«Nur weil ich Männer liebe, muss ich jetzt auch Disco mögen?»

Alte, dicke Tunten und die körperliche Liebe, sexuelle Monotonie und das Ende einer Lesbenbeziehung, ein überwältigendes Glücksgefühl und das frömmlerisch verinnerlichte Hingabeverbot, eine Zuneigung unter Sexworkern und die Not barer Existenzsicherung – das 22. «schwullesbische+ Filmfestival PinkApple» ist vorüber, die Vielzahl an inhaltlichen Anregungen aber hallt nach. Eine tour d’horizon nach drei Dutzend Filmen.

 

Arm, schwarz, weiblich, vorbestraft und auf sich allein gestellt, ringen in der demnächst 18-jährigen, eben aus der Haft entlassenen Angel (Dominique Fishback) zwei unvereinbare Begehrlichkeiten um die Hoheit ihrer Gefühlswelt und darum, in eine Tat überführt zu werden. Hier die ungezähmte Wut, ja eine nachgerade brennende Rachlust gegenüber dem Vater, der die Mutter mordete und juristisch trotzdem ungestraft davonkam. Dort das empathiegetriebene Verantwortungsgefühl, ja eine richtiggehend innige Liebe zu ihrer kaum halb so alten Schwester Abby, der sie dasselbe Durchleiden ihrer eigenen Jugend ersparen möchte. «Night Comes On» von Jordana Spiro streift mit der nur beiläufig angetippten Sexualität seiner Hauptfigur die Festivalthematik nur am Rand, ist aber dramaturgisch, von der Schauspielerinnenführung, filmästhetisch und zuallererst inhaltlich einer der herausragenden Filme dieses PinkApple-Jahrgangs. Im Duell zwischen Hass und Liebe ist der niedere Instinkt ungleich stärker spürbar für Angel. Die Selbstbehauptung in einem Leben in Armut, auf der Strasse, im Gefängnis, gegenüber den Erziehungs- und Bewährungsbehörden haben sie ihren Emotionen gegenüber hart gemacht. Der beobachtete, jähe Verlust der Mutter und die Feigheit der Freundin, sie aus Furcht vor dem sozialen Getuschel fallenzulassen, schlagen in dieselbe Kerbe. Die Vorstellung, dem Vater eine Kugel in die Brust zu jagen, wirkt hingegen wie eine Verlockung, ja Befreiung. Die Sorge um das eigene Schicksal steht in Angels Rangliste ganz weit unten, und wäre die kleine Schwester Abby keine solch hartnäckige und ausgebuffte Wahrheitsbeugerin, die beiden Schwestern würden nie am Meer stranden und für einmal gemeinsam einen kurzenm aber intensiven gemeinsamen Augenblick der Unbeschwertheit miteinander verbringen – und damit den ungetrübten Zugang zur Herzensabsicht freilegen.

 

Als gealterte Diseuse im Fummel trägt Jack (Derren Nesbitt) via Travestiekunstfigur Jackie das Herz auf der Zunge. Die Conférencen sind very british indeed, ausnehmend schlüpfrig, hingebungsvoll sexistisch – kurzum brüllend komisch. Doch wenn das Rampenlicht in einem Hinterhofclub im Brighton erlischt, ist der noch nicht abgeschminkte Glitter über den Augenlidern das einzig übrig bleibende Glamouröse im Leben des nahezu 80-jährigen Witwers aus der Vorstadt. Mit dem Erstauftritt der schrillen Modehusche Faith (Jordan Stephens) und deren leidlich überheblichen, spitzen Zunge – auch gegenüber Jackie – kommt fast ein bisschen aufsässig neues Leben in die Bude. Eine Energie, die auch auf Jacks Privatleben ausstrahlt, weil er den Jüngeren von einem Leben im Kofferraum bewahren will und ihn kurzerhand bei sich einquartiert. Das – ausser dem Drag­aspekt – sehr ungleiche Paar steht in Jamie Pattersons letztlichem Wohlfühlfilm «Tucked» als einander liebevoll zugewandtes, sich ergänzendes und dem jeweils anderen Horizonte eröffnendes Duo für die rein positiv konnotierte Symbolik, wie zwei Menschen einander bereichern können, sofern es ihnen glückt, sich über das oberflächlich offensichtlich Trennende hinwegzusetzen. Zwei Welten mit je genuinen Sorgen, die willentlich ihre Toleranzgrenze bis jenseits des Gefälligen in eine wahrhaftige gegenseitige Akzeptanz überführen und davon quasi unverhofft durch die so errungene Perspektiverweiterung höchstselbst profitieren. Wenngleich eine filmisch adaptierte Binsenweisheit, doch eine bedenkenswerte. Erst recht, wenn deren schnippischer Wortwitz bis zuletzt vorgibt, der reinen Unterhaltung zu dienen…

 

 

