen Genüssen, im Tanz auch nichtstromlinienförmig gebauten und jenseits der Maximalfitness angelangten TänzerInnen zuzusehen. Gerade, wenn sie wie Artemis Sacantanis und Peter Jolesch in Jasmine Morands «Lui & Artemis» das abgelegte Kraftstrotzende einer Jugendlichkeit in zarte Poesie überführen, die einen komplett in ihren Bann zieht und so mitnichten Gedanken eines Vermissens aufkommen lässt. Das ist keine Sublimation, sondern ehrlicher Umgang mit einem Körper nahe des Pensionsalters, der längst über eine breitere Klaviatur an Bewegungsrepertoire jenseits einer Höchstleistung verfügt, um die Gesamtheit einer Paarbeziehung tänzerisch darzustellen. Mit einem diametral entgegengesetzten Konzept des sich dümmer, ungelenker und naiver Stellens beglücken Soléne Aeinachter und John Kendall in «Plan B for Utopia» von Joan Clevillé alle Sinne und animieren sogar mehrere Muskelpartien der Zuschauenden zur wiederholten Kontraktion. Ihr Versuch, den ganz grossen Vorsatz zur Weltenrettung mit der allzumenschlichen Neigung, die Konsequenz auf ein nächstes Mal zu verschieben, ist schlicht sehr komisch. Aber die beiden beweisen in mehreren kleinen Einschüben, dass sie tänzerisch wie gedanklich über weitaus höhere Fähigkeiten verfügen als ihre beiden Vorzeigefiguren. Das Bewusstsein der eigenen Grenzen bringen Helena Nicolao, Anka Sedlackova und Alexandra Sommerfeld nicht nur sinnbildlich auf ihrer Suche nach der Prägung im Mutterleib auf die Bühne, sondern mit der zur Bewegungsunfähigkeit verdonnernden Fussverletzung von letzterer sogar ganz konkret. Auch sie drei sind keine zwanzig mehr, aber wenn frau die Vorteile davon rausarbeiten, und es trotz der Komplexität der Thematik bei der klar nachvollziehbaren Andeutung belassen kann, kann daraus locker ein Vielmehr entstehen. Wenn auch komplett anders, dann in der Übersetzung einer vielschichtigen Thematik doch auch ähnlich, arbeitet Rahel Vonmoss mit ihren vier TänzerInnen in «to find a place». In Tableaus – mithilfe von semitransparenten Vorhängen und Videos in einer optisch noch vervielfältigten Tiefe – lässt sie Ahnungen aufscheinen, illustriert Zwänge, verdammt einzelne zum Nichtstun und spiegelt dies am in überagitatorischen auf der Stelle Treten von anderen und beantwortet mit Bühnenmitteln ausführlich und gleichsam offen genug alle im Raum stehenden Fragen. Zack Bernstein und Andrew Wass sind wiederum reine Körperarbeiter. In «Systemic Coincidence» erproben sie das Gegenteil des Offensichtlichen, um dieses wiederum überdeutlich zu machen. Nach dem erfolgreichen Jubiläum im letzten Jahr war auch das Programm 2018 anregend breit und aus Publikumssicht rundum erfreulich.

 

«26. Tanzfestival Winterthur», 11. – 24.11., Theater am Gleis, Winterthur. www.tanzfestivalwinterthur.ch

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