«Alter Schwanzlutscher»
Sehr viel ruppiger geht es im Krankenhaus von Fortaleza zu und die dortigen gegenseitigen Beschimpfungen sind nie je als verkappte Liebenswürdigkeiten misszuverstehen. Die Nachbarin und (Lebens?)Liebe des 70-jährigen Pflegers Pedro (Marco Nanin) ist mal wieder zusammengeklappt und wird von ihm fürsorglich zur Dialyse gebracht. Um die ortsübliche Korruption zu nutzen, fehlt Pe­dro das Geld, und weil sich das Spital weigert, Daniela (Denise Weinberg) als Frau anzuerkennen und sie renitent Francisco nennt und ihn in der Männerabteilung unterbringt, ist Einfallsreichtum gefragt. In Armando Praças «Greta» ist das brasilianische Gesundheitswesen (wenn nicht die ganze Gesellschaft) eine Mixtur aus Willkür, Faustrecht, Korruption und Erpressung, deren Klaviatur aber Pedro trotz weitestgehender Mittellosigkeit zu bespielen versteht und dabei namentlich genausowenig zimperlich vorgeht. Weil ihm der kriminelle Schwerverletzte Jean (Dennick Lopes) so sehr gefällt, entführt er diesen aus seinem Polizeigewahrsam im Krankenhaus und nimmt ihn zur weiteren Pflege mit nach Hause. An seine Stelle legt er die transidente Daniela, wofür er sie aber zuerst sedieren und dann mit der bereits vorhandenen Handfessel am Bett festbinden muss, weil sie die Männerabteilung sofort fliehen und so die morgendliche Dialyse verpassen würde. Es ist zu ihrem besten, wenn auch gegen ihren Willen. Die schnell sexuell werdende Verbindung zwischen Pedro und Jean ist bezüglich der Grundtonalität von «Greta» keinesfalls die Hinwendung zu einer Irgendwieidylle. Der «alte Schwanzlutscher» wird zwar wie ersehnt auch gevögelt, aber statt Dankbarkeit für seine Rettung verkehrt der Totschlagverdächtige Jean die Situation in ihr Gegenteil und erpresst von Pedro Schweigegeld für dessen illegale Hilfe. Zuerst allein und weniger, dann gemeinsam mit einer Strassenprostituierten und sehr viel Geld. Pedros spätere, zärtliche Pflege Danielas vermag ihren Hinschied nicht zu verhindern. Seine innige Verbundenheit mit ihr und seine abgöttische Verehrung für Greta Garbo lassen ihn zuletzt in Danielas Fummel die Tür öffnen, als Jean zu ihm zurückkehrt. «Greta» führt recht melancholisch vor Augen, dass sich ‹Liebe› keineswegs nur in der Form nicht enden wollenden Sonnenscheins äussert, sondern auch in nur schwer nachvollziehbaren Facetten von gegenseitig akzeptierten Absprachen als erfüllend wahrgenommen werden kann. Und: Armando Praça durchbricht damit das Stereotyp der Leinwandnacktheit von jung und durchtrainiert mit seinem Gegenteil von alt und dick und fordert damit auch das Publikum heraus, die eigenen Scheuklappen und Tabus bezüglich einer vielleicht eher behaupteten tiefhumanistischen Überzeugung der Gleichwertigkeit aller zu hinterfragen.

 

Ein dritter, nochmals verschiedener Zugang zum Alter ermöglicht Sue Thomsons Dokumentation «The Coming Back Out Ball», der die Vorbereitungen zum allerersten Anlass zeigt und dabei eine vielzahl verschiedener ProtagonistInnen portraitiert. Die Gemeinsamkeit der in und um Melbourne wohnhaften alten LGBT-Personen: Allesamt haben sexuelle Identitäten, die von der Vor-Stonewall-Ära, also dem Leben im Geheimen und Verbotenen, geprägt sind. Sie lebten ein den Schein nach aussen wahrendes Familienleben, hatten ihr Coming-Out nach dem Hinschied der Gattin, fanden knapp vor dem Pensionsalter den Mut zur Transition. Etliche sind aufs Land gezogen und drohen trotz der weiterdauernden Bereitschaft zur gesellschaftlichen Überanpassung zu vereinsamen. Viele haben nach ihrer Zeit als offen LGBT-Lebende im Alter wieder zurück «in the closet» verschanzt. Eine Art wöchentlicher LGBT-Tanztee existiert in Melbourne bereits, aber wer dafür nicht mehr agil genug ist oder einen gänzlich unterschiedlichen Musikgeschmack hat, findet den Weg höchstselten dorthin. Dem verhältnismässig jungen Tristan Meecham und der Gruppe «All The Queens Men» ist es federführend zu verdanken, dass im grössten Ballsaal Melbournes 2017 der allererste «Coming Back Out Ball» stattfinden konnte, wo eine Queen Elizabeth-Interpretation zur Eröffnung sagte: «When Lizzy can merry, also Lezzos should merry.» Das erneute Coming-Out im Alter, meist ohne grosse Gruppenunterstützung, ist nicht für alle dieselbe Herausforderung, geschweige denn ein Bedürfnis, die Überwindung anfänglicher Scheu indes für alle ein befreiendes Gefühl. Das fast schon subversive Potenzial dieser informellen Möglichkeit der Stärkung eines Zusammengehörigkeitsgefühls als Teil einer Community dürfte dem hier aktiven Verein «queerAltern» als leuchtendes Beispiel regelrecht willkommen sein. Das Datum einer ersten Zürcher Adaption steht allerdings noch in den Sternen.

 

 

Behauptet oder aktiv subversiv
Bereits eine kleine Tradition sind Filme über Frauenfussball im Programm von PinkApple. Unter anderem Dokumentationen über die Frauenfussball-Nationalmannschaften Nordkoreas oder des Iran waren hier schon zu sehen. Die Fussballerinnen im Sudan, so zeigt «Karthoum Offside» von Marwa Zein, kämpfen noch darum, vom Landesfussballverband anerkannt zu werden und somit auch von den Geldern der FIFA profitieren und an der Weltmeisterschaft als offizielle Landesvertreterinnen teilnehmen zu können. In der Gesellschaft müssen die Frauen allerdings zuerst noch gegen zahllose Vorurteile und Schismen antreten. Die Lage wurde seit der Abspaltung des Südsudan nochmals komplizierter, was der Film allerdings nur zwischen den Zeilen thematisiert, was ihn damit streckenweise auch ein wenig kryptisch macht. Der oberste Sharia-Rat hält «Fussball für Frauen ungeeignet» und fürchtet sich vor dessen subversiver Kraft. Ihr Anliegen führt sie schon auch mal zur Rechtfertigung vor der Staatssicherheit. Als einmal junge Männer bei einem Spiel zusehen, zeigen sie sich jedoch beeindruckt über die Ballvirtuosität dieser Frauen und fragen sich nur halb scherzhaft, wann bei den Männer zuletzt etwas vergleichbares zu sehen gewesen war. Dieser gefilmte Einblick in den Sudan hat die Regisseurin vier Jahre Arbeit gekostet, die in ihrer Video­botschaft relativierte, die Behörden hätten ihr die Arbeit häufig erschwert, aber nicht – wie anderswo – gleich das gesamte Equipment und damit auch die bereits gefilmten Aufnahmen konfisziert. «Khartoum Offside» hinterlässt den positiven Eindruck der involvierten Frauen, sie würden sich trotz ihrer jüngsten Absage nicht so schnell unterkriegen lassen und ihr Begehren, eine Nationalmannschaft bilden zu dürfen, einfach weiterverfolgen.

 

Der alles überragende Film dieses Pink­Apple-Jahrgangs «Queercore – How To Punk a Revolution» von Yony Leyser dokumentiert die vollends absichtlich subversive Kunst-Musik-Bewegung «Queercore», der in den 1980ern die Punkbewegung musikalisch und in ihrer staatszersetzenden Absicht sehr viel näher war als die dem Konsummainstream überangepasste Schwulenbewegung. «A farce that became reel», nennt Bruce LaBruce diese Episode der widerständischen Kreativität in Fanzines, Musik und Performances. Parallel in Toronto, Los Angeles und San Francisco gründeten Daniel Elash, G. B. Jones und Tom Jennings Fanzines unter dem Label «Homocore» (später «Queercore») – unabhängig voneinander. Zuerst stand die anmassende, rotzfreche Behauptung, es handle sich hier um eine Massenbewegung, die letztlich einzig dadurch auch (fast) dazu wurde. Sie wollten gegen alles Staatstragende opponieren und dennoch keine Aliens sein, grosse Spektakel inszenieren und gleich wieder niederreissen, den DIY-Gedanken des Punk mit der politischen Forderung nach Gleichberechtigung für alle verknüpfen und dabei noch Spass haben. Alsbald legten sie sich mit den Punks an, die begannen, machoid und faschoid zu werden. Sie legten sich mit den Feministinnen an, indem massgebliche Bands in ihren Konzerten die sittsamen Grenzen des politischen Kampfes im Rahmen der Anstandswauwau- alias Bittsteller-Diplomatie verhöhnten und barbusig Konzerte mit Umschnalldildo gaben, und letzteren sich auf der Bühne lecken liessen. Sie legten sich mit der Schwulenszene an, indem sie ihr den Vorwurf der willfährigen Kommerznutte um die Ohren schlug. Kurz: Eine Bewegung, die nicht einsah, weshalb man sich am Rand der Gesellschaft gesellschaftsfähig verhalten soll, aber genauso wenig, wieso sich verschiedene Gruppierungen am Rand der Gesellschaft, also die vielschichtig Unterdrückten, sich auch noch gegenseitig unterdrücken sollen. Für sie war Kunst effektiver als Politik und ein berühmt gewordener Ableger dieser Bewegung heisst «Act-Up», ein zweiter, der aber vom Mainstream letztlich aufgesaugt und sinnentleert wurde, die Frauenbands unter dem Label «Rriot Grrrls». Die 80er-/90er-Jahre sind lange her, aber was die paar kreativen GrenzüberschreiterInnen bewegte, könnte eins zu eins heute wieder zur Gründung einer lustbetonten DIY-Bewegung mit erhobenem Stinkefinger führen: Die strenge Aufteilung der LGBT-Community in codierte Subgruppen, zueinander hauptsächlich undurchlässig, die uniformen politischen Forderungen seit Jahren (Heiraten/Kinder machen) und natürlich die stete Bedrohung respektive restlose Vernichtung jedweden Freiraums – örtlich wie in den Köpfen. Kurz: Die allgemeine Hinwendung zum offenbar alleinseligmachenden Konsumismus. Oder wie es damals hiess: «Menschen müssen Grenzen überschreiten und neue Territorien erobern, das ist, was den Menschen ausmacht.» Und das war kein Aufruf zum Krieg und wenn, dann höchstens einer gegen die Denkbegrenzungen, Verhaltensschranken und allem, was einen leibhaftig lustvollen Ausdruck des Individuums als Unikat und zeitgleich in allem gleichberechtigten Dasein behindert. «Gay is not enough!»

 

 

Heftig irrlichtern
Das diametrale Gegenteil ist im Pink­Apple-Programm glücklicher- bis verstörenderweise immer auch gleich mit von der Partie. Hier: «Sauvage» von Camille Vidal-Naquet. Der 22-jährige Léo (Félix Maritaud) lebt als schwuler Sexworker auf der Strasse in Strasbourg. Ausser seinem ausgeprägten Freiheitsdrang ist keinerlei weiterer Lebensehrgeiz aus seinem Handeln abzuleiten. Wo Fürsorge lauert, nimmt er schreiend reissaus, wo Prügel drohen, hakt er liebevoll unter. Er küsst jeden seiner Freier, lässt sich auf sämtliche erdenklichen und auch auf die kaum nachvollziehbaren Sexualpraktiken ein, kuriert eine latente Tuberkulose mit Crackrauchen und verwahrlost mit jeder weiteren Filmminute mehr. Als ihn eine Ärtzin fragt, ob er nicht mal eine Zeit lang weniger bis keine Drogen konsumieren wolle, sagt er: «Wieso sollte ich?» Auf der gegenüberliegenden Strassenseite schafft Ahd (Eric Bernard) an. Ein nordafrikanischer Muskelprotz mit einem furchterregend pragmatischen Überlebenskonzept: Er sucht sich einen Alten, der ihn aushält – dabei ist er nicht mal schwul. Ausgerechnet in ihm erkennt Léo seine grosse Liebe. Dafür setzts Prügel, immer wieder. Einmal hilft ihm Ahd, sein Geld zu bekommen – mittels roher Gewaltanwendung, einmal lässt er Léo mit dem Kopf auf seiner gestählten Brust einschlafen. Darüber hinaus ist keinerlei Zärtlichkeit im herkömmlichen Sinn erkennbar. Als mit Claude (Philippe Ohrel) ein für Léo passender ‹Alter› bei Fuss steht und ihn – mittlerweile von einem Freier bis über die Krankenhausreife malträtiert – mitnimmt und aufpäppelt, scheint es für einen kurzen Augenblick, bei Léo habe die Rücksichtnahme auf das eigene, leibliche Wohlergehen Einzug in sein Handeln gefunden, aber das wäre ja die absolute Inkonsequenz für einen Film wie diesen.

 

Der iranische Migrant Ramin (Arash Marandi) weiss sehr wohl, was er wollen würde, nur ist sein Fluchtfrachter statt nach Europa nach Mexiko gefahren, und so hockt er in der verbreiteten Hoffnungslosigkeit der als Transit verstandenen Stadt Veracruz. Tagsüber schuftet er als Tagelöhner, während er sich nachts die Eifersuchtsszenen seines im Iran zurückgebliebenen Freundes anhört und ihm irgendwas von «schoninordnung» vorgaukelt. Das Geld, das er für eine Rückpassage als Blinder Passagier aufzubringen hätte, wird er niemals verdienen können. Sein Baustellenkumpel Guillermo (Luis Alberto), will nordwärts in die USA, wo er ein Land aus Milch und Honig vermutet. Derweil kehrt der Kindsvater von Ramins Vermieterin Leti nur schimpfend und fluchend aus ebendiesem vermeintlichen Paradies zurück. Sein Frust fliesst in seinen Machismo, unter dem zuvorderst sie leidet. Sie lehrt Ramin einige Brocken Spanisch und hegt leise Hoffnungen, bis sie ähnlich überrascht wie Guillermo den Versuch eines Kusses von Ramin beobachtet. Leti lächelt, Guillermo schlägt zu – wäre indes nachts und betrunken einer alternativen Triebbefriedigung dann noch gänzlich abgeneigt. In «Luciérnagas» von Bani Khousnoudi befinden sich alle Figuren in einem Niemandsland realer Hoffnungslosigkeit. Jeder Anflug von potenziellem Trost endet als platzende Traumblase. Die einzige etwas versöhnliche Ahnung für ein Publikum besteht im Wandel der Haltung der Figuren von frei schwebenden Manövriermassen hin zu beherzt ein Ziel anvisieren und drauflosarbeiten. Obs soweit kommt, ist allerdings reihum mehr als fraglich.

 

 

Trotzdem: Kopf hoch!
Er war ein grosser, eleganter, athletischer Mann mit einem Lächeln wie aus der Zahnpastawerbung, erzählen damalige Kinder über den jüdischen Sportler und Sportlehrer Fredy Hirsch, der ihnen die Jahre im Ghetto Theresienstadt und später im Konzentrationslager Auschwitz zumindest für Momente erträglich gemacht hatte. Immer wieder kommt einem «La vita e bellà» von Roberto Benigni in den Sinn, wo es einem Erwachsenen durch die spielerische Herstellung einer Illusion glückt, das Kind von der furchtbaren Realität fernzuhalten. Offiziell hat Fredy Hirsch (1916 – 1944) kurz vor dem letzten Gang in die Gaskammer Suizid begangen, aber gegen Ende von Rubi Gats «Dear Fredy» steht diese Lesart immer deutlicher im Zweifel. Er war ein herausragender Leichtathlet, der an den Olympischen Sommerspielen hätte teilnehmen sollen, indes in die Tschechische Rebublik vor der Nazis flüchtete und dort die jüdische Sportjugendgruppe ‹Maccabi› gründete. Gemäss Filmzeugnissen lebte er für die damaligen Verhältnisse verblüffend offen schwul, wobei diese Lebensweise aus den Nacherzählungen damaliger Kinder keine konkreteren Konturen annimmt als der allgemeinen Bekanntheit, dass er Männer liebte. Dafür wird umso zentraler seine Heldenhaftigkeit betont. Sein unbeirrtes Eintreten für eine Verbesserung der hygienischen Bedingungen für die Kinder und deren Ernährung. Jemand im Film sagt: «He knew ho to talk to Mengele.» Rubi Gat hebt eine schier unglaubliche Vita aufs Podest von unerschrockener Tapferkeit und Mut in desaströsesten Zeiten und hinterlässt einen zuletzt demütig.

 

Wiederum auf der gegenüberliegenden emotionalen Seite steht «Mamma + Mamma» von Karole Di Tommaso, eine der raren hochgradig selbstironischen Auseinandersetzungen mit dem Kinderwunsch eines lesbischen Paares und dem folgenden, krampfhaften Bemühen, die Fertilität in Richtung Maximaleffizienz zu pimpen abliefert. Die Ernsthaftigkeit des Kinderwunsches per se stellt sie nicht infrage, aber dank der italienischen Komplettüberdrehtheit weit über das zentrale Thema hinaus ist der Film beinahe schon durchgeknallt komisch. Wenn die das Kind austragende Mutter Karole (Linda Caridi) im Albtraum mit dem leeren Kinderwagen spazieren fährt und unter der Brücke eines ausgetrockneten Flussbettes einen Fiat Cinquecento voller strickender alter Frauen antrifft, die ihnen die Telefonnummer der Jungfrau Maria als Lösung anbieten, ist das gleichermassen witzig als Idee, trefflich für die Absurdität von Albträumen über gar noch nicht eingetroffene Katastrophen und eine sehr deutliche Breitseite über die Dominanz der katholischen Kirche in der Bewahrung einer rigiden Sexualmoral in der breiten italienischen Gesellschaft. Der lebensuntüchtige Ex ihrer Frau Ali (Maria Roveran) sowie der ungeheuerlich geschäftstüchtige Arbeitsmigrant sprechen je für sich regelrecht Bände.

 

Eine aus der Wut geäusserte, abfällige Bemerkung in Richtung einer Fernsehkamera bringt dem Olympiaschwimmer Matthias (Nicolas Gob) statt einer Qualifikation für die bevorstehende WM die verbandsseitige Strafaktion einer Homophobiekur durch Direktkontakt. Er muss die schrille Amateurtruppe im Wasserball «Les Crevettes Pailletées» für die Gay Games in Kroatien trainieren. Das Feelgoodmovie von Maxime Govare und Cédric Le Gallo ist ein Feuerwerk der Klischees – mit dem Sahnehäubchen einer der schönsten Abdankungsszenen. Die bunte Truppe aus der zynisch gewordenen Politschwester Joël, der Grindrtunte Xavier, dem Nesthäkchen Vincent, dem Beau Jean usw. hat gar nicht das Siegen im Sinn, sondern im ganz olympischen Sinn ist Teilnahme alles. Was das im Fall der Gay Games heisst, illustriert eine feuchtfröhliche Partynacht vor dem entscheidenden Spiel – notabene gegen eine Wand burschikoser Kampflesben. Musikalisch wie im Anspielungsreigen ist dieser Film das reinste Hohelied auf die 90er und funktioniert via die durchgezogene Komplettüberhöhung sämtlicher möglicher Klischees in einem Saal voller LGBT-Publikum auch als sichtbare Einladung zur etwas aus der Mode gekommenen Selbstironie.

 

Ein Konzept, mit dem «Les Balletts Trockadero de Monte Carlo» seit den 70er-Jahren mit Klassikerparodien die Weltbühnen erobern. Bobby Jo Hart begleitet die professionelle Truppe für den Film «Rebels on Pointe» in einer recht konventionellen amerikanischen Dokumentarfilmweise. Sie verstehen sich als Hommage an das Ballett Russe und legen Wert darauf, ihre Spässe rein tänzerisch begründet im jeweiligen Kontext des Stückes einzuflechten: «Es ist wichtig, dass das Publikum versteht, worüber es lacht», sagt Liz Harlier, die Managerin. Anhand der Historie der New Yorker Tanzcompagnie lassen sich die Zeitläufte schön ablesen. Was als schrille Performanceidee an Privatkunstanlässen in New Yorker Lofts bereits um die Stonewall-Jahre begann, ist heute eine internationale Unterhaltungsmaschinerie, die die Aidskrise der 80er beinahe nicht überstanden hätte. Der langjährige künstlerische Leiter Tory Dobrin beobachtet aber auch noch eine andere Entwicklung. Während sie ursprünglich als reine Bespassung wahrgenommen wurden, sitzt heute in allen Vorstellungen eine beachtliche Anzahl Kinder, denen der Umgang der «Trocks» mit der annähernd militärischen Strenge des klassischen Balletts die Angst nimmt und die Freude weckt, selber mit dem Tanzen zu beginnen. Neben der mitgemeinten Botschaft der lustvollen Infragestellung von Geschlechterrollen ist die Compagnie, denen die Tänzer jahre- bis jahrzehntelang treu bleiben, mit ihren 40 Tänzern auch ein Abbild des ganz normalen Wahnsinns namens Leben. Der Italiener, der so oft wie möglich heimreist, um seinen mittlerweile betagten Eltern beizustehen, das Paar, dass sich hier kennen und lieben gelernt hat und den feierlichen Gang zum Standesamt wagt. Der Film macht richtiggehend lust, die Compa­gnie mal wieder live zu sehen.

 

 

Coming-Out
Zumindest anfänglich schrill ist auch «Kanarie» von Christiaan Olwagen. Johan Niemand (Schalk Bezuidenhout) heisst der exaltierte Sohn einer evangelikalen Burenfamilie in Südafrika, der sein ganzes Geld in Platten von 80er-Popstars wie Boy George investiert und für ein paar Rand Wetteinsatz sogar im Hochzeitskleid die Hauptstrasse hinunterdefiliert. Als Pianist hat er das Glück, seinen Militärdienst beim Verteidiungschor Kanarie absolvieren zu dürfen. Die unter dem Aspekt der Maximalmännlichkeit armeeintern als nutzlos verschriene Truppe ist aber bei weitem nicht so bunt, wie der Name vermuten liesse. Zwar stossen mit dem effeminierten Ludolf und dem schüchtern-schönen Wolfgang zwei scheinbar verwandte Seelen zur Kompanie. Aber der herrschende Militärdrill in Kombination mit der Moralstrenge der Ultrareligiösen verwandelt die ursprüngliche Leichtigkeit der Erzählfärbung in einen bedeutungsschweren Konflikt mit Johans internalisierten Homophobie. Solange er und Wolfgang beste Freunde mit denselben Vorlieben sind, kann sich Johan frei und locker fühlen. Als Wolfgang auf einer Kasernentoilette mal Hand anlegt und Johan Erleichterung verschafft, kippt die Tonlage vollends. Die Konfrontation mit der Konsequenz in der Realität von Johans bisher nur in Gedanken getragenen Sexualität spült in ihm augenblicklich eine Woge aus Schuld, Verboten und Angst ins Gemüt. Alle Leichtigkeit ist dahin. Die weitere Spieldauer thematisiert den unmöglichen Umgang mit der Schwere, gleichzeitig ein gottgefälliges Leben und eine unbeschwerte Sexualität führen zu können.

 

Dieses Glaubensproblem haben Yad (Majid Mardo) und Joris (Josha Stradowski) in «Just Friends» von Annemarie van de Mond alias Ellen Smit nicht. Das Partyanimal Yad, Sohn von syrischen Migranten, geniesst das Leben in vollen Zügen, beruflich wenig ambitioniert und finanziell ewig klamm. Sein Scheitern in Amsterdam führt zur Verteidigungsrede, die Hauptstadt wäre völlig überbewertet. Familiär wird er dafür mit der Teilnahme an der Hausarbeit und dem Mitbezahlen für Unterkunft und Essen versucht, zur Raison gebracht zu werden. Die elterliche Idee einer baldigen Eheschliessung schwingt leise mit. Joris ist das verwöhnte Richkid, der als Kon­trast zum Leben seiner Mutter als wandelndes Silikondepot und einer einzigen besten Freundin, der Flasche, seine Energie in Krafttraining und Games steckt. Seine Oma Ans (Jenny Arean) trägt ihr Herz auf der Zunge. Genauso wie ihren Hass auf Nazis, ihre Abscheu gegen Überangepasstheit und ihre lockeren Ansichten über Sexualität, die aus der Zeit der freien Liebe gefallen zu sein scheinen. Yad ist ihr Haushaltshelfer, was die beiden Jungs ohne konkrete Zukunftsperspektive einander näher bringt, wobei Yad spielerisch vorgeht und Joris zögerlich. «Just Friends» ist gemäss Drehbuchautor Henk Burger das Resultat einer Trotzreaktion auf die Ausschreibung von Produktionsgeldern für Beziehungskomödien des Niederländischen Fernsehens, die sowieso nur die immergleichen Heteroromanzen fördern würden. Siehe, es kam anders…

 

 

Milieustudien
Überraschungen bietet auch der Eröffnungsfilm «Carmen y Lola» von Arantxa Echevarría, der im Roma-Milieu vor den Toren Madrids spielt. Carmen (Rosy Rodriguez) ist mitten in den Vorbereitungen, traditionell in jungen Jahren ehetechnisch weitergereicht zu werden, clanintern und zum wirtschaftlichen Vorteil. Die weitverzweigt noch irgendwie verwandte Lola (Zaira Romero) lebt in einem heruntergekommenen Fahrendenghetto in den Gemäuern eines ehemaligen Gefängnisses und behandelt ihren Frust über die wirtschaftliche Lage und die mangelnde Aussicht auf ein berufliches Fortkommen mit Graffiti. Ein einschlägiges davon sprüht sie an die Wand vor der Wohnung der Verlobten, die sie zuvor auf dem Markt näher kennenlernte. Eine solche, für alle sichtbare Liebeserklärung sorgt für Getuschel in der Community, spätestens ab dem Moment, in dem klar wird, dass sie nicht vom Bräutigam stammt. Diesen abzuschiessen, scheint gemäss Filmsetting überhaupt kein Problem, es handelt sich keinesfalls um eine Zwangsehe im buchstäblichen Sinn. Aber ein Flirt mit einer Geschlechtsgenossin an ihrer statt ist ein Tabubruch zuviel und provoziert die gewaltbereiteste, erbarmungsloseste und lautstärkste Reaktion, die ein patriarchal-hierarchisches Selbstverständnis elternseitig hervorbringen kann. Der einzig mit Laien realisierte Filmerstling ist dramaturgisch und in der Figurenzeichnung mitunter holprig, aber als Einblick in ein in sich geschlossenes Milieu aufschlussreich.

 

Eher aus der Abteilung Wunschdenken stammt «Evening Shadows» von Sridhar Rangayan. Die bare Existenz eines Filmes mit homosexueller Thematik aus Indien ist dabei das Ereignis. Der Dauphin und Fotograf Kartik kehrt aus der Grossstadt zurück zu den Eltern aufs Land. Der herrische Vater hat dessen Zukunft schon verplant. Fotograf ist kein Beruf, er solle ihm besser als Staatsangestellter folgen, und weil heiraten ja sein muss, hat er Kartik auch schon eine Braut ausgesucht. Kartik aber lebt in der Stadt sogenannt verwestlicht mit seinem Mann zusammen und sieht sich in einem bollywoodesken Spiessrutenlauf dazu veranlasst, seiner Mutter Vasudha (Mona Ambegaonkar) final reinen Wein einzuschenken, was diese zu einem komplett überraschenden, auch in den Folgen recht brüsk die Handlung verkehrenden Machtwort gegenüber ihrem sie bislang respektlos herumkommandierenden Gatten motiviert. Wenns so leicht wär, in Indien als Frau eine Stimmung und auch Deutungs- und Handlungsmacht zu erlangen, wär die Welt eine andere.

 

Für Lorenzo (Angelo Mutti Spineza) fällt die Veränderung über Nacht quasi vom Himmel. Der Sohn des ältesten Freundes des Vaters, Gaíto (Lautaro Rodriguez) wird zur Überraschung aller vorüber bei ihnen einquartiert. Als emotional verwilderter Sohn eines Drogensüchtigen hat er sich gegen den tätlichen Angriff des grossen, starken Bruders mit einer Eisenstange gewehrt, heisst es. Gaíto, der es sich gewohnt ist, dass sich niemand um ihn schert, wird Lorenzo, der reichlich altklug-vernünftige Jüngere, als Aufpasser zur Seite gestellt. Seine Eltern, so wird «Mi mejor amigo» von Martín Deus im weiteren Verlauf zeigen, ist wegen der früheren Nähe des Vaters zum Drogenmilieu in die Einsamkeit der argentinischen Pampas geflohen, wo sich ein Familienidyll mehr schlecht als recht herstellen lässt. Es ist die schüchtern-unschuldige Geschichte einer emotionalen Annäherung zwischen dem Haudrauf und dem Stubenhocker, in der beide vom anderen dazulernen und in der dank dieser Begegnung innerfamiliär endlich auch die Tabuthemen angesprochen werden können.

 

 

Konventionen und Verbote
Reden ist in einem Dorf im Schottland der 1950er-Jahre nicht das Thema. Tuscheln und ausgrenzen schon eher. Wenn dann eine Frau wie Jean (Anna Paquin) auch noch die Frechheit besitzt, sich als Ärztin niederlassen zu wollen und der sitzengelassenen Mutter Lydia (Holliday Grangier) mitsamt Sohn Unterkunft wiewohl Auskommen aus Haushälterin anzubieten, kippt die ganze bigotte Scheinwelt eines sogenannt anständigen Lebens aus den Fugen. Der Mann ist der Herr und ihm allein steht jedes Recht zu. Seine Frau zu verlassen, ihr den Sohn wegzunehmen und ihr das Arbeiten zu verbieten. Annabel Jankels «Tell it to the bees» hat einen deutlichen Schlag in Richtung pittoresker Romanze, deren Ausgang von vornherein feststeht. Sorgfältig inszeniert und gefilmt, doch mit den Bienen und einem engelsgleichen Sohn Charlie (Gregor Selkirk) als emotional ergreifende Komponenten der schieren Rührseligkeit etwas gar aufsässig lieblich.

 

Erst auf den zweiten Blick regelrecht brutal, statt bloss wie auf Anhieb vermutet ausserordentlich herb ist «The Harvesters» von Etienne Kallos. Janno (Brent Vermeulen) lebt als ältester Sohn in einer evangelikalen Grossfamilie im Bible-Belt Südafrikas. Sein Leben besteht aus Pflichterfüllung und Beten. Mit der Kraft des Glaubens will die Familie auch den gefallenen Pieter (Alex van Dyk) auf den rechten Weg zurückführen. Zur Not tun es auch völlig profane Methoden wie einsperren und auspeitschen. Der offen mit seiner bisherigen Drogenkarriere und seinem Erfolg als schwulem Sexworker prahlenden Pieter schlägt dabei eigenartigerweise eine gänzlich verschiedene Tonlage entgegen als Janno, von dem gerüchteweise nur die Vermutung kursiert, er könne sich in den Vorzeigerugbyspieler seiner Schulmannschaft verknallt haben. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die gesamte Grossfamilie aus Pflegekindern besteht, die in einer abgeschotteten Welt darauf getrimmt werden sollen, das Fortbestehen dieser ultrareligiösen Burengemeinschaft sicherzustellen. Der Film zeigt zwei einander zuwiderlaufende Entwicklungen. Während Pieter mit der Peitsche sämtliches Anderssein ausgetrieben wird, genügt bei Janno schon eine Ahnung, um ihn aus der Gemeinschaft auszustossen und ihn vor dem Nichts stehend fallen zu lassen. Ersatz ist ja jetzt da.

 

In abgeschwächter Form, weil hier die Torastudentin Yael (Moran Rosenblatt) vergleichsweise schmerzlos durch eine neue ausgetauscht werden kann, passiert das auch in «Red Cow» von Tsivia Barkai. Die Hauptfigur ist Benni (Avigail Kovari), die etwas zu selbstständig denkende Tochter des örtlichen Hohepriesters in den Siedlungen Ostjerusalems. Was die Girls hier zusammenkiffen ist verblüffend. Das zweite zentrale Element ist ein Kalb mit rötlichem Fell, dem eine dermassen übergrosse Erlösersymbolik zugesprochen wird, dass es einen wundern könnte, dass die Elterngeneration vor lauter Glaubensbekenntnissen und dem Austausch von politisch extremistischen Spitzen überhaupt noch Energie dafür haben, sich darum zu kümmern, was die Töchter im Privaten tun.

 

In «The Miseducation of Cameron Post» wird diese Aufsicht der Einfachheit halber grad an ein Camp für Konversionstherapie delegiert. Doch statt folgsamen Gleichaltrigen trifft Cameron (Chloë Grace Moretz) auf eine Versammlung widerständischer Scheinheiligkeit. Das Konzept der christlichen Austreibung sämtlicher homoerotischer Neigung krankt an der Menschlichkeit und der darin integrierten Fehlbarkeit. Wenn die Tests nur so ausgefüllt werden, dass die Resultate die Erwartung der Leitung erfüllen, hat das jugendliche Individuum wieder für eine zeitlang seine Ruhe. So auch das Trio bestehend aus Cameron, Jane und Mark, die allesamt nicht an einer übertriebenen Religiosität leiden. Andere trifft die – final polizeilich aufgelöste – Beugeanstalt tiefer ins Mark, vornehmlich aber via den bisherig lebenslang eingetrichterten Glauben, der – erst einmal verinnerlicht – zum Grundsatzproblem im Umgang mit einer säkular-modernen Lebensweise wird. Regisseurin Desiree Akhaban bürstet ihre Kritik an der Existenz solcher Einrichtungen von vornherein in die klare Richtung einer nahezu höhnischen Verachtung ihnen gegenüber. Die erdrückende Schwere einer dadurch mitunter evozierten existenziellen Not delegiert sie an eine nur am Rand gestreifte Tragödie.

 

 

Ich! Ich! Ich!
Darüber hinaus war auch recht Eigenartiges zu sehen wie die filmische Aufarbeitung einer eigens durchlittenen Angststörung von Gregor Schmidiger in «Nevrland», der primär beim Fachpublikum der Psychologie gut ankam. Aber auch Labels wie ein ‹Teddy-Award› der Berlinale sind nicht immer Garantien für Glücksgriffe. So bleibt die Alien-Rettung in «Breve historia del planeta verde» so befremdlich, wie es klingt. Die altbewährte Dramatikerregel, dass Liebesgeschichten am besten aufhören, wenn sie erst beginnen, möchte Ruth Caudeli mit «Eva + Candela» aufbrechen, zementiert sie damit aber erst recht. So ein Alltagsleben mit sichtlich uninspiriertem Pflichtsex ist nicht der Stoff, mit dem Traumfabriken am laufen gehalten werden. Womits zum Schluss in Richtung Ärgernis geht, ohne dies ein PinkApple-Jahrgang nicht vollständig wäre. Die vermeintliche Oma-Hommage von Stéphanie Rutishauser wie auch die Dokuinszenierung über den Pornostar Fostter Riviera und sein Verhältnis zur Mutter sind tendenziell Mogelpackungen, bedienen sie doch primär den Narzissmus des Ich! Ich! Ich! Der Rückblick auf die frühen Jahre von Aids in «1985» von Yen Tan ist formal viel zu glattpoliert, um an die Nieren zu gehen, die Auswahl der Gendervielfalt in Sophie Dros’ «Genderbende» ermöglicht ausser dem fokussierten Blick darauf, wie divers die Welt und der Mensch darin ist, keine weitere Erkenntnis. Das ist aber alles nur halb so wild, zieht man «Birds of the Borderland» von Jordan Byron mit in Betracht: Die Australierin reist nach Jordanien, weil sie heisst wie der Fluss. Sie bleibt und beginnt sich – ohne jegliche Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten wie Sitten, Machtverhältnisse etc. – in die Leben mehrerer versteckt lebender LGBT-Menschen so massiv einzumischen, dass man sich zuletzt um deren Unversehrtheit sorgt. Dass man immer noch an einer solchen Selbstüberschätzung leiden kann und mit dem kolonialistisch konnotierten Gefühl eines «ich komm euch jetzt mal kurz retten» die Leben einer Vielzahl Ortsansässiger konkret gefährdet und sich trotzdem als stolzeR AktivistIn selbstinszeniert, ist nur dreist und dumm. Das unbeabsichtigt Positive daran ist die (an sich unnötige) Bestärkung, dass auch Muslime keine kinderfressenden Monster sind. Heureka;-)

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